Prof. Ursel Heudorf: Jeder kleine Fehler im Krankenhaus ist gefährlich

Prof. Ursel Heudorf ist Expertin für multiresistente Keime beim Gesundheitsamt. Sie weiß, wie gefährliche Acinetobacter baumanii sein kann.

In vielen anderen Ländern ist Acinetobacter baumanii schon lange ein Problem. Der Fall Kiel zeigt, dass der Erreger in Deutschland angekommen ist. Ganz neu ist er hierzulande allerdings nicht, oder?

PROF. URSEL HEUDORF: Wir kennen den Keim, und wir haben einen Mordsrespekt vor ihm. Wir wissen genau, dass er höchst sensibel behandelt werden muss, weil er eine Riesenbedrohung ist.

Im Jahr 2006/07 gab es auch Ausbrüche in Frankfurt – sind damals auch Patienten gestorben?

PROF. HEUDORF: Es sind Patienten gestorben. Das waren allesamt Patienten, die vor der Infektion mit dem Keim bereits schwer krank waren. Ob sie an dem Keim oder mit dem Keim gestorben sind, können wir nicht sagen.

Viele Menschen tragen den Keim unbewusst im Darm – gefährlich wird er aber nur in der Blutbahn. Wie kommt er vom Darm dorthin?

PROF. HEUDORF: Über sogenannte Kontakt- oder Schmierinfektion, also wenn sich jemand nach dem Toilettengang nicht richtig die Hände wäscht beispielsweise. Das Problem ist, dass der Keim sehr widerstandsfähig ist und auf Oberflächen – etwa einer Türklinke – wochenlang überleben kann. Wenn Sie da im Krankenhaus einen kleinen Fehler machen und die Fläche nicht richtig desinfizieren, taucht er früher oder später auf irgendwelchen Wunden auf.

Und dann hilft kein Medikament mehr. . . Wie häufig verlaufen Infektionen mit Acinetobacter baumanii tödlich?

PROF. HEUDORF: Wenn Infektionen mit Acinetobacter-baumanii-Stämmen auftreten, die nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden können, kommt es nicht selten auch zu Todesfällen. Genaue Zahlen sind nicht publiziert.

Ist der Keim auch für ansonsten gesunde Menschen gefährlich?

PROF. HEUDORF: Ja. Auch bei ansonsten gesunden Menschen kann der Keim schwere und praktisch nicht behandelbare Infektionen auslösen.

Angesichts des Kieler Falls fordern Patientenschützer, Patienten grundsätzlich auf multiresistente Erreger zu testen, also umfassender zu „screenen“. Halten Sie das für sinnvoll?

PROF. HEUDORF: Jein. Screening ist wichtig, die Aussagekraft eines Screenings bei multiresistenten gramnegativen Erregern wie beispielsweise Acinetobacter wird aber überschätzt. Zum einen gibt es noch keine Schnelltests, zum anderen kann sich der Keim beim Screening recht gut hinter anderen Erregern im Darm verstecken. Dann kann man ihn nicht nachweisen; das bedeutet aber nicht, dass er nicht da ist. Es kann sein, dass der Keim erst nach einer Antibiotika-Therapie nachweisbar ist, weil dann die anderen Erreger abgetötet sind und der multiresistente Keim übrig bleibt und sich ausbreitet. Unser Netzwerk hält es für sinnvoll, Patienten zu screenen, bevor sie auf die Intensivstation kommen und dies während des Aufenthalts auf der Intensivstation regelmäßig zu wiederholen.

Halten Sie es für möglich, dass uns dieser Keim in Frankfurt mal richtig Probleme bereiten wird?

PROF. HEUDORF: Ich hoffe es nicht. Ich denke, dass die Frankfurter Krankenhäuser sehr wachsam sind, und ich hoffe, dass es immer gelingen wird, den Erreger schnell in den Griff zu bekommen und größere Ausbrüche zu vermeiden.

(stef)

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