Holger Seyfarth ist Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands.
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Holger Seyfarth ist Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands.

Frankfurt

"Es sind genügend Masken da"

  • vonSarah Bernhard
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FFP2-Pflicht schreckt Apotheken nicht, dafür das Corona-Management der Regierung.

Die gestern beschlossene Pflicht, im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen FFP2-Masken zu tragen, machte die rund 100 Frankfurter Apotheken über Nacht zu einem wichtigen Anlaufpunkt. Was sich dort tut, und ob sie gut vorbereitet sind, weiß keiner besser als Apotheker Holger Seyfarth: Nicht nur gehören ihm selbst drei Apotheken, er ist auch Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands. Redakteurin Sarah Bernhard sprach mit dem 58-Jährigen über Maskenverwirrungen, "unseren lieben Freund" Jens Spahn und darüber, was Apothekenkunden dieses Jahr sonst noch erwartet.

Herr Seyfarth, die Bundesregierung hat gestern FFP2-Maskenpflicht für den ÖPNV und Supermärkte beschlossen. Können die Apotheken liefern?

Selbstverständlich. Die Apotheken haben für Berechtigte mit Bezugsschein ohnehin Vorräte angelegt, es sind genügend Masken da.

Risikopatienten bekommen schon seit Mitte Dezember kostenlos Masken. Klappt das?

Von unserer Seite aus ja, ansonsten, na ja. Eine Maske reicht ungefähr für eine Woche, Mitte Dezember haben wir pro Patient jeweils drei Masken ausgegeben. Damit die Leute nahtlos ihr nächstes Paket mit sechs Masken abholen können, hat unser lieber Freund Herr Spahn in die zugehörige Verordnung geschrieben, dass ab ersten Januar Bezugsscheine zur Verfügung stehen müssen. Leider haben es die Krankenkassen binnen mehr als vier Wochen nicht geschafft, alle Risikogruppen mit diesen Coupons zu versorgen. Uns liegen Informationen vor, dass manche Patienten sogar noch bis in den Februar hinein warten müssen. Entweder müssen sie die Masken also länger tragen, was nicht gut ist, oder selbst welche kaufen, was nicht im Sinne des Erfinders ist.

Höre ich da Kritik an Gesundheitsminister Jens Spahn?

Es ist unglaublich! Die Verordnung im Dezember wurde uns mit drei Tagen Vorlauf angekündigt. 20 000 Apotheken mussten binnen drei Tagen für 27 Millionen Berechtigte jeweils drei Masken, grob geschätzt also 81 Millionen Masken besorgen. Es gab Apotheker, die sich nachts ins Auto gesetzt haben, um die Masken bei ihrem Lieferanten abzuholen. Als es losging, herrschte teilweise sehr großer Andrang. Binnen vier Tagen hatten wir etwa 80 Prozent der Risikopatienten in den Apotheken. Das war im Zuge der Pandemie-Bekämpfung absolut nicht sinnvoll.

Wie reagieren die Menschen darauf, dass sie für kostenlose Masken einen Bezugsschein brauchen?

Viele wussten das gar nicht und dachten, sie könnten einfach, wie im Dezember, den Personalausweis zeigen. Wobei man natürlich auch sagen muss: Die Gutscheine werden von der Bundesdruckerei gedruckt und sind fälschungssicher. Das Drucken braucht Zeit, sie müssen an die Krankenkassen verschickt werden und die müssen sie weiterschicken. Alles sehr viel Bürokratie. Spahns Plan fällt in die Kategorie: Gut gemeint, aber nicht gut gemacht.

Vermutlich sind Masken im Moment auch das meistverkaufte Produkt?

Korrekt. Eine richtige Erkältungswelle haben wir nicht, weil die Menschen Masken tragen und Abstand halten. Glücklicherweise ist auch die Zahl der Grippefälle bisher moderat, wobei die richtige Welle erst Ende Januar beginnt. Wir raten deshalb allen, die wegen der Impfstoff-Engpässe im Herbst auf eine Grippe-Impfung verzichtet haben, sie nachzuholen. Es ist noch genügend Impfstoff vorhanden.

Seit kurzem dürfen Apothekenmitarbeiter Antigentests durchführen. Sind sie dafür denn qualifiziert?

Natürlich. Alle, die Schnelltests anbieten, haben eine Schulung hinter sich und vorher geübt. Apotheken testen aber nur gesunde Kunden. Wenn jemand mit Symptomen kommt, schicken wir ihn zum Arzt.

Und wenn der Test positiv ist?

In der Arnsburg-Apotheke in Bornheim haben wir bisher knapp 150 Tests gemacht, drei waren positiv. Die Daten der Betreffenden wurden ans Gesundheitsamt gemeldet, sie selbst in häusliche Quarantäne geschickt. In allen drei Fällen war auch der PCR-Test positiv.

Was kostet der Schnelltest?

Das variiert von Apotheke zu Apotheke. Wir machen ihn mehr oder weniger zum Selbstkostenpreis von 29,90 Euro. Alle Getesteten bekommen ein Bestätigungszertifikat.

Wie viele Apotheken in Frankfurt bieten den Test an?

Ich weiß noch von der Schwarzburg-Apotheke, aber ich schätze, nicht mehr als zehn. Nicht alle Apotheken haben die räumlichen Möglichkeiten, um die Hygieneregeln einhalten zu können. Und Sie brauchen auch zwei Personen dafür, die zudem bereit sein müssen, solche Tests zu machen.

Weil das Ansteckungsrisiko so hoch ist?

Wenn wir davon ausgehen, dass wir in Deutschland akut 350 000 getestete Infizierte haben, und eine Dunkelziffer vom Faktor fünf oder sechs, sind wir bei zwei Millionen Infizierten. Bei 82 Millionen Einwohnern ist grob jeder 40. ein potenzieller Virenträger. In der Arnsburg-Apotheke haben wir etwa 400 Kunden pro Tag, macht zehn, die möglicherweise Corona haben. Deshalb haben die Apotheken viel getan, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Ich weiß von keiner hessischen Apotheke, die aktuell wegen erkrankten Personals geschlossen hat, im Lauf des vergangenen Jahres waren es drei oder vier, die mal für ein paar Tage zu hatten.

Im vergangenen Oktober wurde die verpflichtende Einführung des E-Rezepts ab Januar 2022 beschlossen. Was ist geplant?

Mit dem E-Rezept wird es für die Patienten schneller und einfacher: Sie können ihr Rezept sofort in eine Apotheke ihrer Wahl schicken, die kann schauen, ob die Medikamente vorrätig sind, und die Abholzeit nennen. Auch in den Apotheken vereinfacht das E-Rezept viele operative Vorgänge. Wenn man es richtig macht, ist ein elektronisches Rezept sogar sicherer als eines auf Papier.

Wie läuft die Umstellung?

Die Apotheken sind bereits technisch vorbereitet oder rüsten gerade um, damit wir, wie von Herrn Spahn gefordert, pünktlich am 30. Juni startbereit sind. Wenn ich mir anschaue, was die Regierung bis jetzt auf Beine gestellt hat, wird es dann wohl heißen: Wir sind da, aber wo ist das E-Rezept? Klar, alles hat seine Anlaufschwierigkeiten, aber man kann nur hoffen, dass die Betroffenen aus den Fehlern lernen, die gerade passieren, und sich vorbereiten. Der Berufsstand arbeitet zudem an einer App, die es Patienten ermöglicht, Fragen zum jeweiligen Rezept zu stellen und sich digital beraten zu lassen.

Klingt nach viel neuer Technik.

Wir nutzen bereits zwei andere digitale Anwendungen: Einmal die elektronische Arzneimitteldokumentation, bei der sämtliche Arzneimittel, die der Patient nimmt, gesammelt werden. Gibt es Wechselwirkungen oder eine Kontraindikation, schlägt die Software Alarm, und die Apotheker können gegensteuern. Und zweitens die elektronischen Notfalldaten zum Gesundheitsstatus, die den Apotheken ebenso wichtige Informationen liefern.

Wohin können sich Interessierte wenden?

Das macht fast jeder Apotheker. Der Kunde muss nur zustimmen, dass seine Daten gespeichert werden. Sarah Bernhard

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