Bei “Gemeinsam stark“ helfen Freiwillige Obdachlosen in Frankfurt.
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Bei “Gemeinsam stark“ helfen Freiwillige Obdachlosen in Frankfurt.

Neues Zuhause

"Gemeinsam stark" holt Obdachlose von der Straße

  • vonSabine Schramek
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Im März begann die Sport- und Schwimmlehrerin Sayda Raschida Bouaanzie, ganz alleine einige Obdachlose mit Essen, Getränken und Pflaster zu versorgen. Mittlerweile ist sie mit vielen Gleichgesinnten regelmäßig unter dem Motto "Gemeinsam stark" unterwegs. Gemeinsam haben sie in vier Wochen für sieben Obdachlose ein Zuhause gefunden. Auch ein Hotel ist dabei. Und damit die Möglichkeit für Obdachlose, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen.

Frankfurt - Es gab eine Zeit, da war sich Sayda Raschida Bouaanzie (35) fast sicher, dass die meisten Menschen Egoisten sind, die hauptsächlich an sich selbst denken. "Mittlerweile weiß ich, dass viele Leute anderen in der Not helfen wollen. Plötzlich sind sie da", sagt sie und strahlt, obwohl sie mitten im traurigen Elend des Bahnhofsviertels steht. Obdachlose reihen sich ein, um sich Essen, Schlafsäcke, Isomatten, Getränke und freundliche Worte zu holen. Von Bouaanzie und sechs jungen Männern und Frauen. "Mit mehr Leuten können wir wegen Corona im Moment nicht verteilen, und das auch nur mit großem Abstand, aber es funktioniert", sagt sie und hört den Menschen zu. Warum sie obdachlos sind, wie sie abgestürzt sind und wonach sie sich sehnen. "Wir können hier nur Trostpflaster verteilen und ich schäme mich fast, dass ich nachher in einer warmen Wohnung sitze.

Als die Mutter von zwei Kindern beim ersten Lockdown begann, Obdachlosen zu helfen, war sie allein. Mittlerweile ist sie "Gemeinsam stark" mit weiteren Freiwilligen. "Das hat sich einfach so entwickelt und wir waren auch schon 20 Leute mit 500 Essen." "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt sie, wenn sie die Geschichten der Frauen und Männer hört.

Die Lebensgeschichten der Obdachlosen berühren sie so sehr, dass "Gemeinsam stark" noch mehr macht als für Verpflegung und das Lebensnotwendige zu sorgen. Über Markus Machens, der sich ebenfalls ehrenamtlich für Obdachlose einsetzt, hat sie den Kontakt zu einem Hotelier in Obertshausen und zum Übergangswohnhaus der Diakonie, Weser 5, bekommen. "Zwei unserer Schützlinge konnten wir zu Weser 5 vermitteln. Sie müssen nicht mehr in der Bahnstation am Eschenheimer Turm schlafen", erzählt sie. Beide sind behindert und hatten jeden Halt verloren. "Jetzt haben sie wieder Lebensmut und bekommen optimale Betreuung."

Ein Hotel der Hoffnung

Bouaanzie nahm all ihren Mut zusammen und rief ohne Hoffnung den Hotelier an. Innerhalb von zwei Tagen hat er vier Obdachlose aufgenommen. "Wenn ich helfen kann, helfe ich", sagt Ilhan Erdogan (46) wie selbstverständlich im Frühstücksraum vom Hotel Abant. "Ich mache das immer schon, es fällt den Gästen nicht auf." Gemeinsam mit dem Frankfurter Architekten Jens Kleiner betreibt er auch ein Hotel in Eppertshausen und die dortige Thomashütte. "Zumindest würden wir das gerne, aber Corona macht es zurzeit unmöglich", so Kleiner. Kennengelernt haben sich die beiden, als bei der Flüchtlingswelle 2015 Unterkünfte gebraucht wurden. Kleiner machte die Pläne für Modulbauten mit der Unterbringung von bis zu 500 Asylanten, die dann nicht kamen. Die beiden Hotels sind vorwiegend von Monteuren gebucht, die längere Aufenthalte haben.

Das Abant Hotel ist hell und freundlich. Die Zimmer sind einfach, sauber, mit Kühlschrank, TV und teilweise mit Balkon. "Wenn wir Kapazität haben, ist es doch selbstverständlich, dass wir Menschen helfen, die auf der Straße leben müssen", sagt Erdogan. "Sie könnten erfrieren. Außerdem finden sie ohne Meldeadresse keine Arbeit." Bleiben können die Männer, "so lange sie es brauchen".

Michael (43) war einer von ihnen. Drei Monate lang hatte er in keinem Bett geschlafen, zwei Wochen konnte er nicht duschen. "Wie im Himmel" fühlt sich der Mann, der ein Jahr lang auf der Straße lebte. Er hatte seinen Job verloren, seine Frau hat ihn verlassen. Aus Scham wollte er sich nicht helfen lassen. Nach einer Woche in Obertshausen, ausreichend Schlaf und Wärme, fand er einen Job in einem Lager in Frankfurt. Mit Unterkunft. Bouaanzie ist fast so glücklich wie Michael und froh, dass sie noch einen Obdachlosen bringen durfte. "Wenn sich viele gemeinsam einsetzen, gibt es so tolle Hilfe." Für die Hoteliers eine Selbstverständlichkeit. "Es gibt so viele Hotels, die kaum Auslastung haben. Es wäre schön, wenn jedes wenigstens zwei Obdachlosen die Chance für ein geregeltes Leben geben würde. Unsere Erfahrungen waren bisher gut."

Hoteliers, die sich mit Erdogan und Kleinert austauschen möchten über ihre Erfahrungen, können das per E-Mail unter info@hotel-johannishof.com tun.

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