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Protest in Nied

Nied: Todes-Schranke

Protest ohne Ankündigung

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Weil die DB letztes Mal angeblich Züge umgeleitet hat, gab's keine Vorwarnung.

Gestern waren sie wieder da, im Berufsverkehr, aber ohne Ankündigung: Mitglieder der Nieder Bürgerinitiative "Die Schranke muss weg" haben an die im Stau Wartenden am Bahnübergang Oeserstraße Süßes verteilt - nach dem alten Schokoriegel-Werbemotto "Wenn's mal wieder länger dauert". Ohne Ankündigung deshalb, weil bei der Aktion in der vergangenen Woche zu beobachten gewesen war, dass die Schranken mehr oben als unten gewesen sind. Und schau an: Die Staus in der Oeserstraße waren gestern viel länger als vergangenen Donnerstag zur gleichen Zeit.

Die Mitglieder der Bürgerinitiative hatten in den kürzeren Schließzeiten am Donnerstag vor einer Woche eine Reaktion der Bahn auf ihre angekündigte Protest-Veranstaltung gesehen: Ihrer Ansicht nach hatte die Bahn damals im für die Aktion angekündigten Zeitraum zwischen 16 und 18 Uhr einen Großteil der Züge über die südlichere Trasse, also über den Griesheimer Bahnhof, umgeleitet. Ohne Ankündigung der Aktion waren die Schranken gestern deutlich länger unten; es waren mehr Züge auf der Strecke unterwegs.

In den vergangenen Wochen haben diverse Mitglieder der Bürgerinitiative beobachtet, dass sich die Schließzeiten der Schranke deutlich verlängert haben. In Einzelfällen sind bis zu 51 Minuten pro Stunde gestoppt worden; man habe beobachtet, dass bis zu acht Züge durchgefahren seien, ohne dass sich die Schranken ein einziges Mal gehoben hätten. Heike Stoner, die mit ihrem Mann Peter die Bürgerinitiative aus der Taufe gehoben hat, hat auf ihre an die Bahn übermittelten Fragen, warum sich die Schließzeiten so eklatant verlängert haben und ob die angekündigte neue Technik daran etwas ändern werde, bislang noch keine Antwort bekommen.

Der Widerstand gegen das seit Jahrzehnten zu beobachtende Zeitspiel bei der Beseitigung des Bahnübergangs wächst: Die Facebook-Gruppe der BI steht knapp vor 1500 Mitgliedern. Zwar haben der Bahnbevollmächtigte für Hessen, Klaus Vornhusen, und der Frankfurter Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) am 6. Oktober bei einer Veranstaltung auf dem Gelände der SG Nied, also direkt am Ort des Geschehens, die Ankündigung gemacht, dass eine Unterführung in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre kommen und eine separate Fußgängerunterführung schon bis 2024 Wirklichkeit werden soll, aber Ankündigungen dieser Art stoßen nach den Erfahrungen der letzten 30, 40 Jahre in Nied eher auf Skepsis.

Derzeit arbeitet die Bahn nach eigenen Angaben daran, den letzten von einem Schrankenwärter manuell bedienten Bahnübergang Frankfurts zu modernisieren: Er soll bis Ende nächsten Jahres endlich mit einer Ampel ausgestattet werden. Das hat den Grund, dass man darauf hofft, dass eine Ampel eher Beachtung findet als das Andreaskreuz. Denn eigentlich darf man als Autofahrer nicht über das Andreaskreuz hinweg in einen Bahnübergang einfahren, wenn der Kreuzungsbereich von Straße und Schienen nicht frei ist. Wegen der abstrusen Abbiege-Situation - auf dem Bahnübergang treffen ein halbes Dutzend mögliche Fahrtrichtungen aufeinander - kommt es aber immer wieder zu Behinderungen; Autofahrer stehen auf den Schienen und bekommen dann, wenn der nächste Zug naht, die sich senkende Schranke aufs Autodach.

Die Aktion an der Bahnschranke war gestern auf wenige Mitglieder der Bürgerinitiative beschränkt. Ihre monatliche Protestaktion mit vielen Teilnehmern immer am 7. eines Monats, also am 7. November, hat die Bürgerinitiative wegen des Lockdowns verschoben. "Es macht für mich und mein Orga-Team keinen Sinn, auch wenn wir ein freies Demonstrationsrecht haben und es mit Auflagen durchziehen könnten, unnötige Risiken einzugehen", sagt Heike Stoner. Am 7. Mai waren auf dem Bahnübergang eine junge Frau getötet und zwei weitere Personen schwer verletzt worden, als ein Zug der Hessischen Landesbahn bei offenen Schranken durchgefahren war. Holger Vonhof

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