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Hansjörg Schmitt und Karl-Burkhard Haus (v. l.) sind überzeugt, dass die europäische Einigung auch künftig der richtige Weg ist.

Bürgerbewegung will Begeisterung für europäische Einheit wecken

"Pulse of Europe": Wir sind gegen den Pessimismus“

Bis jetzt haben nur die Briten für den Ausstieg aus der Europäischen Union gestimmt, aber auch in anderen EU-Ländern sind nationalistische, europafeindliche Tendenzen stärker geworden. In Frankfurt hat sich eine Bürgerbewegung formiert, die wieder Begeisterung für die Europäische Einigung wecken möchte. „Pulse of Europe“ scheint damit einen Nerv getroffen zu haben. Christian Scheh hat mit Hansjörg Schmitt und Karl-Burkhard Haus, zwei der acht Initiatoren, über die Bürgerbewegung, Europa, dessen Probleme und Perspektiven gesprochen.

Wie zufrieden waren Sie mit der heutigen Veranstaltung?

HANSJÖRG SCHMITT: Das war ein ganz besonderer „Pulse-of-Europe“-Sonntag, weil in 40 Städten zugleich Demonstrationen stattfanden und weil über die Grenzen hinweg eine Solidarisierung mit Rumänien stattgefunden hat. Zudem verlieren die Rechtspopulisten in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland in den Umfragen an Zustimmung.

Ihre Bürgerbewegung „Pulse of Europe“ wächst. In Frankfurt steigt die Zahl der Kundgebungsteilnehmer, und auch in anderen Städten und Ländern gibt es schon Ableger. Haben Sie mit einer so großen Resonanz gerechnet?

KARL-BURKHARD HAUS: Klares Nein. Mich hat die Resonanz sehr überrascht. Ich hatte schon gedacht, dass das Thema einige Leute interessieren würde. Einen so großen Zuspruch hatte ich aber nicht erwartet.

SCHMITT: Bei mir war das ähnlich, obwohl ich schon davon überzeugt war, dass in den Menschen eine große Sympathie für den europäischen Einigungsprozess steckt.

Wie erklären Sie sich den Zulauf?

HAUS: Ich bin mir sicher, dass der Zuspruch mit dem Brexit und Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten zusammenhängt. Die beiden Ereignisse verunsichern viele Leute. Auf der anderen Seite führen sie offenbar zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl und einer Selbstvergewisserung europäisch gesinnter Menschen.

SCHMITT: Wenn Bedrohungen von innen oder außen aufkommen, kann das auch eine Chance für den europäischen Einigungsprozess sein, weil die Menschen zusammenrücken und sagen: „Nein, mit uns nicht, jetzt erst recht!“

Sie sind acht Personen, allesamt berufstätig, und kümmern sich nebenher um eine europaweit aufstrebende Bürgerbewegung. Wie schaffen Sie das?

HAUS (lacht): Das fragen wir uns auch die ganze Zeit.

SCHMITT: Wir arbeiten schon an der Belastungsgrenze und sind auch auf die Unterstützung derer angewiesen, die zu den Kundgebungen kommen. Aber die Arbeit ist auch unheimlich erfüllend. Der Stress ist ein positiver.

HAUS: Wir haben viele andere Dinge zurückgestellt, berufliche und private. Meine Tochter schreibt bald Abitur, und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht genug Zeit für sie habe. „Pulse of Europe“ ist für uns im Moment das Wichtigste.

Gibt es Augenblicke, in denen Sie das Gefühl haben, dass die Sache Ihnen über den Kopf wächst?

SCHMITT: Anstrengend ist es schon. Normalerweise dient der Sonntag ja als Erholungstag. Wegen unserer Kundgebungen ist der Sonntag aber inzwischen der intensivste Tag für uns. Aufbauen, reden, Anfragen beantworten, das alles fordert uns natürlich. Und dann müssen wir das Erlebte auch noch verarbeiten.

HAUS: Am Sonntagabend kommen die meisten E-Mails. Ich finde gerade den Montagmorgen sehr schwierig, weil wir dann ja gleich wieder loslegen und uns an die Umsetzung unserer neuen Ideen machen müssen. Ein wirkliches Motivationstief hatten wir aber noch nicht.

Gab es so etwas wie eine Geburtsstunde von „Pulse of Europe“?

HAUS: Ja, die Geburtsstunde war der Tag nach Trumps Wahl zum US-Präsidenten. Da verfasste ich eine E-Mail an meinen Freundeskreis und machte meinen Gefühlen über das Ereignis Luft. Daniel Röder war der Erste, der antwortete. Wir vereinbarten ein Treffen für den nächsten Tag, da hatte er schon den Namen und die Idee. Und dann haben wir die erste Mail an unsere Verteiler verschickt. So kam Ende November die allererste „Pulse-of-Europe“-Kundgebung im Europaviertel zustande.

Lässt sich „Pulse of Europe“ politisch irgendwo einordnen?

SCHMITT: Das ist eine Frage, die ich mir selbst stelle. Grundsätzlich wollen wir den bestehenden Staatenverbund in Europa erhalten. Das ist natürlich ein politisches Anliegen. „Pulse of Europe“ lässt sich aber keiner bestimmten politischen Richtung zuordnen, weil wir das ganze demokratische und gesellschaftliche Spektrum ansprechen.

HAUS: Wir sind im Vorbereitungskreis selbst nicht immer einer Meinung. Unser gemeinsames Thema ist aber der Erhalt der EU.

Es besteht also keine Nähe zu irgendeiner Partei?

HAUS/SCHMITT: Überhaupt nicht. Wir lehnen eine solche Nähe ausdrücklich ab.

Gab es schon Versuche parteipolitischer Vereinnahmung?

HAUS: Ja, wir erhalten Anfragen aus allen möglichen Richtungen und auch aus dem gesamten Parteienspektrum. Wir antworten aber einheitlich: Gespräche mit Politikern führen wir gern, wir wollen aber kein Podium für Parteipolitik bieten.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel für parteipolitische Anfragen. . .

HAUS: Das würde ich jetzt als unfair gegenüber den Anfragenden empfinden. Es waren aber auch schon Bundestags- und Europaabgeordnete dabei.

Warum zeigen Sie den Parteien die kalte Schulter?

SCHMITT: Ein Reiz von „Pulse of Europe“ liegt gerade darin, dass die Bewegung anders funktioniert als die etablierte Politik. Die meisten Parteien profitieren aber durchaus von uns, weil wir zur Teilnahme an politischen Wahlen und zum Votum für europafreundliche Parteien aufrufen.

HAUS: Mit Europa widmen wir uns einem Thema, das den gemäßigten Parteien sehr am Herzen liegt, das sie im Moment aber nicht öffentlichkeitswirksam ansprechen – wahrscheinlich aus Sorge, sich damit die Finger zu verbrennen.

SCHMITT: Wir kritisieren die Parteien und ihr Personal ja immer wieder dafür, dass es ihnen momentan nicht gelingt, Begeisterung für das Thema Europa zu entfachen.

Welches Profil hat der typische „Pulse-of-Europe“-Demonstrant?

HAUS: Den gibt es nicht. Das Spektrum ist sehr breit. Es reicht von Senioren bis zu jüngeren Leute und ganzen Abordnungen von Schulen, von sehr alternativen bis zu sehr eleganten Menschen. Es kommen auch enorm viele Familien mit Kindern.

Der Gesamteindruck ist aber doch ein bürgerlicher…

SCHMITT: Ich denke schon, dass die breite politische Mitte stark vertreten ist. Viele sagen uns, dass sie zum allerersten Mal auf einer Demo sind.

HAUS. Es sind keine Radaumacher und Steinewerfer dabei.

SCHMITT: Das Verbindende ist, dass alle das Gefühl der Begeisterung für Europa, aber auch ihre Befürchtungen teilen möchten.

Inwiefern spielt der Standort Frankfurt eine Rolle für „Pulse of Europe“?

SCHMITT: Das Frankfurter Element ist, glaube ich, ganz wichtig. Viele Menschen sind stolz darauf, dass Frankfurt eine so internationale Stadt ist und nationalistische Töne hier kaum zu hören sind.

Die Bewegung „Pulse of Europe“ betont, dass sie nicht gegen, sondern für etwas demonstriert: Für ein vereintes, demokratisches Europa, die Achtung der Menschenwürde, für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Toleranz etc. Können Sie trotzdem mal formulieren, wogegen die Bewegung ist?

SCHMITT: Gegen den Pessimismus in Europa. Wer, wenn nicht wir in Europa, darf optimistisch und zuversichtlich sein nach diesen 70 Jahren des Friedens. Ich frage mich, was mit uns Europäern los ist, dass wir das nicht mehr zu würdigen wissen. Gegen diese Europa-Lethargie und -Miesmacherei wenden wir uns. Wenn ein Stammtisch ins Europa-Bashing verfällt, dann muss man wirklich hingehen und sagen: „Sagt mal, geht’s noch?“

HAUS: Der aufkommende Nationalismus ist aus meiner Sicht auch eine Form von Kleinmut. Den Glauben daran, dass man die Probleme von heute nur in einer heimeligen Nationalmannschaft lösen kann, halte ich für komplett falsch.

SCHMITT: Falsch ist auch diese Entweder-Oder-Haltung. Ich schätze unser Land persönlich sehr und bin gerade deshalb daran interessiert, dass es in der europäischen Familie bleibt.

Sie werfen der großen Politik auf Europa- und Bundesebene vor, keine Vision für Europa zu haben. Wie sieht Ihre Vision für Europa aus?

SCHMITT: Uns ist es zunächst wichtig, die Begeisterung für Europa zu entfachen. Ansonsten denken wir gerade viel darüber nach, wie wir nach den Wahlen in den Niederlanden weitermachen. Das wird voraussichtlich mehr in Richtung Programmatik gehen. Derzeit geht es uns aber um die Geschlossenheit der Europäer, bis Europa – dieser Patient auf der Intensivstation – wieder einigermaßen stabil ist. Danach kann man über konkrete Reha-Maßnahmen nachdenken.

Patient ist ein gutes Stichwort, weil es in den europäischen Institutionen ja durchaus einen Reformbedarf und Missstände gibt. Wie gehen Sie als „Pulse of Europe“ mit den offensichtlichen Problemen um?

HAUS: In den europäischen Institutionen gibt es tatsächlich ganz klare Probleme, die wir auch sehen. Etwa das Zuviel an Bürokratie, das Demokratiedefizit oder den Mangel an Transparenz. Wir legen auch den Finger in diese Wunden.

SCHMITT: Wir wollen die Debatte über diese und andere Probleme befördern, und wir wollen, dass sich wieder alle gesellschaftlichen Kräfte an dieser Debatte beteiligen. Nur so können legitime Lösungs- und Reformansätze entwickelt werden.

HAUS: Das Wichtigste ist bei allen Reformbemühungen, dass die EU erhalten bleibt. Was nicht mehr besteht, kann man nicht mehr reformieren. Wenn durch Herrn Wilders in den Niederlanden und Frau Le Pen in Frankreich alles in Stücke geschlagen wird, stehen wir vor einem Scherbenhaufen.

Wie viele Ableger im In- und Ausland hat „Pulse of Europe“ inzwischen?

HAUS: Es sind inzwischen 26 Ableger in deutschen Städten. Im Ausland gab es schon Kundgebungen in Amsterdam und Paris. In Frankreich haben sich feste Gruppen in Toulouse, Lyon und Straßburg gebildet. Und auch in Portugal, Österreich und England gibt es großes Interesse. Ich hoffe, es wird noch viel internationaler werden.

Wo sehen Sie „Pulse of Europe“ in einem Jahr?

SCHMITT: Das werden die Menschen bestimmen, die wir ja nach ihren Wünschen und Anregungen gefragt haben. „Pulse of Europe“ wird mit Sicherheit weiter Impulsgeber für Europa und dessen Reformierung sein.

Und was wäre „Pulse of Europe“ in einem Jahr, wenn Sie sich etwas wünschen dürften?

SCHMITT: Wenn die Menschen es wollen, wird „Pulse of Europe“ die europaweite europäische Reformbewegung werden.

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