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Da waren Führungen noch erlaubt. Gästeführer Christian Setzepfandt bei einer Tour in der neuen Frankfurter Altstadt.

Interview

"Für uns Gästeführer herrscht existenzieller Notstand"

  • vonGernot Gottwals
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Betroffene haben Hoffnung auf die verkündeten Hilfen, die gerade auch für Solo-Selbstständige angekündigt wurden.

Frankfurter Stadtführer sind als Solo-Selbstständige, die von ihrem Beruf ihren Lebensunterhalt bestreiten, von den erneuten verschärften Maßnahmen besonders betroffen. Mitarbeiter Gernot Gottwals sprach mit Svetlana Eremenko-Wagener und dem Vorstandsmitglied des Frankfurter Gästeführervereins Calogera von Auw.

Frau Eremenko-Wagener, Frau von Auw, die Zahl der Corona-Infizierten in Frankfurt steigt weiter, die verschärften Maßnahmen der von Bund und Ländern geforderten "nationalen Kraftanstrengung" haben Stadtführungen unmöglich gemacht . Was bedeutet das für die Gästeführer?

Calogera von Auw: Kurz gesagt: existenzieller Notstand. Seit März sind die Einnahmen der Kollegen auf einen Schlag 100 Prozent ausgeblieben. In unserem Verein bestreitet ca. die Hälfte unserer Mitglieder ihren vollen oder einen signifikanten Anteil ihres Lebensunterhalts damit. Die kurze Zeit im Sommer hat ein paar Touren ermöglicht. Jetzt ist es wieder vorbei. Kollegen, die Anfragen hatten, registrieren seit Tagen Storni und in der Folge keine Buchungen für die nächsten Monaten.

Swetlana Eremenko-Wagener: Das bedeutet für mich, dass ich in den nächsten drei bis vier Monaten wieder auf eine ungewisse Zukunft zusteuere. Mich macht diese Situation fertig. Als leidenschaftliche Gästeführerin und Reiseleiterin muss ich schauen, wie ich in den nächsten Monaten meinen Lebensunterhalt verdiene.

Wenn die Maßnahmen im November erfolgreich sind, unter welchen Bedingungen und mit wie viel Teilnehmern könnten Gästeführungen in den Wintermonaten sein?

von Auw: Sollte es dazu kommen, dass wir wieder Führungen machen können, werden wir uns wie bereits geschehen an die Vorgaben halten. Vielleicht wieder durchschnittlich mit zwölf Personen.

Wie ist es den Frankfurter Gästeführern in der Zeit seit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr ergangen?

Eremenko-Wagener: Ich war von einem auf den anderen Tag ohne Arbeit, ohne Einkünfte. Alle meine Ersparnisse musste ich in den sieben Monaten aufbrauchen. Bis Ende des Jahres rechne ich mit Einbußen in Höhe von 30 000 Euro.

von Auw: Für uns im Vorstand ging ein Spießrutenlauf los. Wir haben die Zusammenarbeit mit anderen hessischen Vereinen gesucht, für unsere Kollegen im Verein Informationen zusammenzutragen, Kontakte zur Politik zu knüpfen und in Verhandlungen mit Verantwortlichen zu gehen. Eine solche Situation haben auch wir nie erlebt und konnten nicht auf Erfahrungen oder Netzwerke zurückgreifen.

Sie leben von Ihrem Beruf. Doch manche Stadtführer arbeiten ehrenamtlich oder verzichten auf Honorare und Teilnahmegebühren. Führt das nicht zu zusätzlicher Konkurrenz?

Eremenko-Wagener: Manche dieser Stadtführer arbeiten nicht kostenlos. Sie locken zwar damit ihre Gäste an, aber bekommen "Trinkgeld".

von Auw: Der Beruf der Stadt-Gästeführer ist nicht geschützt. Im Frankfurter Gästeführerverein haben alle 110 Kollegen entweder die Ausbildung bei TCF durchlaufen oder sind langjährig als Gästeführer tätig und vom Verein geprüft worden. Im unteren Preissegment und bei den kostenfreien Angeboten ist die Spannweite der Qualität sehr groß. Das wird unter normalen Umständen durch den Markt reguliert.

Können Sie in Ihrer Situation mit kommunaler oder staatlicher Förderung rechnen?

von Auw: Nein. Die Programme, die es bisher gab, treffen die Situation der Solo-Selbstständigen nicht. Die Kommunen sind nicht dafür zuständig. Das Land Hessen sieht sich nicht in der Pflicht und verweist auf den Bund. Einige Länder haben eigene Programme aufgelegt. Nun schauen wir erwartungsvoll auf die verkündeten Hilfen, die gerade auch für SoloSelbstständige angekündigt wurden.

Eremenko-Wagener: Ja, die staatliche Hilfe beschränkt sich nur auf Hartz IV. Diese passt für viele nicht. Für die anderen Hilfen erfüllen die meisten nicht die Voraussetzungen. Ich erwarte keine kommunale Unterstützung. Es sollte auch nicht die Sache der Länder sein, ich meine , es ist Sache des Bundes.

Welche Möglichkeiten haben Gästeführer als Solo-Selbstständige sonst, um Krisenzeiten zu überbrücken?

Eremenko-Wagener: Andere Möglichkeiten, die Krisenzeit zu überwinden, als abzuwarten und die Ersparnisse für die Altersversorgung auszugeben, bleiben kaum.

von Auw: Wir hören immer wieder, aus ganz Hessen, dass einige Kollegen sich neue berufliche Perspektiven suchen müssen. Das ist sehr bitter, da die meisten viel in ihre Ausbildung investiert haben. Sobald der "Tourismusbetrieb" wieder aufwärtsgeht werden kompetente Kollegen fehlen. Einige Kollegen versuchen auch durch virtuelle Führungen am Ball zu bleiben und das Angebot Segment zu erweitern.

Welche Forderungen ergeben sich daraus für den Verein der Frankfurter Stadt- und Gästeführer an die Stadt, das Land und den Bund?

von Auw: Wir arbeiten zusammen mit anderen hessischen Vereinen mit Nachdruck daran, dass die Landesregierung, vorrangig aber auch Verantwortliche in den Kommunen unseren Arbeitsbereich wahrnehmen und entsprechende Hilfen, Stichwort Unternehmerlohn für Solo-Selbstständige, ermöglichen.

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