Roland Schimmel (54) ist Hochschullehrer an der Frankfurt University of Applied Sciences (der früheren Fachhochschule). Dort unterrichtet und prüft er seit 2005 Studenten im Bürgerlichen Recht in den wirtschaftsrechtlichen und betriebswirtschaftlichen Studiengängen mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Zuvor hat er zehn Jahre lang als Rechtsanwalt in Frankfurt gearbeitet. Mit den manchmal merkwürdigen Auswüchsen der juristischen Fachsprache befasst er sich nach eigener Aussage "ungern und unsystematisch, aber gezwungenermaßen wiederkehrend." Den Zusammenhang zwischen klarem Gedanken und klarem sprachlichen Ausdruck hat er schon zuvor in Lehrbüchern für studentische Leser zu zeigen versucht, etwa "Juristische Klausuren und Hausarbeiten richtig formulieren". Dieses Standardwerk für Jura-Studenten erschien inzwischen in der 14. Auflage.
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Roland Schimmel (54) ist Hochschullehrer an der Frankfurt University of Applied Sciences (der früheren Fachhochschule). Dort unterrichtet und prüft er seit 2005 Studenten im Bürgerlichen Recht in den wirtschaftsrechtlichen und betriebswirtschaftlichen Studiengängen mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Zuvor hat er zehn Jahre lang als Rechtsanwalt in Frankfurt gearbeitet. Mit den manchmal merkwürdigen Auswüchsen der juristischen Fachsprache befasst er sich nach eigener Aussage "ungern und unsystematisch, aber gezwungenermaßen wiederkehrend." Den Zusammenhang zwischen klarem Gedanken und klarem sprachlichen Ausdruck hat er schon zuvor in Lehrbüchern für studentische Leser zu zeigen versucht, etwa "Juristische Klausuren und Hausarbeiten richtig formulieren". Dieses Standardwerk für Jura-Studenten erschien inzwischen in der 14. Auflage.

Frankfurt

Professor Schimmels Gespür für Sprache

Behördenkauderwelsch, Politikerphrasen, Juristendeutsch - all das kann man sich abgewöhnen: Wenn man will. Im Interview erklärt Professor Schimmel, wie das geht.

Roland Schimmel, der an der Frankfurter "University of Applied Sciences" (der früheren Fachhochschule am Nibelungenplatz) das Fach Jura lehrt, hat ein Buch über die sich immer mehr verkomplizierende juristische Fachsprache geschrieben. Es ist eigentlich ein Übungsbuch für Studenten, aber auch der an juristischen Fragen interessierte Laie liest es mit Gewinn, mitunter muss er auch lauthals lachen. Wir haben mit dem Juristen über sein Werk gesprochen.

Wie kommt man denn überhaupt auf so ein Thema?

Indem man lesend über sprachliche Zumutungen stolpert, die am Rande des intellektuell Verarbeitbaren liegen. Und zwar in Gesetzen, Gerichtsurteilen, Verwaltungsakten, wissenschaftlichen Büchern und Fachzeitschriftenbeiträgen. In meinem Fall manchmal auch in den Abschlussarbeiten von Studenten. Das zeigt, dass schon junge Leute sich diese Dinge angewöhnen können, etwa eine Sprache mit so einem obrigkeitlichen Ton, den man eigentlich seit dem vorletzten Jahrhundert ausgestorben geglaubt hätte. Aber auch ein ganz unnötig verschwurbelter Ausdruck in den Texten junger Wissenschaftler. Also habe ich meine Notizzettel auf einen Stapel gelegt, die alle unter der ungeschriebenen Überschrift standen "Echt jetzt?" - und schon war das Buch zur Hälfte fertig.

Jeder hat schon mal geseufzt über die Zumutungen einer gestelzten Behördensprache. Aber zum Schluss geht es ja irgendwie doch. Ist das nicht ein Luxusproblem?

Im Vergleich zur globalen Klimaveränderung oder der heiklen Menschenrechtssituation in manchen Ländern des Nahen Ostens - sicher. Andererseits: Rechtsfragen gehen alle an, ständig. Denken Sie an Grundrechtseingriffe zur Seuchenbekämpfung. Oder an Kündigungsfristen bei Fitness-Studios. Wenn Richter und Anwälte, Verwaltungsmitarbeiter oder Polizeibeamte über Rechtsfragen in einer Sprache reden, die die Betroffenen kaum verstehen können, ist das nicht gut. Schon gar nicht in einem Rechtsstaat. Der harmlosere Teil des Problems wird sichtbar, wenn Nachwuchswissenschaftler die etablierten Kollegen zu beeindrucken versuchen, indem sie eine sprachlich seltsame Suppe kochen aus Bandwurmsätzen, mehrfach verschachtelten Passivkonstruktionen und Fremdwortgewittern. Das bleibt im Elfenbeinturm, der gesellschaftliche Schaden ist gering, und man kann es in der Kuriositätenschublade ablegen unter "Silberrücken, Zwölfender und Solche-die-was-werden-wollen". Anders sieht das aus, wenn Gesetzgeber und Gerichte sich einer Sprache bedienen, die schon die Fachkollegen nicht mehr sicher verstehen, die "Laien" aber gleich gar nicht. Für Urteile zahlen wir alle über Steuern und im einzelnen Streitfall über Verfahrenskosten. Wer in einem Rechtsstreit unterliegt, möchte wenigstens verstehen können, warum das so ist. Auch ohne teuren Dolmetscher. Und ein Gesetzgeber, den alle durch Wahlen legitimieren und der in jedermanns Freiheit eingreifen kann, der möge sich bitte einigermaßen verständlich ausdrücken.

Na gut, es ist kein Luxus- problem. Aber doch ein alter Hut, oder?

Ja, ziemlich. Alle paar Jahre kommt eine Stilfibel, Stillehre oder Stilkunde auf den Buchmarkt. Extra für Juristen. Wer Anleitung sucht, hat also Auswahl. Und über Verwaltungssprache, Behördendeutsch, Juristenlatein und unverständliche Abkürzungen, Politikerphrasen und alle diese Ärgernisse ist schon lange und viel geschimpft worden. Das ist ja schon beinahe ein Allgemeinplatz. Bestenfalls liefert es Stoff fürs Kabarett. Nur besser wird es nicht. Jedenfalls gefühlt nicht. Vielleicht ist das Problem auch unlösbar. Die Sprache des Rechts tradiert viele alte Zöpfe. Hinzu kommt der ernstzunehmende Einwand, dass Juristen anders als etwa Mathematiker oder Chemiker keine Formelsprache benutzen können, sondern ihre Fachsprache an die Allgemeinsprache anlehnen müssen. Aber sie brauchen eben auch haufenweise Fachausdrücke und müssen von der allgemeinen Bedeutung von Wörtern abrücken können, um einen fachlich genau bestimmten Gedanken bezeichnen zu können. Das geht nicht anders.

Ist es dann nicht aussichtslos, solchen Zuständen abhelfen zu wollen?

Und wenn - man müsste es doch trotzdem versuchen. Ich habe ein bisschen anders angesetzt als die gängigen Stillehren. Was unerträgliche Juristensprache sei, habe ich nicht mehr lange vorgetragen, sondern nur sehr schlank zusammengefasst. Stattdessen habe ich knapp 250 Beispiele aus Gesetzgebung, Rechtsprechung und Wissenschaft zusammengestellt und gebe die dem Leser an die Hand. Zum Üben. Das unterstellt, es wäre ein Wille zur Besserung, und skizziert einen Weg. Hinten im Buch findet der Leser dann Vorschläge, wie man den jeweiligen Beispielsatz verständlicher hätte fassen können. Klingt nicht so wahnsinnig originell - aber merkwürdigerweise gab es das bisher fast nicht. So lädt das Büchlein seine Nutzer ein, mit sich selbst oder ihrer Lerngruppe zu diskutieren, welcher Kompromiss zwischen fachlicher Genauigkeit und einfacher Lesbarkeit am ehesten vertretbar ist. Statt sich von mir belehren lassen zu müssen - wer wäre ich denn auch? - kann sich der Leser so selbst ein wenig erziehen. Und es ist auch sonst ein bisschen - ja - konzeptionell ungewöhnlich.

Für wen ist das Buch in erster Linie geschrieben?

Hauptsächlich habe ich an Studenten gedacht, Jura einerseits und die vielen juristischen "Bindestrichfächer" andererseits: Wirtschaftsrecht, Steuerrecht, Sozialrecht usw. Mit jüngeren Lesern vor Augen ist es leichter, den Ton nicht zu schulmeisterlich zu halten und auch mal augenzwinkernd die Kollegen und mich ein bisschen auf den Arm zu nehmen. Tief im Herzen wünsche ich dem Büchlein aber lauter "erwachsene" Leser: Richter und Anwälte, Wissenschaftler und Verwaltungsbeamte. Die können oft genug eine Erinnerung gebrauchen, dass sie nicht für sich selbst schreiben, sondern für "Kunden". Meistens sind das Kunden, die weniger von der Materie verstehen. Aber es sind auf die eine oder andere Art fast immer zahlende Kunden. Am schönsten wäre es, wenn ganz viele Juristen das Buch als giftiges kleines Geburtstagsgeschenk für Kollegen aussuchen würden. Oder als spontanes Mitbringsel.

Inwiefern ist nun das Konzept ungewöhnlich?

Juristische Fachbücher sind traditionell Bleiwüsten. Wenn der Leser Glück hat, ist hier und da eine Übersicht dabei, eine Tabelle vielleicht oder eine Liste mit Aufzählungszeichen. Die haben aber immer einen eindeutigen Zusammenhang mit dem Text, einen benennbaren pädagogisch-didaktischen Anlass. Was es praktisch nicht gibt, sind Illustrationen, Karikaturen oder dergleichen. Das empfindet man als nicht seriös und deswegen unpassend. Ich wollte schon länger gern einmal ausprobieren, ob das nicht doch funktioniert: Jenseits schlichtester Gebrauchsgrafik, aber ohne den Anspruch "ganz großer" Kunst Bilder in den Text einzustreuen, die den Leser wenigstens kurz innehalten lassen.

Warum soll der Leser innehalten?

Aus zwei Gründen, mindestens. Zum einen mutet ihm das Buch konzentriertes Arbeiten zu, mit Textbeispielen, von denen man sich manchmal gern genervt abwenden möchte. Wichtiger finde ich aber die Gelegenheit zu einem Perspektivwechsel. Die Tiere in den Collagen von Martin Glomm sehen den Leser oder die Übungstexte auf der Nachbarseite an - und zwar mit einem skeptischen, kritischen, gelegentlich gutmütig-amüsierten, immer aber distanzierten Blick. Klar, es ist ja ein tierischer Blick. Das könnte den Leser daran erinnern, dass ein Blick von außen auf so einen Fachtext eine gute Idee ist. Mit ein bisschen Abstand gelingt es leichter zu fragen: Werde ich mit so einer Formulierung noch verstanden? (Der dritte Grund übrigens: Alle 20 Minuten sollte der Leser den Raum lüften, selbst wenn er allein ist. So sind die Zeiten.)

Mit Ihrem Wort gefragt: "Funktioniert" es denn?

Schwer zu sagen bisher. Die Freunde und die Kollegen, die Testleser und der Verlag haben die Idee und ihre Umsetzung natürlich freundlich lächelnd gelobt. Aber die sind ja auch recht nah an mir dran. Man wird sehen müssen, was die Leser und die Rezensenten meinen. Es kommt nur eher selten eine E-Mail an den Autor aus dem Leserkreis. Einstweilen wird das Buch gekauft, das ist schon mal ein erstes gutes Zeichen; wir haben es letztens neu aufgelegt. Und wenn die Leser es zu schräg finden, nimmt wenigstens der Autor eine bereichernde Erfahrung mit.

Nämlich welche?

Die Zusammenarbeit mit einem Grafiker. Klingt unspektakulär, war aber für mich ein mittlerer Augenöffner. Das ging schnell, assoziationsstark, manchmal fast schon funkensprühend. Oft haben wir über die gleichen Dinge gelacht - und hoffen, dass an gleicher Stelle auch der Leser lächeln wird. Und was ich an Martin Glomm sehr schätze: Er lässt völlig uneitel eine Idee auch wieder fallen, wenn sie sich nicht in den Zusammenhang fügt, oder baut ein Bild von Grund auf neu. Das erlebt man ja auch gelegentlich ganz anders. So kam der Gedanke dann wie von selbst, nach der Ablieferung an den Verlag weiter an dem Projekt zu arbeiten.

Wie geht es denn weiter, wenn das Buch schon fertig ist?

Durch Zufall - wenn es denn Zufälle gibt - ploppte die Gelegenheit auf, aus den Grafiken eine kleine Ausstellung für das Klingspor-Museum in Offenbach zu entwickeln. Die bereiten wir gerade vor. Nicht ganz einfach, wenn man es zum ersten Mal macht... Aber wir hoffen auf neugierige Besucher, weil die Bilder viele Betrachter auch ganz ohne juristischen Bezug ansprechen. Und vielleicht kann man in so einem Format zeigen, warum es eben doch naheliegt, ein Fachbuch mit einem kleinen Augenzwinkern zu illustrieren. Wir werden sehen.

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