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Proberaum wird abgerissen: Nieder Shanty-Chor funkt SOS

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Von: Michael Forst

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Ist das schon Geschichte? Die Sänger des Chors geben sich 2019 für den Fotografen ein Stelldichein an der Nidda. FOTO: leonhard hamerski
Ist das schon Geschichte? Die Sänger des Chors geben sich 2019 für den Fotografen ein Stelldichein an der Nidda. FOTO: leonhard hamerski © Leonhard Hamerski

Corona und Vergreisung machen dem Ensemble mit seinen acht Sängern zusätzlich zu schaffen.

Frankfurt -Corona hat zwei Jahre lang alle Auftrittsmöglichkeiten zunichte gemacht, der Kampf gegen die Vergreisung wird immer schwieriger - und auch der Proberaum in der Kita "Grüne Winkel" ist längst futsch: Der 1. Nieder Shanty Chor kämpft ums Überleben - und sendet den vielleicht letzten Hilferuf: "Um unsere Zukunft sieht's leider ziemlich düster aus", sagt Chorleiter Jürgen Thorwarth im Gespräch mit dieser Zeitung. Corona sei hart gewesen und das Fehlen junger Kräfte schon immer eine Herausforderung, erklärt er, und fügt hinzu: "Aber dass wir schon zu Beginn der Pandemie unsere Proberäume verloren haben, könnte uns den Todesstoß versetzen."

Gebäude im Frankfurter Westen wird abgerissen

Hintergrund des Verlustes des Proberaums: Die alte Kita "Grüne Winkel" inmitten der Eisenbahnersiedlung in Nied wird in Kürze abgerissen, an ihrer Stelle soll ein Neubau entstehen (wir berichteten). Die Kinder sind schon übergangsweise in die Ausweich-Kita, Container in die Werner-Bockelmann-Straße, gezogen.

Thorwarth sagt, dass es in Gesprächen mit der Evangelischen Gemeinde keine Alternativlösung gegeben habe. Auch nach Anfragen an andere Kirchengemeinden, wie die an seinem Wohnort, der Kuhwaldsiedlung, in Bockenheim habe sich kein Ausweichquartier für den Chor herauskristallisiert. "Und einen Proberaum zu mieten, kommt nicht in Frage", erklärt Thorwarth. "Das können wir nicht leisten - schließlich haben wir ja keine Einnahmen."

Frankfurter Shanty-Chor: Wie ein Schiff, auf dem Dock gefangen

Die zwei Jahre ohne Proben seien für den Seemannschor wie ein Schiff gewesen, das nicht mehr in See stechen kann, und auf dem Dock gefangen liegt. Das habe den Teamgeist und die Moral der Truppe empfindlich getroffen, sagt Thorwarth. Ein herber Verlust war auch der Tod des Mitglieds Dieter Gerbig im vergangenen Winter. Hinzu kommt: Als er den "1. Nieder Shanty Chor" vor knapp 20 Jahren gründete, seien alle Mitglieder noch in Nied selbst wohnhaft gewesen. Nach und nach aber sei fast jeder umgezogen, die Anfahrtswege, etwa von Marburg oder Bad Hersfeld aus, seien entsprechend länger geworden - und damit auch die Überwindung, zu den Proben zu erscheinen. Dennoch reichte die Motivation immer noch.

Frankfurter mit fescher Seemannskluft und großem Repertoire

Das Ensemble - neben dem Eschersheimer Shanty-Chor das einzige seiner Art in Frankfurt - fand Beachtung und Applaus, war mehr als nur ein exotischer Farbtupfer in der Chor-Szene des Frankfurter Westens. Auf Hochzeiten, in Altenheimen, aber auch auf großen Veranstaltungen wie dem renommierten Shanty-Festival im ostfriesischen Carolinensiel fand die Truppe in ihrer feschen Seemannskluft mit ihrem 50 Lieder starken Repertoire viel Anklang. Mit Musik im Herzen und Meersalz im Blut.

Die Klassiker und Publikumslieblinge wie "Rum aus Jamaica" oder "Das schmeißt doch einen Seemann nicht gleich um" hatte der Chor ebenso drauf wie "Santiano" von den erfolgreichen, gleichnamigen Shanty-Rockern - das war dann aber auch die einzige, kleine Konzession an den musikalischen Zeitgeist.

Der Probenrückstand ist zu groß

Doch die Sänger zauberten nicht nur frische Brisen und Seemannsromantik auf die Bühnen, sie wuchsen auch zu einem echten Team von Freunden zusammen. Man frotzelte und lachte viel gemeinsam. Die schönen Erinnerungen machten die momentane Situation laut Thorwarth besonders bitter: Nun, da die gelockerte Pandemielage wieder Auftritte ermöglicht, könne der Chor kein Engagement annehmen. "Der Probenrückstand ist einfach nicht so schnell aufzuholen." Der musikalische Anspruch, immer die bestmögliche Qualität abzuliefern, steht schlicht davor.

Gerade erst wurde er angefragt, ein Lied für eine CD aufzunehmen, an der sich auch andere regional bekannte Künstler beteiligen. Eigentlich ein Traum für die Sänger - doch genau das wird er nun wohl auch bleiben. Dennoch mag Jürgen Thorwarth den nach seiner Einschätzung "wohl kleinsten hessischen Shanty Chor" noch nicht ganz zu Grabe tragen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt er trotzig.

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