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Stadtelternbeiratsvorsitzende Julia Frank

Bildung

"Alle sind im Blindflug unterwegs"

Der Landkreis Berchtesgadener Land hat es durchgezogen: Dort wurden Schulen und Kitas aufgrund der rasant gestiegenen Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus wieder geschlossen. Droht das auch Frankfurt? Die Eltern fürchten dies zumindest. Redakteurin Julia Lorenz sprach mit der Vorsitzenden des Stadtelternbeirats Julia Frank über Unterricht auf Distanz, fehlende Luftfilteranlagen und bibbernde Kinder im Unterricht.

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt in Frankfurt weiter rasant. Machen sich Eltern, Lehrer und Schüler Sorgen, dass es erneut zu Schulschließungen kommen wird? Im Berchtesgadener Land ist das ja jetzt passiert.

Natürlich befürchten wir das. Einige Eltern würden sich sogar wünschen, dass die Schulen jetzt schließen, damit man endlich Gewissheit hat. Da gehen die Meinungen aber stark auseinander. Ich bin gegen eine erneute Schließung der Schulen.

Warum?

Wir können uns das nicht erlauben. Es gibt zu viele Kinder, die dadurch benachteiligt werden. Was wir brauchen, ist aber eine Chancengleichheit. Der Unterricht auf Distanz, der wird allerdings kommen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Am Montag hat die Schule nach den Herbstferien wieder begonnen, trotz der steigenden Infektionszahlen ganz normal. Wie ist das aus Ihrer Sicht angelaufen?

(seufzt) Mehr schlecht als recht. Es fehlt einfach an Transparenz und klaren Vorgaben. Alle sind im Blindflug unterwegs.

Was hätten Sie sich denn von der Politik gewünscht?

Klare Vorgaben und Transparenz. Die Schulgemeinden brauchen Klarheit. Momentan scheinen aber alle noch in Schockstarre angesichts der rasant steigenden Zahlen zu sein und keiner macht etwas. Probleme werden immer erst angegangen, wenn sie bereits aufgetaucht sind und nicht schon vorher. Das ist ziemlich unbefriedigend.

Wie gut sind denn die Schulen auf einen möglichen zweiten Lockdown oder Distanz-Unterricht vorbereitet?

Die Schulen haben aus dem Lockdown gelernt. Viele Schulen haben die Klassen jetzt vorsorglich schon mal in A- und B-Gruppen eingeteilt, damit sie so die Zahl der Schüler im Raum reduzieren und die Kinder wochenweise oder tageweise in Präsenz unterrichten können. Aber ab wann die Klassen verkleinert werden, wann das entschieden wird, all das ist unklar. Das Robert-Koch-Institut hat empfohlen, die Zahl der Schüler ab einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 zu reduzieren. Dieser Wert ist in Frankfurt längst überschritten, aber aus dem Kultusministerium hört man nichts. Im Gegensatz dazu hat Bayern da ganz klare Regeln. Wir Eltern müssen uns doch darauf einstellen können.

Was hat sich an den Schulen seit März denn getan? Hat man dazu gelernt?

Auf der Stadtebene hat sich auf jeden Fall etwas getan. Man hat gelernt, dass die Kinder, die zu Hause keinen Computer oder Laptop haben, mit technischem Gerät ausgestattet werden müssen, damit sie angemessen lernen können. Dafür wurden 9000 Laptops angeschafft, die bis Ende des Monats in allen Schulen angekommen sein sollen. Das ist auf jeden Fall ein guter Anfang. Außerdem werden die Schüler mit Datenvolumen versorgt, falls sie zu Hause keinen Internetzugang haben.

Gut, Computer gibt es also. Aber ist der digitale Unterricht damit wirklich gesichert?

Kultusminister Alexander Lorz hat immerhin angekündigt, dass bis Ende November alle Schulen an das hessische Schulportal angebunden sein sollen. Ich bin gespannt. Bisher stehen noch viele Frankfurter Schulen auf der Warteliste. Zur Überbrückung wäre es sinnvoll, auf Plattformen von privaten Anbietern zurückzugreifen. Da gibt es so gute Angebote. Aber auch hier fehlt eine vorausschauende Planung.

Lüften alle 20 Minuten gilt als das Allheilmittel, um die Schulen durch den Winter zu bringen. Haben Sie Ihre Kinder denn schon mit Thermounterwäsche und Decken ausgerüstet?

Nein, noch nicht. Aber das werde ich jetzt machen. Das ist ein ganz großes Thema an den Schulen, die Kinder fragen tatsächlich danach. Aber wir werden nicht alleine mit Lüften durch den Winter kommen.

Sondern?

Es muss immer wieder nachgesteuert werden und etwa Raumluftfilter angeschafft werden. Ich weiß von vielen Fördervereinen an Schulen, dass sie diese Geräte auf eigene Kosten anschaffen wollten. Das wurde ihnen aber untersagt, weil alles einheitlich passieren sollte. Das verstehe ich wirklich nicht. Man könnte sich etwa auf einige Gerätetypen einigen, die dann auch über die Schulgemeinden angeschafft werden könnten. Hier wäre etwas weniger Bürokratie wünschenswert.

Immerhin hat das Land am Montag angekündigt, den hessischen Schulen zehn Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um Luftfilteranlagen für die Klassenräume, in denen nicht gelüftet werden kann, zu besorgen.

Da kann man sich aber schon die Frage stellen, warum das Geld erst jetzt bereitgestellt wird. Dass es im Herbst und Winter zu Problemen kommen wird, war ja abzusehen. Zudem reicht das Geld natürlich hinten und vorne nicht und bisher gibt es noch viele Unsicherheiten. So weiß beispielsweise noch niemand, wie die Schulen an das Geld kommen und wer die Geräte besorgt. Aber es ist ein Anfang. Das Thema muss jetzt schnell angegangen werden. Darüber hinaus müssen aber auch Fenster, die defekt sind und nicht geöffnet werden können, schnell ausgetauscht werden.

Jetzt gilt an den weiterführenden Schulen erst einmal eine Maskenpflicht im Unterricht bis Ende des Monats, zumindest dort, wo der Abstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden kann. Was halten Sie davon?

Das befürworten wir als Maßnahme zum jetzigen Zeitpunkt, da die Zahlen in Frankfurt stark ansteigen. Das darf aber keine Dauerlösung sein. Für die Kinder ist das offenbar gar kein Problem mehr. Viele Schüler kommen sogar mit der Maske im Gesicht zu Hause an, weil sie gar nicht mehr merken, dass sie die Mund-Nasen-Bedeckung noch tragen.

Mit Mundschutzmasken sitzen Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in Frankfurt in der Aula. Neben dem obligatorischen Tragen von Masken gehört das regelmäßige Lüften der Klassenräume zum Hygienekonzept an den hessischen Schulen.

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