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Punk ist nicht tot, sondern Anwalt

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Von: Sarah Bernhard

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Christian Heidrich ist Strafverteidiger und hat eine eigene Kanzlei. Für ihn ist das kein Bruch zu seiner Vergangenheit als Punk, sondern ein Kontinuum. FOTO: michael faust
Christian Heidrich ist Strafverteidiger und hat eine eigene Kanzlei. Für ihn ist das kein Bruch zu seiner Vergangenheit als Punk, sondern ein Kontinuum. © Michael Faust

Stadtteil-Historiker Christian Heidrich zeichnet die Geschichte der Punk-Bewegung in Frankfurt nach - und damit seine Jugend.

Frankfurt -Christian Heidrich ist zehn, als ihm die Punks auf der Zeil zum ersten Mal auffallen. „Ich fand das abgefahren, dass Jugendliche auf Straße sitzen, sich ein Bier aufmachen und Leute anpöbeln.“ Es ist der Sommer 1977, die Hippie-Bewegung ist auf ihrem Höhepunkt, der Deutsche Herbst steht bevor. Heidrich kommt aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus, „fast ein bisschen spießig“, sagt er. „Nicht Mainstream zu sein, Sachen zu hinterfragen, das ruppige Andersdenken - diesen Geruch von wild, Freiheit, Musik, das fand ich total verschärft.“

Sein bester Kumpel, der im Wohnblock im Nordend ein Stockwerk höher wohnt, und einer von gegenüber sind genauso fasziniert. Irgendwann fangen auch sie an, auf der Straße zu sitzen und zu provozieren. Sie tragen enge Hosen und Jacken aus Leder und mit Nieten, färben sich die Haare bunt und formen daraus Spikes, jene Frisur, bei der die Haare wie Hörner abstehen. Die Eltern nehmen es hin. „Sie waren kleinbürgerlich, aber wahnsinnig tolerant.“ Nur die Großeltern seien einmal fast vom Stuhl gefallen, als er an Weihnachten mit pumucklroten Spikes ankam.

Provokation mit Stinkefinger

Die drei ziehen mit älteren Punks durchs Bahnhofsviertel, fahren auf Konzerte in ganz Deutschland und prügeln sich ab und zu mit Skinheads oder den Opelanern vom Presswerk - wenn das Verhältnis so steht, dass sie gewinnen können. Punk ist damals noch unpolitisch, man provoziert mit Stinkefinger und Hakenkreuz, „Hippies nervten genauso wie Nazis, Gelaber, Opas und das ZDF“. Die Verbindungen zur Kunst sind noch viel enger, Frauen sind gleichberechtigt, ohne dass es groß auffällt.

In der Schule träumen die drei Freunde davon, Rockstars zu werden. Auf die erste Platte soll das Foto vom Gebiss eines Menschen, der schlechte und aufgrund einer Erbkrankheit braune Zähne hat. Doch die meisten Clubs, etwa die 1976 eröffnete Batschkapp, verwehren Punks den Zutritt. Also sammelt sich die Szene an der Hauptwache oder am Eisernen Steg und dann im 1975 gegründeten JuZ Bockenheim in der Varrentrappstraße 38, wo später unter anderem die Toten Hosen und die Böhsen Onkelz ihre ersten Auftritte spielen.

Bereits einige Jahre später teilt sich die Punk-Szene. Die einen wenden sich linken Gruppen zu, die Gegenbewegung rebelliert mit einem Rechtsruck. „Heidi“, wie Heidrich damals genannt wird, bewahrt sich seine Unabhängigkeit. „Ich habe mich immer als politischen Menschen gesehen, aber die linke Szene war mir teilweise zu dogmatisch.“ Er will weiterhin alles hinterfragen dürfen.

Frankfurt bekommt seine eigene Villa Kunterbunt

Zehn Jahre, nachdem Heidrich zum ersten Mal bewusst Punks gesehen hat, richtet der Verein für Soziale Arbeit im ehemaligen „Wöhlerhaus“ in Rödelheim ein Betreutes Wohnprojekt ein. Zusammen mit seinen Mitbewohnern renoviert „Heidi“ das heruntergekommene Haus in der Assenheimer Straße, das sie „Assi“ oder - in Anlehnung an Pipi Langstrumpf - die „Villa bunter Kinder“ nennen, in Eigenregie. „Und wir machten uns die Welt, wie sie uns gefällt“: Das Pferd, das Pipi im Wohnzimmer hat, ist in der Villa bunter Kinder ein Moped, an dem ein Kumpel schraubt, andere können kochen, nähen, Haare schneiden. „Heidi“ kann Musiker managen. Er gründet das Label „Alm-Records“ und geht mit verschiedenen Bands ins Tonstudio. Die Platte mit den gelben Zähnen auf dem Cover erscheint, seine Bands treten teilweise in ganz Europa auf.

Sie spielen die Punks im Tatort und Ein Fall für Zwei

100 Mark Essensgeld muss jeder Assi-Bewohner im Monat bezahlen, doch nachdem die ersten Reibereien mit den Rödelheimern durch sind, bekommen sie regelmäßig Reste vom Biobäcker oder vom türkischen Gemüsehändler. Einige arbeiten bei der Arbeitslosenselbsthilfe im zweiten Stock des JuZ, die Wohnungsentrümpelungen macht, wovon auch die Einrichtung des Hauses profitiert. „Außerdem wurden für den ,Tatort’ und für ,Ein Fall für Zwei’ immer mal wieder Punks gesucht, das waren 80 Mark für einen Tag.“ Regelmäßig tragen die Bewohner auch Sofas nach draußen und feiern spontan Straßenfeste, einmal basteln sie Schwerter und Rüstungen und ziehen als Ritter durch Rödelheim. Einfach so, weil es Spaß macht und sie es können. „Gerade die Zeit in dieser großen WG hat mich sehr erfüllt“, sagt der 55-Jährige. „Die Erlebnisse und Freiräume, die wir hatten, das ist heute unvorstellbar.“

Aus rund 150 Personen habe der harte Kern der Frankfurter Punkszene bestanden, schätzt Heidrich. Plus 500 bis 2000 Unterstützer. In einem Punkt unterschied sich „Heidi“ von den meisten von ihnen: Er studierte - Jura. In die Vorlesungen kommt er mit frisch gefärbten Haaren, dafür schleppt er Freunde in Bundfaltenhosen mit in die „Assi“. Auch bei seinem Referendariat am Landgericht Darmstadt sind seine Haare noch bunt. „Aber irgendwann war dann die Luft raus.“ Ende der 1990er verlässt er die Szene, ohne seine Freunde aus den Augen zu verlieren. Bis heute trifft er manche von ihnen auf Konzerten oder im kürzlich geschlossenen Backstage.

„Ich muss gar nichts“

Mittlerweile ist Heidrich Strafverteidiger und hat eine eigene Kanzlei. „Für mich ist das kein Bruch zu damals, sondern ein Kontinuum.“ Denn auch jetzt verbiege er sich nicht und ecke deshalb oft an - sowohl bei seinen Kollegen, als auch in der ehemaligen Punkszene. „Da geht mir vieles auf den Sack. Zum Beispiel, dass man da jetzt politisch korrekt sein muss. Ich muss gar nichts.“ Er grinst. „Dieses Lebensgefühl von damals ist offensichtlich immer noch in mir drin.“

Die Idee, einen Film über die Punkszene zu machen, trägt er schon länger mit sich herum, als er vom Stadtteil-Historiker-Projekt der Polytechnischen Gesellschaft liest. „Das war dann wieder typisch Punk: Ich kann nichts und weiß nichts, aber ich mach jetzt mal ne Doku.“ Er interviewt seine Weggefährten, was wegen Corona komplizierter ist als gedacht, bringt sich Videoschnitt bei, sucht den passenden Sound. „Ich will zeigen, was war, wie es dazu gekommen ist und was daraus geworden ist, mit geilen Bildern und knalliger Musik. Es soll schon ein bisschen fetzen.“

Denn oft, wenn er heute auf Punkkonzerte gehe, sei ihm ein bisschen langweilig. „Die spielen wie wir vor 40 Jahren. Aber heute ist Punk etabliert. Das Progressive, dieser Wunsch, die Dinge neu zu machen, das ist total verlorengegangen.“ Dabei, sagt Heidrich, und klingt kurz etwas wehmütig, sei es doch genau das, was einen Punk einmal zum Punk gemacht habe.

Der Film

Der Film „Die Geschichte des Punkrock in Frankfurt“ wird voraussichtlich 45 Minuten dauern und vermutlich im Café Exzess und beim Offenen Kanal in Offenbach gezeigt werden.

Christian Heidrich in seiner Jugend. ReprO: Michael Faust
Christian Heidrich in seiner Jugend. ReprO: Michael Faust © Michael Faust

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