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Daniela Grunow im Interview.

Interview

Zusammenhalt in der Corona-Krise: „Wichtig, andere Meinungen nicht pauschal abzuwerten“

  • vonSarah Bernhard
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Der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Corona-Krise ist weniger gefährdet als gedacht – das sagt eine Soziologin aus Frankfurt.

Zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns rückten die Menschen enger zusammen, machten sich Mut, halfen. Doch das Gemeinschaftsgefühl scheint verflogen. Ob das wirklich stimmt, wie man gesellschaftlichen Zusammenhalt eigentlich misst und was wir von Verschwörungstheoretikern lernen können, darüber sprach Redakteurin Sarah Bernhard mit Daniela Grunow, die am neu gegründeten Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Wandel forscht.

Angriffe auf Polizisten und Sanitäter, Partys ohne Sicherheitsregeln, Vermüllung des öffentlichen Raums. Frau Prof. Grunow, wo ist der gesellschaftliche Zusammenhalt geblieben?

Sie gehen jetzt einfach davon aus, dass Zusammenhalt per se etwas Positives ist.

Na ja,... ist er das denn nicht?

Nicht ausschließlich, denn er kann auch zu verschärfter Abgrenzung führen. Wir müssen uns also die Frage stellen, mit wem wir zusammenhalten wollen, und was das für die bedeutet, die draußen sind.

Zusammenhalt in der Corona-Krise: Sorgen machen sich die Menschen in Deutschland ums große Ganze

Vielleicht habe ich als Normalbürger dafür gar nicht mehr die Energie, wenn ich sehe, wie unsere Gesellschaft Stück für Stück auseinanderbricht.

Die Sozialwissenschaften sammeln seit 30 Jahren Zahlen zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt. Sie zeigen erstens: Die Furcht, dass der Zusammenhalt schwindet, gibt es immer wieder. Und zweitens: Immer wieder ist es dann doch überraschend gut um ihn bestellt. Denn in ihrem Umfeld erleben die Menschen in Deutschland den Zusammenhalt überwiegend als gut. Sorgen machen sie sich aber ums große Ganze.

Eben weil andere Menschen plötzlich randalieren und sorglos feiern.

Das sind aber nicht unbedingt soziale Muster, sondern möglicherweise Ausnahmephänomene, die groß in den Medien erscheinen. Gerade jetzt, nachdem wir so viele Krisen hintereinander erlebt haben, liegen bei vielen die Nerven blank.

Und Menschen schauen sowieso eher auf das, was neu und überraschend ist, und übersehen, dass die Welt noch zum Großteil so läuft wie immer. Und dann passiert es schnell, dass man ein eindrückliches Foto in der Zeitung sieht und sofort denkt, dass alle anti-solidarisch sind und keiner mehr eine Maske trägt. Würden wir eine statistische Erhebung machen, sähe das Bild vermutlich ganz anders aus.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Große Solidarität am Anfang des Corona-Lockdowns

Wie kommen Sie darauf?

Ich fahre zum Beispiel viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da hatte bisher jeder eine Maske auf. Aber das ist natürlich statistisch nicht belastbar. Auch erste Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Solidarität gerade am Anfang des Lockdowns nicht nur ein kurzfristiges Aufflackern war. Auf Twitter etwa sind die Aufrufe zu Solidarität sehr viel stärker gestiegen als die zur Anti-Solidarität. Außerdem ist die generelle Beschäftigung mit dem Thema deutlich höher als vor Corona.

Peter Mustermann kann also aufhören, sich Sorgen zu machen?

Die Gruppen, die durch Partys, Provokation oder Aggression ihr Missfallen an der Situation ausdrücken, zeigen gerade, dass es Peter Mustermann nicht gibt. Wir müssen auch sie ernst nehmen, untersuchen, wie Menschen in verschiedenen Gesellschaftslagen an verschiedenen Orten denken. Um dann schauen, welche Grundwerte, die bisher Konsens waren, wir jetzt neu verhandeln müssen.

Über welche Werte sprechen wir?

Zum Beispiel darüber, ob es richtig ist, dass die Allgemeinheit für die Rettung von Großunternehmen aufkommt. Und auch bei der Frage, ob und wie wir Flüchtlinge aufnehmen sollten, gibt es unterschiedliche Haltungen.

Zusammenhalt während Corona: Fragmentierung von Meinungen ist großes Problem

Haltungen, die zementiert werden, seit die sozialen Medien Filterblasen geschaffen haben, die einem nur noch mehr von dem anzeigen, was man sowieso schon glaubt.

Die Fragmentierung von Meinungen und Informationslogiken ist tatsächlich ein großes Problem. Früher haben alle die Tagesschau geschaut und am nächsten Tag über das Gleiche diskutiert. Heute werden Meinungen oft gar nicht mehr ausgetauscht. Deshalb müssen wir Räume schaffen, in denen sich verschiedene Perspektiven begegnen. Dabei geht es nicht um richtig und falsch, sondern darum, sich überhaupt wieder auszutauschen. Oder auch mal zu streiten.

Wäre „diskutieren“ nicht ein schöneres Wort? „Streiten“ klingt so negativ.

Genau, weil wir uns gerne gut mit anderen vertragen. Aber wir vom Forschungsinstitut glauben: Über Streit können wir unterschiedliche Sichtweisen in einen Dialog bringen. Natürlich innerhalb gewisser Grundwerte, zum Beispiel den Grund- und Menschenrechten. Wir haben dazu das Format StreitBar entwickelt, das im vor Kurzem vorgestellten DemokratieWagen stattfinden soll.

Corona und Zusammenhalt: „Es ist wichtig, andere Meinungen nicht pauschal abzuwerten“

Aber was mache ich, wenn der Mensch, der mir an der StreitBar gegenüber sitzt, Verschwörungstheoretiker ist? Da ist Streit doch verschwendete Zeit.

Es ist wichtig, andere Meinungen nicht pauschal abzuwerten, und sich stattdessen zu fragen, welchen Grund diese Menschen haben, für mich völlig abwegige Annahmen über die Realität zu treffen. Tun wir das nicht, besteht die Gefahr, dass diese Gruppen aus der öffentlichen Diskussion abwandern.

Wollen die Menschen überhaupt streiten? Im Moment gibt es doch eher die Tendenz, dass zum Beispiel über Diskriminierungserfahrungen von Frauen nur noch Frauen sprechen dürfen.

Das zeigt, dass wir sehr viel sensibler für Gruppenidentitäten geworden sind, und als Soziologin kann ich sagen, dass die Daten tatsächlich Unterschiede zeigen. Zum Beispiel zeigen Untersuchungen, dass Frauen deutlich stärker von den Begleiterscheinungen des Lockdowns betroffen waren als Männer, etwa durch Homeschooling.

Daten über soziale Gruppen sollten aber nicht als Festschreibungen, wie Menschen sind, verstanden werden. Im Gegenteil: Sie sind nötig, um diese Festschreibungen in Frage zu stellen und auf soziale Ungleichheiten hinzuweisen.

Wie das?

Bleiben wir bei den Geschlechterverhältnissen. Zwar glauben mittlerweile viele, dass Frau und Mann gleichgestellt sind. Es gibt aber auch Mischformen, zum Beispiel Menschen, die annehmen, dass es nicht gut ist, wenn Mütter erwerbstätig sind, dass sich die Väter aber trotzdem stärker zu Hause einbringen sollten. Andere finden, das beide arbeiten, die Frau aber weiterhin den Haushalt erledigen sollte. Und das sind keine Minderheiten. Die Gesellschaft ist fragmentiert, nicht nur in dieser Frage.

Forschungsinstitut in Frankfurt: Was bedeutet sozialer Zusammenhalt eigentlich?

Was bedeutet das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Es kann sein, dass diese Veränderungen miteinander wechselwirken. Unter anderem das wollen wir an unserem Forschungsinstitut, das wir im Juni gegründet haben, herausfinden.

Frankfurt ist einer von elf Standorten in ganz Deutschland, richtig?

Genau. Insgesamt sind über 70 Projekte geplant. Jedes Institut hat seine eigene Expertise, auch hier geht es darum, verschiedene Perspektiven in einen Dialog zu bringen. In Halle zum Beispiel liegt der Schwerpunkt auf der Frage, welchen Einfluss Erwerbsarbeit auf den Zusammenhalt hat. In Hamburg wird untersucht, wie Medien ihn beeinflussen. Wir hier in Frankfurt fragen zum einen, was sozialer Zusammenhalt eigentlich bedeutet...

Wie kann man sich da denn uneinig sein?

Schauen Sie sich allein die Parteiprogramme an. Für die einen basiert er auf homogenen Werten. Für die anderen auf sozialer Gerechtigkeit. Für die dritten geht es darum, ob alle gleichermaßen am demokratischen Prozess teilhaben können.

Und der zweite Schwerpunkt?

Wir fragen uns außerdem, wie sich neue Formen der gesellschaftlichen Diversität auf soziale Konfliktlinien auswirken.

Das kann jeder Einzelne für den Zusammenhalt in der Corona-Krise machen

Was bedeutet das?

Es geht darum, Zusammenhänge in statistischen Daten zu finden. Bei der Frage, wer populistische Parteien wählt, zeigte sich beispielsweise, dass es nicht primär darauf ankommt, wie viel Geld ein Mensch zur Verfügung hat, sondern darauf, wie stark er sich kulturell bedroht fühlt. Und so kann man sich auch fragen, ob die, die glauben, dass Mann und Frau gleichwertig sind, auch glauben, dass die politische Teilhabe verbessert werden sollte und so weiter. Dieses Projekt läuft drei Jahre, erste Zwischenergebnisse sind für Ende 2021 geplant.

Jetzt haben wir lange über die Theorie gesprochen. Was kann ich denn als Einzelner tun, um den Zusammenhalt, wie auch immer ich ihn definiere, zu stärken?

Sie können im Alltag anfangen. Sich nicht vorne anstellen, sondern hinten. Anderen helfen, statt nur auf eigene Belange zu schauen. Den Nachbarn fragen, ob er etwas vom Einkaufen braucht. Den schweren Koffer eines älteren Mitmenschen in den Zug heben. Über solche Gesten schafft man es, dass sich Menschen wohl und aufgehoben fühlen. Mein Eindruck ist aber, dass das sowieso schon passiert. (Sarah Bernhard)

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