Die gebürtige Stuttgarterin Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet seit November 2020 die Klinik für Psychiatrie am Klinikum Frankfurt Höchst. Studiert hat sie Humanmedizin. Bevor sie von 1995 bis 1999 ihre berufliche Laufbahn als Ärztin in Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt Höchst startete, sammelte sie unter anderem Erfahrungen im Fachbereich Chirurgie. Ihre Promotion erhielt sie 1998 am Uniklinikum Frankfurt. Es folgte die Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. 2009 folgte sie dem Ruf an die Vitos Klinik Eichberg in Eltville, wo sie als stellvertretende Klinikdirektorin für Psychiatrie und Psychotherapie startete und 2011 die Leitung der Klinik übernahm. Die Chefärztin bezeichnet sich als "Wahl-Frankfurterin" und schätzt in der Region das multikulturelle Flair sowie Opern-, Theater- und Museen. Sie reist gerne und lernt Sprachen, liebt die italienische Oper und die verschiedensten Achtsamkeitsübungen. elle
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Die gebürtige Stuttgarterin Prof. Dr. med. Sibylle C. Roll ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet seit November 2020 die Klinik für Psychiatrie am Klinikum Frankfurt Höchst. Studiert hat sie Humanmedizin. Bevor sie von 1995 bis 1999 ihre berufliche Laufbahn als Ärztin in Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie in Frankfurt Höchst startete, sammelte sie unter anderem Erfahrungen im Fachbereich Chirurgie. Ihre Promotion erhielt sie 1998 am Uniklinikum Frankfurt. Es folgte die Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. 2009 folgte sie dem Ruf an die Vitos Klinik Eichberg in Eltville, wo sie als stellvertretende Klinikdirektorin für Psychiatrie und Psychotherapie startete und 2011 die Leitung der Klinik übernahm. Die Chefärztin bezeichnet sich als "Wahl-Frankfurterin" und schätzt in der Region das multikulturelle Flair sowie Opern-, Theater- und Museen. Sie reist gerne und lernt Sprachen, liebt die italienische Oper und die verschiedensten Achtsamkeitsübungen. elle

Montagsinterview

Professorin zur neuen Normalität in Coronapandemie: "Es ist wichtig, nicht sofort von Null auf Hundert zu wechseln"

Prof. Dr. med. Sibylle Roll erklärt im Montagsinterview, wie die Menschen nach dem Lockdown zurück zur Normalität finden.

Prof. Dr. med. Sibylle Roll leitet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum in Höchst. Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Michelle Spillner erklärt sie, wie man jetzt, da die Einschränkungen zunehmend zurückgenommen werden, wieder ins Tun kommt. Es geht auch um die Gewohnheiten, die wir uns in fast eineinhalb Jahren Pandemie angeeignet haben. Wie kann man die guten Angewohnheiten retten und weniger gute Angewohnheiten wieder loswerden? Und wie kann man mit der bestehenden Unsicherheit hinsichtlich der Pandemie umgehen?

Frau Prof. Roll, ist die Pandemie nach eineinhalb Jahren zur Gewohnheit geworden?

Wir haben mit Beginn der Pandemie angefangen, Dinge zu tun, die wir vorher nicht gemacht haben. Das heißt, da sind in gewisser Weise Gewohnheiten entstanden.

Man sagt, dass alles, was man länger als 60 Tage macht, zur Gewohnheit wird. Stimmt das?

Die 60 kommt von einer Britischen Studie und ist der Mittelwert. Die Range war 18 bis 258 Tage. Die Spannweite ist also ziemlich groß. Das liegt daran, dass es mehrere Faktoren gibt, die dazu beitragen, wie schnell wir eine Gewohnheit lernen. Ist es eine einfache Gewohnheit? Zum Beispiel sich im Auto anzuschnallen. Viel schwieriger ist es, jeden Tag Sport zu treiben. Wenn ich eine Gewohnheit einübe, die ich mit etwas Positivem verbinde, ist sie schneller automatisiert, als wenn sie mit etwas Negativem verbunden ist.

Was sind seit der Pandemie einfache Gewohnheiten?

Die Maske ist schnell zur Gewohnheit geworden. Schaut man sich ältere Filme an, bekommt man schon ein befremdliches Gefühl, wenn da viele Menschen ohne Masken zusammen zu sehen sind.

Was sind die schwierigen Gewohnheiten seit der Pandemie?

Es ist nicht zur Gewohnheit geworden, alleine zu bleiben oder sich nicht zu sehen. Die Leute strömen bei diesem wunderbaren Wetter raus. Das betrifft allerdings nicht die psychisch erkrankten Menschen, sie gehen jetzt, da es wieder möglich ist, vielleicht auch nicht raus. In der Pandemiezeit haben sich manche psychischen Erkrankungen durch die Isolation verschlechtert.

Was kann man für diese Menschen tun

Es ist wichtig, dass diejenigen, denen es besser geht, versuchen, diese Menschen zu aktivieren, zu motivieren. Man kann es mit kleinen Schritten versuchen, erstmal nur einen Kaffee trinken gehen. Oder vielleicht einfach nur vor die Haustür, in den eigenen Garten oder Vorgarten. Es ist wichtig, nicht sofort von Null auf Hundert zu wechseln, denn das werden viele nicht schaffen. Das kennt man ja aus dem Arbeitskontext: Wenn es eine Riesenaufgabe ist, dann muss man sich dieser in kleinen Etappen nähern, damit man ein Erfolgserlebnis hat.

Welche Gewohnheiten haben die Menschen noch entwickelt?

Es gibt alles: Menschen, die ihre Couch lieben gelernt haben und ihren Fernseher. Solche, die wieder viel lesen. Familien spielen wieder Gesellschaftsspiele. Puzzle haben Hochkonjunktur, gerade für die, die alleine sind. Es gibt tatsächlich alles, von auf der Couch liegen und nur noch Fernsehen gucken, bis hin zu jenen, die sportlicher sind denn je.

Es gibt also auch ganz viele tolle Sachen, die die Menschen angefangen haben...

Unbedingt. Und die sollte man auch beibehalten, wie beispielsweise Joggen oder Meditieren. Das ist eine Chance. Daneben kann auch Homeoffice eine Chance sein. Durch Corona waren viele Firmen gezwungen, ihren Mitarbeitern das zu ermöglichen. Viele haben für sich einen positiven Effekt daraus gezogen. Es gibt natürlich auch Probleme: Homeschooling und Homeoffice gleichzeitig, das kollidiert auch oftmals.

Viele Menschen haben sich an Heimarbeit gewöhnt und wollen nicht zurück ins Büro. Was raten Sie denen?

Man könnte versuchen, vielleicht mit halben Tagen im Büro und halben Tagen im Homeoffice anzufangen. Das wäre ein Kompromiss, auf den sich der eine oder andere Arbeitgeber einlassen könnte. Ansonsten sollte man schauen, dass man abends etwas Entspannendes macht, zum Beispiel Stand-up-Paddling: Das hat eine unglaublich beruhigende Wirkung, wenn man da so auf dem Wasser dahingleitet.

Wenn man schlechte Angewohnheiten entwickelt hat - wie wird man die los?

Wenn meine Gewohnheit für mich mit etwas Positivem verbunden ist, auch wenn sie schädlich ist, wie beispielsweise das Rauchen, dann sollte ich mir klar machen, dass das eigentlich gar kein positiver Effekt ist, sondern ich ihn nur so wahrnehme. Davon wieder wegzukommen, das ist gar nicht so einfach. Wenn ich vielleicht täglich 30 Zigaretten geraucht habe, mir erstmal vornehmen, an dem Tag nur 20 zu rauchen. Dass man versucht, sich das peu à peu wieder abzugewöhnen und durch andere Dinge, die subjektiv genauso positive Effekte bringen, zu ersetzen. Dabei hilft es, eine Tagesstruktur zu haben, mit wenig Leerläufen. Hier in der Klinik haben wir dafür einen therapeutischen Wochenplan.

Also weniger rauchen, aber dafür mit einer Freundin spazieren gehen, damit ich die Zeit ausfülle und ein schönes Erlebnis habe?

Ganz genau. Es sei denn die Freundin ist genauso Raucherin, wie ich, dann habe ich ein Problem mit der Umsetzung: Dann rauchen wir gemeinsam unsere Schachtel.

Wie sieht das Konzept des Tagesplans aus?

Man schafft sich ein Gerüst, indem man sich für den Tag einen Stundenplan schreibt, wie früher, in der Schule. 8 Uhr: Aufstehen, 9 Uhr: Frühstücken, 10 Uhr: Spazierengehen, ... .

Wenn man sich mal nicht daran hält, ist das nicht schlimm. Da darf man sich nicht unter Druck setzen. Wichtig ist, dass ich ein Gerüst habe.

Da sollte aber nicht drei Stunden Computerspiele, stehen, oder?

Nein (lacht). Wenn ich das unbedingt machen möchte, dann kann ich mir eine halbe Stunde einplanen. Damit ich weiß, ich kann das doch machen, aber nicht so lang. Das ist nicht so radikal. Das Radikale ist erfolglos.

Wie motiviert man sich?

Indem man die Perspektive nicht verliert. Gastronomen zum Beispiel hatten es ja ganz schwer. Aber manche haben sich Perspektiven geschaffen, einen neuen Wirtschaftszweig gefunden, Online-Kochkurse angeboten, die mehr boomen als das Restaurant vorher. Ich glaube, wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen zusammentut, um eine Alternative zu finden, das hilft. Sich vielleicht mit Kollegen zum Frühstück - online oder real - verabreden, um genau über so etwas zu reden und dadurch auch eine Verbindlichkeit herzustellen und Perspektiven.

Wie geht's den Jugendlichen?

Sie hat Corona schwer getroffen. Gerade in der Pubertät, der Teenagerzeit, findet ein wesentlicher Meilenstein der Hirnentwicklung statt. In dieser Zeit können negative Umwelteinflüsse den Grundstein legen für eine spätere psychische Erkrankung.

Was raten Sie ihnen?

Es ist wichtig, dass sie rausgehen, sich treffen, dass sie Lerngruppen bilden. Das Problematische ist, dass sie nicht in Beziehung gehen konnten oder eben nur zu Hause. Und Beziehung ist - für uns alle - auch für die Hirnentwicklung ganz wichtig.

Das ist ja auch die Zeit der ersten Verliebtheit. Wie können Jugendliche nach diesen eineinhalb Jahren ohne konstante Kontakte daran anknüpfen?

Ich denke, dass die Jugendlichen online in Kontakt geblieben sind. Aber es ist ein Unterschied, ob ich am Bildschirm sitze, in "Sicherheit" oder ob da jemand neben mir sitzt und sich die Knie berühren. Man muss sehen, ob Corona dazu führt, dass wir mehr soziale Phobien entwickeln. Es ist - für alle - wichtig, jetzt nicht alleine zu Hause zu bleiben. Und wir wissen ja, die Delta-Variante sitzt uns schon im Nacken, und es wird wahrscheinlich wieder anders kommen. Wir sollten die Zeit, die wir jetzt haben, nutzen, um aufzutanken, damit wir die nächste Welle überstehen werden, auch wenn die sicher nicht mehr so heftig wird, wie die vorherigen.

Schüler waren über ein Jahr nicht richtig in der Schule, wie kommen die wieder in die Normalität des Lernens?

Auch da würde ich Lerngruppen empfehlen. Und Pausen einlegen: eine Viertelstunde an etwas sitzen, dann fünf Minuten Pause, dann wieder eine Viertelstunde, und so weiter, und irgendwann auf eine halbe Stunde erhöhen, dann eine Stunde. Und wenn ich es nicht durchhalte, dann versuche ich es am nächsten Tag wieder. Nicht erzwingen, das würde den Widerwillen verstärken.

Wie geht man mit der Verunsicherung um und der Unplanbarkeit?

Wenn man vor etwas Angst hat, sollte man sich die Fakten anschauen, sich damit konfrontieren und versuchen, das Ängstigende zu integrieren. Wir werden alle dieses Virus in den Alltag integrieren müssen, wir werden damit leben müssen, und wir werden einen Weg finden müssen, dass wir das, was wir tun müssen oder tun wollen, tun können, mit dem Virus. Gegen das Virus zu leben, wird schwierig werden. Da werden wir verlieren, das Virus ist stärker als wir. Deswegen ist es wichtig, Dinge umzugestalten, Lebensgewohnheiten zu verändern, und zu schauen, dass es eine positive Veränderung wird.

Wir brauchen eine große Flexibilität. Und wir brauchen im Prinzip immer einen Plan B - im Großen wie im Kleinen. Wenn ich keine Freunde treffen kann, dann treffe ich sie online oder ich habe einen Plan B, um zu Hause etwas Schönes zu machen. Wenn Corona mir beruflich im Wege steht, dann schaue ich auch da nach einem Plan B. Dass man nicht in ein Loch fällt und damit es weitergeht. Diejenigen, die einen Plan B hatten, waren besser dran.

Klingt gut. Aber wenn man wirklich nicht mehr kann?

Hinsetzen, durchatmen, versuchen, einen Schritt zurückzugehen und sich die Situation in Ruhe anzuschauen: Ist das wirklich so dramatisch, wie ich es erlebe? Oder könnte ich die Situation nicht auch anders bewerten? Sich runter regulieren, mit Sport, mit Achtsamkeitsübungen, Wichtig ist, wenn es einem nicht gut geht, Kontakt aufzunehmen, sich Unterstützung suchen. Das muss nicht immer professionelle Hilfe sein. Mit jemandem sprechen, dem man vertraut. Manche trauen sich nicht, weil sie denken, sie müssten das allein mit sich ausmachen.

Welche Achtsamkeitsübung kann jeder sofort machen?

Beispielsweise achtsam Pflanzen betrachten, befühlen, daran riechen. Sind die Blätter glatt? Haben sie Stachel? Sind die vielleicht behaart? Und wenn ich die knicke, gibt es ein Geräusch? Möglichst viele Sinne einsetzen: das Tasten, das Sehen, das Riechen, das Hören - das Schmecken ist ein bisschen gefährlich bei Pflanzen, da wäre ich vorsichtig. Diese Achtsamkeitsübung führt bei vielen zu einer Beruhigung. Stellen Sie sich einen kleinen Kräutergarten auf den Balkon oder in die Küche, dann können Sie sogar schmecken.

Was raten Sie denjenigen, die seit Corona richtig viel zu tun haben?

Ja, da denke ich auch an die Pflegekräfte und viele andere. Denen kann man raten: ganz viel Ausgleich schaffen. Am freien Tag etwas unternehmen, das zumindest einen Hauch von Urlaub vermittelt. Man kann wunderbare Mainfahrten machen, ich habe beispielsweise eine Mainfahrt nach Aschaffenburg gemacht - einen ganzen Tag. Man kann die schönen Parks in Frankfurt entdecken. Frankfurt ist wunderbar, gerade am Mainufer. Da kann man stundenlang Schiffen zuschauen.

Wir sind fast am Ende: Was raten Sie demjenigen, der jetzt die letzten Worte liest und dann vielleicht wieder alleine in seiner stillen Küche sitzt, was er nach der Lektüre machen soll?

Sofort rausgehen.

Prof. Dr. med. Sibylle Roll (rechts) erklärt Michelle Spillner, womit Menschen nach dem Lockdown zu kämpfen haben.

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