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Frankfurt: Montagsinterview

"Viele Familienbetriebe stehen vor dem Ruin"

  • vonUte Vetter
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Thomas Roie, Chef des Schaustellerverbandes, spricht über die Folgen von Corona, Existenzängste und neue Konzepte

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen viele Branchen hart. Doch Schausteller sind extrem betroffen, viele Familienbetriebe stehen kurz vor dem Ruin. Thomas Roie (55), Spross einer alten Schausteller-Familie, Inhaber von Fahrgeschäften, Eisbahnen und Imbissbuden, ist auch Vorsitzender des Schaustellerverbandes Frankfurt Rhein-Main. Er sprach über die Existenznot der Schausteller und die Chance, Märkte doch sicher zu feiern.

Herr Roie, sind Volksfeste noch wichtig? Es gibt doch genug Spaß im Internet?

Na ja, das Erlebnis einer echten Kirmes kann man sich nicht aufs Handy laden. Frisch gebrannte Mandeln, leckere Bratwurst und das gute Gefühl auf einem unserer Fahrgeschäfte kann man doch nicht am Computer simulieren. Die Menschen haben eine große Sehnsucht, sich zu treffen - und wir schaffen dafür eine Möglichkeit. In der Corona-Zeit unter besonderen Bedingungen. Uns liegt der Gesundheitsschutz unserer Gäste und unserer Mitarbeitenden besonders am Herzen.

Sie haben als Verbandsvorsitzender seit dem Lockdown viel zu tun?

Ja, es wird ja derzeit oft versucht, Veranstaltungen zu generieren, die aber den Betreiber massiv in die Haftung und finanzielle Verpflichtung nehmen. Und mit Auflagen, die nicht zu erfüllen sind.

Was können Sie da tun?

Eigentlich betreiben wir ständig Schadensbegrenzung und erarbeiten neue Konzepte. Jetzt kommt es auf gute Kommunikation an.

Ist die gesamte Branche existenziell bedroht?

Absolut. Es stehen viele Familienbetriebe vor dem Ruin. Die Frage ist ja, was passiert dann?

Die Banken lösen Finanzierungen auf?

Ja. Das ging am Anfang des Lockdowns noch, da wurden Verpflichtungen sechs Monate ausgesetzt, aber die Zinsen waren weiter zu zahlen. Bei den Leasinggesellschaften ähnlich: drei Raten Pause, aber die kommen im vierten Monat wieder on top.

Am Anfang war also Verständnis für die Einschränkungen da?

Ja klar, wir sind ja auch nicht die einzigen Betroffenen gewesen. Wir waren ja alle unsicher. Dass da eine Dippemess' abgesagt wird, haben wir verstanden. Aber die Sorgen begannen.

Alle versuchten sofort, Betriebskosten zu reduzieren?

Natürlich. Aber wir haben viele unserer osteuropäischen Saisonarbeiter, die teils seit Jahrzehnten für uns arbeiten, bei uns wohnen, mit uns reisen, nicht einfach heimschicken wollen. Wir haben sie auf 50 Prozent in Kurzarbeit platziert. Wenn sie aber heimreisten und wiederkehrten, fielen sie durchs Raster, weil man sie ab- und neu anmelden musste. Manche wohnen aber weiter bei uns.

Man kann also nur Fehler machen in der akuten Lage?

Aufgeben ist für uns keine Option. Aber es ist so, dass die Bank-Raten weiterlaufen, im Frühjahr hieß es: "Ihrer Firma geht's noch gut, Sie können keine Soforthilfe beantragen." Dann lief die Anmeldungsfrist für Soforthilfe ab, jetzt sagen Banken: "Ihr Rating ist schlecht", eine Zusatzfinanzierung schwierig darzustellen. Kein Wunder nach einem halben Jahr Verdienstausfall. Tja, da kommt eine Firma an ihre Grenzen.

Wie groß sind die Existenzängste der Schausteller?

Nach diesen sieben Monaten wissen wir nicht, ob wir dieses Jahr ohne jegliche Einnahmen überleben werden. Finanzierungen und Fixkosten laufen ja weiter.

Was ist mit den Fahrgeschäften und Buden? Könnte man welche veräußern, um sich Luft zu verschaffen?

Unsere Betriebsgüter sind meist Sonderfahrzeuge und momentan wertlos für die Banken, denn sie sind derzeit nicht zu veräußern, Corona ist in der ganzen Welt zu Hause. Zwar haben Araber in den letzten zwei Jahren Fahrgeschäfte für ihre Freizeitparks gekauft, das Geschäft steht aber auch still.

Und Hallen und Betriebsgrundstücke?

Na ja, wenn ich die hergebe, kann ich ja gleich meine Fahrgeschäfte auf den Schrottplatz bringen.

Sind nur die großen Betriebe betroffen oder auch kleine?

Alle. Unser Verband in Frankfurt zählt 116 Mitglieder, in Hessen gibt es etwa 500.

Da hängen ja meist Familien hintendran?

Ja. Da sind oft Kinder, die am Start sind. Auch mein Sohn hat investiert, er hat eine Million auf der Uhr stehen, weil er den Betrieb "Ochs am Spieß" übernommen hat, der immer die Weihnachtsgänse anbietet. Wir sahen das als eine Betriebssicherung für die nächsten 40 Jahre an.

Er hat ihn erneuert, als die Lage noch gut war?

Ja, auch weil die städtische Tourismus GmbH uns das so signalisiert hatte, dass der alte Wagen nicht so zeitgemäß sei. Wir kalkulierten und haben bei einem Spezialhersteller in Leipzig einen neuen gekauft, der kam im Juni. Da steht er nun . . .

Wie hoch sind die Umsatzeinbußen der Schausteller?

Klare 100 Prozent. Das ist ein absoluter Totalausfall.

Jeder zweite Unternehmer soll vor dem Ruin stehen, ist zu lesen. Und bei Ihnen?

Das ist bei uns höher angesetzt. Nach meiner Einschätzung könnten rund 90 Prozent der Schaustellerbetriebe dieses Jahr nicht überleben.

Was wird mit ihnen passieren?

Was daraus entsteht, kann ich nicht sagen. Die jungen Leute gehen irgendwo arbeiten, aber das genügt ja nicht, um ihre Betriebe aufrechtzuerhalten. Und wir haben ja nicht in den letzten fünf Jahren solche Überschüsse generiert, dass uns der Lockdown nicht wehgetan hätte.

Kennen Sie alle Betriebe?

Ja, klar. Aber natürlich sagt keiner gern offen, wie groß seine Sorgen sind. Man versucht, seinen Betrieb am Leben zu halten, auch mit seinem Privatbesitz. Oder man hält sich mit Jobs über Wasser. Ich kenne fünf Männer, die mit ihrem Lkw-Führerschein in Hanau bei der Müllabfuhr untergekommen sind. Aber das sind ja schwach bezahlte Positionen. Wir sind alle keine Akademiker.

Was kann der Verband tun?

Wir suchen seit dem Frühjahr nach Lösungen, haben gute Gespräche mit der Stadt, der Tourismus GmbH und der Wirtschaftsförderung geführt. Aber das Ordnungsamt kann die Verordnungen auch nicht ändern.

Welche Unterstützung gab es noch?

Wir waren auch bei Ministerpräsident Volker Bouffier, der ebenfalls Unterstützung signalisierte, unsere Kultur zu erhalten. Wir wurden durchaus gehört.

Volksfeste sind ja verboten. Was folgte konkret?

Es sollte eine Ersatzveranstaltung, einen temporären Freizeitpark für die abgesagte Herbst-Dippemess' im September geben. Das war ein Stück Hoffnung für uns. Vier Wochen hätte er dauern sollen. Montag und Dienstag wären Ruhetage gewesen. Die TCF wollte Gelder dafür freimachen, nur regionale Schausteller bis auf Ausnahmen berücksichtigen. Eine Woche vor der Aufbauphase schossen die Corona-Zahlen in Offenbach und Groß-Gerau bei diesen Indoor-Hochzeitsfeiern hoch. Dann kam die Absage für uns. Es hieß, wir schaffen das nicht.

Das sehen Sie aber anders?

Ja klar! Wir wären kein Hotspot geworden bei einem Freiluft-Markt und dem mit dem Gesundheits- und Ordnungsamt abgestimmten Hygiene- und Sicherheitskonzept. Wir Schausteller stürzten nach der Phase der Hoffnung wieder in ein tiefes Loch.

Dabei gibt es Beispiele, wie Vergnügungsmärkte trotz Corona funktionieren?

Ja, zuerst gab es probeweise einen in München in einem Park neben einem Biergarten. Das lief gut. Ein Kollege steht mit seinem Kettenkarussell in Augsburg seit vier Monaten auf dem Marktplatz, und nichts ist passiert. In Nürnberg hat man die Innenstadt einen Monat belegt mit Buden, Achterbahn und Riesenrad. Überall funktionierten die Regeln. Bis vor kurzem auch in Kassel.

Es geht also. Das wären doch Vorbilder für Märkte überall?

Klar geht es. Aber solche Vorhaben länderübergreifend zu gestalten, ist wahnsinnig schwierig.

Wie geht's jetzt weiter?

Ich bin nach der kurzfristigen Absage wieder losgelaufen zu den Ämtern, wir als Verband haben ja auch eine Verantwortung. Und habe gesagt, wir müssen unser Konzept vom Frühjahr überdenken und fragen, wo wir stehen.

Mit welchem Ergebnis?

Nach einem Rundgang sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir Opernplatz, Roßmarkt, Hauptwache, Paulsplatz und Römerberg unterm Motto "Herbst in der Stadt" bespielen wollen. Mit Erfassung, Einzäunung, Personenbegrenzung auf 250 pro Bereich. Mit Buden, Karussell, Berg-und-Tal-Bahn, Kettenkarussell und Gastro-Ständen.

Nun stieg die Zahl der Neuinfektionen in Frankfurt zuletzt rasant. Seit Freitag gilt eine Sperrstunde und die Maskenpflicht in Einkaufsstraßen. Es hieß, der Herbstmarkt werde verschoben. War Ihnen erneut bang?

Ich schlafe sowieso kaum noch. Aber wir haben in Absprache mit der Stadt das Wege-, Hygiene- und Sicherheitskonzept nachgebessert, nun gilt überall Maskenpflicht. Am Freitag ging es nur einen Tag später als geplant los. Von Montag bis Samstag von 12 bis 21 Uhr kann jeder Spaß und Abwechslung vom Alltag erleben.

Ist dieser Herbst-Markt ein Verdienst des Schaustellerverbandes?

Wir sind Teamspieler und wir geben nicht auf. Natürlich wäre ohne uns nichts passiert, aber ohne das Zusammenspiel mit den Ämtern und Behörden, die sich der Verantwortung für uns und die Bürger bewusst sind, passiert natürlich nichts. Und es ist eine Perspektive, in den Weihnachtsmarkt zu kommen. Auch wenn wir dann von nur rund 30 Prozent der Besucher ausgehen, die in normalen Zeiten kommen.

Nach Corona wird vermutlich nichts mehr so, wie es war. Werden traditionelle Volksfeste und die Schausteller bald Geschichte sein?

Wenn wir nicht in der Lage sind, unsere Betriebe an unsere Kinder weiterzugeben, dann ja. Dann sind in Frankfurter 700 Jahre Mainfest passé. Die Form der Kirmes entstand ja einst aus den Kirchweihen, es heißt nicht umsonst Volksfest. Und wir leben unseren Job mit Herzblut. Nur so funktioniert es. Und da fehlt uns schon die bundesweite Unterstützung. Wichtig ist aber auch, dass wir uns auf den dynamischen Corona-Prozess und den neuen Ausnahme-Alltag einstellen.

Was war mit den Freizeitparks?

Tja, die hat man ins Laufen gebracht Anfang Juni vor den Ferien und in Kauf genommen, dass Kirmesfreunde weite Anreisen tätigen. Und dort standen Besucher in langen Schlangen vor den Attraktionen an. Dafür gab es keine Angebote in den Städten. Dabei kommen Familien zu uns mit der U-Bahn, dem Rad oder zu Fuß.

Wurde zu wenig differenziert, zu viel pauschalisiert?

Ja, es gibt große Volksfeste und die kleine Dorfkerb. Es gab und gibt hier bei uns keine Situation wie in Ischgl oder beim Oktoberfest. Die reine Kirmes beim Höchster Schlossfest am Mainufer, die hätte auch Corona-gerecht stattfinden können.

Die Schaustellerverbände haben bei Demonstrationen in Berlin Unterstützung gefordert. Waren Sie dabei?

Natürlich. 70 unserer Mitglieder, mit zehn Zugmaschinen, Anhängern und Präsentationen. Es wurde Hilfe und Zuversicht signalisiert. Es wurden Konjunkturpakete eingerichtet. Bei einem über 80-prozentigen Betriebsausfall hat man Anspruch auf 70 Prozent der Fixkosten, dazu gehören aber weder Zinsen noch Finanzierungen. Wir kriegen kleine Unterstützungen. Die reichen aber bei weitem nicht aus, um den Betrieb zu erhalten.

Das Konjunkturpaket für Schausteller wurde verlängert bis Dezember?

Ja, immerhin. Aber innerhalb des Fixkostenzuschusses die Betriebskosten zu generieren, das wird auch eine Herausforderung. Wenn das Konto im Minus ist und die Zinsen nicht mehr zur Verfügung stehen . . . Wo will ich das hernehmen? Mit Zusatzkrediten, um den Kredit abzubezahlen? Das ist ein Teufelskreis.

Was macht diese Lage psychisch mit den Schaustellern?

Mürbe. Alt. Krank. Viele haben schreckliche Sorgen um ihre Firma, um ihre Betriebsgüter. Allein im Rhein-Main-Gebiet betrifft das etwa 400 Familienmitglieder und rund 1000 Mitarbeiter. Wir versteuern unsere bundesweit generierten Einnahmen in Frankfurt. Wir sind keine Landfahrer - wir sind Wirtschaftsbetriebe.

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