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Jochen Bickert, alias Jo van Nelsen, versucht das Beste aus der Situation zu machen. foto: schander

Nordend: Unterhaltung

"Lieber lebenswichtig als systemrelevant"

  • vonDetlef Kinsler
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Warum Live-Auftritte so unersetzbar sind und wie es trotzdem weitergeht

Der Entertainer Jo van Nelsen ist mit seinen unterschiedlichen Programmen, Konzerten wie Lesungen, bis in den Juni 2022 gebucht. Theoretisch. Auch am Abend vor dem neuerlichen Lockdown stand der gebürtige Bad Homburger, der inzwischen direkt an der Friedberger Anlage wohnt, noch auf der Bühne. "Wir haben die ganze Woche gezittert, ob alle Veranstaltungen noch stattfinden können. Mein Pianist und ich hatten am 26. Oktober Premiere mit einem neuen Abendprogramm und in der Woche fünf weitere Termine damit. Und die wollten wir unbedingt spielen", erinnert van Nelsen daran, dass die Erstaufführung der 50er-Jahre-Revue "Jetzt kommt das Wirtschaftswunder" im April schon Corona zum Opfer gefallen war.

Nicht in ein Loch fallen

Den zweiten Lockdown, so betont der 1968 geborene van Nelsen, könne er nun mit der Erfahrung des Frühjahrs besser abfangen. "Da ich mein ganzes Leben schon mit depressiven Verstimmungen zu tun habe, war mein erster Gedanke damals: Aufpassen. Will sagen, ich achte sehr darauf, dass es mir gut geht und ich nicht in das gefürchtete dunkle Loch falle." Als das Wetter es zuließ, verbrachte er viel Zeit auf seinem Balkon. "Das ist etwas, was ich ohnehin im Sommer sehr genieße. Ich lebe schon immer recht zurückgezogen, von daher hat sich da in meinem Leben nicht allzu viel verändert", sagt er. "Aber nicht mehr die Möglichkeit zu haben, ins Lieblingscafé zu gehen und dort eben einfach mal einen Plausch mit Bekannten zu halten, das fehlt doch mehr, als ich dachte. Aber dass ich jeden Tag ins Grüne blicken kann, das ist ein großes Geschenk."

Jo van Nelsen lebt zwar mitten in der Stadt, weicht aber gerne auch mal in den Stadtwald aus oder runter an den Main. "Wasser hat auf mich immer eine extrem beruhigende Bewegung, wenn man nicht permanent ignoranten Joggern, die von Mindestabstand noch nie was gehört haben, ausweichen müsste", beanstandet das Multitalent.

Die auftrittsfreie Zeit versucht van Nelsen zu nutzen. "Ich habe in den vergangenen Jahren fast alle meine Hesselbach- und Grammophon-Lesungen aufgezeichnet und werde sie jetzt schneiden, bearbeiten und als digitalen Download im neuen Jahr über meine Homepage zugänglich machen", verspricht er. "Auch eine digitale Lesung biete ich an, wobei ich allerdings die Versuche des ersten Lockdowns in diese Richtung für Künstler wie Publikum weitgehend unbefriedigend fand. Kultur lebt vom Live-Erlebnis, das ist etwas, was wir durch Corona noch einmal sehr deutlich gespürt haben." So gestaltete er seine zweite Website www.jo-coaching.com komplett neu.

Konflikte werden angefeuert

Unter seinem zivilen Namen Jochen Bickert bietet er da - seit 2011 zertifiziert - Systemisches Coaching und Familienaufstellung an. "Gott sei Dank ist es auch jetzt wieder so, dass ich mich auf dieses digitale Angebot konzentrieren und etwas Sinnvolles in die Welt geben kann, trotz Lockdowns und Kontaktbeschränkungen", kommentiert er. "Corona ist insoweit ein Thema, dass es natürlich in bestimme Abläufe direkt eingreift bzw. schon lange schwelende Beziehungskonflikte noch mal richtig anfeuert. Und da ist eine Aufstellung, für die man nun auch in der Nachbearbeitung vielleicht ein bisschen mehr Zeit hat, wirklich sehr hilfreich."

Zurück zum Künstler Jo van Nelsen. Nur nicht Auffressen lassen vom Frust über die "ewigen Versprechungen vonseiten der Politik" lautet die Devise. "Die Künstlerhilfen, die sich gerne als Luftnummer entpuppen, sind Gift für jede psychische Stabilität", weiß er.

"Ich empfinde das als Dauerkränkung. Das Wort ,systemrelevant' ist für mich jetzt schon das Unwort des Jahres. Umso schöner, wenn einem ein Fan dann schreibt: ,Wer will schon systemrelevant sein, wenn er lebenswichtig ist?' Es sind genau diese Wertschätzungen ohne Leistungserbringung, die ich gerade aufsauge wie ein trockener Schwamm", sagt der sensible Künstler und lächelt ein wenig. DETLEF KINSLER

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