fff_polizei_180520_4c_031120
+
Alltag in Alt-Sachsenhausen. Die Polizei ist (fast) immer präsent. Dennoch kommt es regelmäßig zu Auseinandersetzungen. Oft auch mit den Ordnungshütern.

Sachsenhausen: Protest der Wirte

"Uns soll noch mehr reingedrückt werden"

  • vonSabine Schramek
    schließen

Amüsierviertel wehrt sich gegen vorgezogene Sperrstunde nach Corona.

Wohl jeder, der ein Lokal, eine Bar oder einen Club betreibt, ist seit Corona besonders betroffen und genervt. Trotz hoher Investitionen und Hygienekonzepten nach dem ersten Lockdown ist die Amüsiergastronomie zum zweiten Mal in diesem Jahr zu. Als ob das noch nicht genug Belastung wäre, soll am 5. November in der Stadtverordnetenversammlung eine frühe Sperrstunde für Alt-Sachsenhausen für die Zeit nach Corona diskutiert werden. Dagegen wehren sich die Wirte vehement.

Offener Brief an den Römer

Ein offener Brief an alle Fraktionen und Sicherheitsdezernenten Markus Frank (CDU) zeigt, dass es die Gastro-Unternehmer aus Alt-Sachsenhausen ernst meinen. Antworten blieben bis auf zwei Ausnahmen aus, sagen sie. Deshalb hatten jetzt drei von 35 Unterzeichnern zur Pressekonferenz geladen.

Einer von ihnen ist Thomas Winterscheid, der seit 2009 den "Ponyhof-Club" betreibt. "Der jetzige Lockdown kann mich gar nicht betreffen, denn der Club ist seit Mitte März durchgängig geschlossen", sagt er. "Alles schön und gut. Wir wollen nicht, dass jemand Corona bekommt und halten uns an alle Vorschriften und Hygienekonzepte. Aber dass jetzt - mitten in der Pandemie - beschlossen werden soll, dass nach Corona die Sperrstunde auf drei oder ein Uhr vorgezogen werden soll, ohne mit uns zu sprechen, ist ohne Worte."

Grund für die Überlegung, die Sperrstunde vorzuziehen, ist ein Angriff mit Steinen und Flaschen auf Polizeibeamte im Viertel. Ein schlimmer Vorfall, den die Polizei zum Anlass nahm, eine frühere Sperrstunde vorzuschlagen. "Das Problem ist nicht die Sperrstunde", kommentiert Olli Thies, der seit mehr als 21 Jahren die "Klapper 33" führt. "Wir haben bereits vor zwei Jahren Glas- und Flaschenverbot auf den Gassen in Alt-Sachsenhausen gefordert und der Stadt mehrfach vorgeschlagen. "Es gab keinerlei Reaktion", so Thies.

Vor einiger Zeit hatte Sicherheitsdezernent Markus Frank im Gespräch mit der FNP darauf, wie es mit einem Glas-, Flaschen-, Alkohol- und Waffenverbot im Amüsierviertel aussieht, geantwortet: "Wer soll das denn kontrollieren?".

Thies: "An der Klapper hängt längst ein Schild, das genau dieses Verbot anzeigt." Und Winterscheid: "Zu mir kommt auch niemand mit Waffe rein und keiner mit Glas oder Flasche raus.

Jürgen Vieth, dem sechs Lokale und Bars in Alt-Sachsenhausen gehören, nickt zustimmend. "Die, die in den Gassen Randale machen, sind nicht unsere Gäste. Das sind Leute, die sich am Kiosk eindecken und sich mitten im Amüsierviertel volllaufen lassen. Mit allen Konsequenzen." Vieth lebt seit 33 Jahren mitten im Amüsierviertel. "Bis 2001 gab es eine Sperrstunde. Von Sonntag bis Donnerstag um 1 Uhr, samstags um 2 Uhr. Außer, es war Messe. Da gab es keine Sperrstunde. An 32 Wochen im Jahr. Vier Lokale waren von der Sperrfrist ausgenommen. Die Stadt hat das mit Touristen begründet. In der Zeit, als es frühe Sperrstunden gab, wurden hier fünf Menschen erstochen, erschossen und erschlagen. Noch früher, zu GI-Zeiten, gab es täglich brutale Schlägereien und Gewalt. Da wurde die MP gerufen, sie ist reingegangen und hat draufgehauen."

Romantisch war es hier nie

Es habe niemals eine rein romantische gute Zeit hier gegeben. "Vor über 100 Jahren hat man den Leuten hippdebach gesagt, dass sie zum Feiern nach drippdebach gehen sollen. Schon damals war Sachsenhausen ohne Sperrstunde." Alle drei Gastronomen, die für insgesamt 35 Lokale sprechen, sind sich einig. "Eine Sperrstunde gefährdet viel mehr, als dass sie nützt." Sie erleben es jeden Tag selbst seit Corona. Bis dahin durften die Lokale bis 5 Uhr geöffnet bleiben. Während der Lockerung auch. Dann kam die Sperrstunde. "Gäste pöbeln und sind sauer, wenn wir um 22.30 Uhr die letzte Runde einläuten, damit um 23 Uhr alle raus sind. Und zwar alle überall gemeinsam." Da bildeten sich Gruppen, die aggressiv aufeinander losgingen.

Vieth, der den Jahresumsatz der knapp 80 Lokale auf 22 Millionen Euro im Jahr schätzt, erinnert an die Szenen in der Stadt. "Die Eskalation am Opernplatz und die Angriffe auf die Polizei an diesem Wochenende auf der Zeil. Die waren am Freitag und Samstag vor Mitternacht." Nach dem Angriff auf die Polizei am Opernplatz sei viel Publikum von dort in Alt-Sachsenhausen aufgeschlagen. "Das Problem wurde verlagert, nicht gelöst", so Thies. "Im Amüsierviertel der Stadt eine Sperrstunde einzuführen und in der Stadt die Clubs open-end offen zu lassen, ist keine Lösung. Wir fordern ein Glas-, Alkohol- und Waffenverbot hier. Dann werden Polizisten nicht angegriffen, es wird niemand verletzt und alle können entspannt ausgehen."

SABINE SCHRAMEK

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare