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Karlheinz Gutberlet hat als Stadtteilhistoriker die Erinnerungen der Eckenheimer Nachkriegskinder gesammelt und aufgeschrieben. foto: Menzel

Eckenheim: Interview

"Was über den großen Teich kam, war angesagt"

  • vonFriedrich Reinhardt
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US-Soldaten haben die Nachkriegskinder demokratisiert. Wie diese Generation auf die Wahlen blickt

Karlheinz Gutberlet (80) hat als Stadtteilhistoriker die Kindheitserinnerungen der Eckenheimer Nachkriegskinder gesammelt. Darin spielten die US-Soldaten eine wichtige Rolle. Sie gründeten Jugendclubs, brachten neue Musik und waren eine unerschöpfliche Quelle für Süßigkeiten. Anlässlich der US-Wahl sprach Reporter Friedrich Reinhardt mit Gutberlet über die Nachkriegszeit mit den amerikanischen Soldaten (GIs), wie sie die Nachkriegsgeneration prägten und wie er heute auf die Wahl in den USA blickt.

Herr Gutberlet, was ist ihre früheste Erinnerung an die amerikanischen Soldaten in Frankfurt?

Ich war sechs Jahre alt und mit einer Mutter auf dem Fahrrad unterwegs. Wir wollten zum Garten eines Onkels in der Kleingartenanlage Eckenheim fahren. An den Fliederfeldern an der Gärtnerei Sinai standen zwei amerikanischen MP (Militärpolizei, A. d. Redaktion). Sie haben uns dann das Fahrrad abgenommen?

Warum?

Die Deutschen durften nicht Fahrrad fahren. Die Leute sagten, dass die Amerikaner Angst hätten, dass aus den Fahrradrohren Waffen gebaut werden. Ich habe das damals nicht verstanden.

Wie haben Sie als Kind auf die US-Soldaten geblickt?

Als Kind hatte ich anfangs gar kein Verhältnis zu den Soldaten. Aber die Großen und mein Bruder, er war vier Jahre älter als ich, die hielten sich sehr oft bei der Kaserne auf. Da durfte ich manchmal mitkommen. Am Zaun haben die GIs Süßigkeiten über den Zaun geworfen. Manchmal auch auf das Kasernengelände. Da haben die Großen uns kleine Kinder durch Löcher im Zaun geschickt, um die Süßigkeiten zu holen.

Da gab es keinen Ärger?

Nein. Einmal hat ein Kind eine Cola-Flasche an den Kopf bekommen. Die GIs standen an den Fenstern und einer warf eine Cola-Flasche, die einen kleinen Jungen getroffen hat. Daraufhin verschwanden sofort alle Soldaten von den Fenstern. Nur einer kam raus und hat eine ganze Kiste Süßigkeiten gebracht.

Mit Süßigkeiten haben die Soldaten die Herzen der Kinder gewonnen.

Der erste Satz in Englisch, den wir gelernt haben war: "Have you candy" (Hast du Süßigkeiten). Mein Bruder konnte nicht Lesen und Schreiben in Englisch aber sprach später den perfekten amerikanischen Slang. Er sprach mal einen Soldaten an, der mit dem Seesack zur Wäscherei ging. Er könne die Wäsche mit Heim nehmen und unsere Mutter würde sie waschen. Das hat meine Mutter dann gemacht. Sie hat die Uniformen mit Hand gewaschen, im Kessel gekocht und sogar die Kragen gestärkt. Das war der Renner.

Dafür wurde ihre Mutter bezahlt?

Als Entlohnung gab es Stangen Zigaretten und die hat sie im Vogelsberg gegen Butter und Kartoffeln eingetauscht.

Was für ein Verhältnis hatten die Erwachsenen zu den Amerikanern?

Am Anfang sehr ablehnend. Die Amerikaner waren der Feind. Es war in der Nachbarschaft nicht gerngesehen, dass meine Mutter für sie die Wäsche machte. Das Verhältnis hat sich aber im Laufe der Zeit verbessert.

Wie das?

Die GIs haben sich um die Kinder gekümmert. In der Turnhalle in der Kirschwaldstraße haben die Amerikaner einen Jugendclub eröffnet.

Waren Sie oft dort?

Ja, da haben wir Bingo gespielt, wurden in Baseball unterrichtet und sind mit den US-Trucks in den Taunus gefahren. Ich war bestimmt zwei oder drei Mal in der Woche dort.

Rückblickend betrachtet, wie hat sie das geprägt?

Wir wurden sehr auflehnend den Erwachsenen gegenüber und haben das Gehorsamsdenken gegenüber den Obrigkeiten abgelehnt. Da war mein Vater nicht so glücklich darüber. Diese alte Einstellung ist bei seiner Generation noch lange geblieben.

Was hat das Aufrührerische mit den Amerikanern zu tun?

Diese Lockerheit der GIs hat abgefärbt. Ich habe meine erste Jeans von einem GI bekommen. Das war cool, auch wenn ich das Wort noch nicht kannte.

Wie haben Sie das Wort "cool" kennengelernt?

Durch den Jazz. Auch mit Musik haben uns die Amerikaner geprägt. Jazz und Rock n' Roll. Im Filmpalast habe ich das erste Mal den Jazz-Schlagzeuger Gene Krupa gesehen. Die meisten dort waren amerikanische Soldaten. Bei solchen Konzerten waren wir regelmäßig. Die Amerikaner hatten eine Leichtigkeit und trotzdem waren es freundliche Menschen.

Wie haben Sie dagegen die deutschen Erwachsenen wahrgenommen?

Wir haben "verpappt" gesagt.

Was heißt das?

Vielleicht könnte man auch hinterwäldlerisch sagen. Die GIs dagegen hatten etwas Lässiges. Dadurch wurden wir demokratisiert. Man war offener allem gegenüber. Und was über den großen Teich schwappte, war angesagt. Das hat man ja bei Fastnacht gesehen. Viele verkleideten sich als Cowboy und Indianer.

Würden Sie sagen, dass sie durch die Amerikaner zum Demokraten geworden sind?

Ja, das kann man sagen. Im Gegensatz zu vielen aus der Generation meines Vaters habe ich immer zuerst an die kleinen Leute gedacht.

Heute schwappen Bilder aus den USA rüber. Darauf sind schwerbewaffnete Milizen, die das Parlament in Michigan besetzen. Wie blicken Sie darauf?

Das ist grauenhaft. Ich habe das Gefühl, Trump könnte sogar wiedergewählt werden. Es sind ja auch nette Leute, keine Radikalen, die ihn wählen. Wir wollen es nicht hoffen, aber ich halte es für möglich, dass die amerikanische Demokratie zerbricht. So wie wir früher nach Amerika geblickt und Kennedy verehrt haben. Und heute, es ist schade. Seit George W. Bush Präsident wurde, ist die Politik in den USA für Europa kein Vorbild mehr. Die Obama-Zeit ausgenommen.

Was wünschen Sie den USA für die Wahl?

Dass die Demokraten es schaffen. Damit wird die Krise nicht gelöst, aber es wäre ein Anfang.

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