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Vergleich unter Clubkollegen: Yannik Barthmann und Franzis Beckey (graue Trikots) spielen hier gegen Andreas Volker und Arne Manche (blaue Trikots). Alle vier Spieler haben das Spielgerät fest im Blick.

Radballer spielen am Riedberg

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Zum ersten Mal waren die Radballer des RSV Heddernheim in der neuen Trainingshalle auf dem Riedberg bei Ligaspielen in Aktion.

Rasant jagen Jannick Bathmann und Franzis Beckey auf ihren Spezialrädern über das elf mal 14 Meter große Feld in der Sporthalle der Marie-Curie-Schule. Mit den Vorderrädern treiben sie den knapp 600 Gramm schweren, mit Rosshaar gefüllten Ball übers Feld und versuchen den Rückstand von drei zu null nach der ersten siebenminütigen Halbzeit noch auszugleichen.

Mitten im Pass gibt es eine Kollision mit einem der Gegenspieler, Bathmanns Fuß berührt den Boden. Um wieder ins Spiel zurückzukommen, muss der Torwart erst kurz zurück hinter die eigene Torlinie fahren. Der Nachteil der Regel: Da in Zweierteams gespielt wird, kann sein Partner den Angriff so kaum alleine beenden. Der Vorteil: Bathmann ist bereits im Tor, als die gegnerische Mannschaft zum Gegenschlag ausholt und verteidigt seinen Kasten: freihändig auf dem Fahrrad stehend, mit beiden Armen in der Luft.

Der Sport, den die beiden 18-Jährigen schon als Grundschüler entdeckt haben, heißt Radball. Ihr Verein, der RSV Heddernheim, hat die Disziplin, die für so manchen nach einer neumodischen Trenderscheinung klingt, schon seit 1896 im Programm. Gut zwei Dutzend Aktive trainieren jeden Dienstag und Donnerstag in der Sporthalle der Marie-Curie-Schule am Riedberg, in die der Verein in der vergangenen Woche eingezogen ist und wo am Wochenende zum ersten Mal auch Ligaspiele stattfanden.

Drei Teams, darunter das von Bathmann und Beckey, spielen derzeit in der hessischen Verbandsliga Nord, ein weiteres Team kämpft gerade um den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Radball ist eine Sportart, die bei den meisten Deutschen allerdings völlig unbekannt ist. Dabei spielt die Nationalmannschaft regelmäßig ganz vorne mit bei internationalen Meisterschaften. Den ewigen Medaillenspiegel führen die Deutschen mit 30 Goldmedaillen vor Tschechien sowie der Schweiz an.

Die Entstehung der Disziplin klingt fast so kurios wie die Spielart. „Überliefert ist der Ursprung mit einer Geschichte über den Kunstradfahrer Nicholas Edward Kaufmann“, erklärt der RSV-Vereinsvorsitzende Frank Müller: „Er habe eine Kollision mit einem Hund vermeiden wollen, heißt es, hob geistesgegenwärtig das Vorderrad an und beförderte den Hund damit so sanft es ging aus dem Weg.“ Auch Müller, der beteuert, dass Mensch und Tier dabei unverletzt geblieben seien, und sein Partner Stefan Blaß haben an diesem Tag drei der elf Ligaspiele auf dem Spielplan zu absolvieren.

Zuvor demonstriert er aber noch, was an den rund 2000 Euro teuren Spezialrädern so besonders ist: „Die Kette ist eins-zu-eins übersetzt“, erklärt der 39-Jährige und zeigt, was das bedeutet. Tritt er die Pedale nach vorn, bewegt er sich vorwärts, tritt er zurück wird erst kurz gestoppt und es geht rückwärts weiter. Zum Aufstehen bringt er die Pedale auf gleiche Höhe und balanciert, während die Knie sich an Rahmen und Lenker Halt suchen. „Als Torwart ist es besonders wichtig, die Balance halten zu können“, erklärt Müller, der in 30 Jahren Radball-Praxis einen äußerst guten Gleichgewichtssinn entwickelt hat.

Zum Vorführen der Schusstechnik fährt er auf einen der Bälle zu, reißt den Lenker scharf nach rechts und der Ball fliegt zur Seite und wird mit lautem Poltern von einer der Banden gestoppt.

„Das macht Radball aber zu einer Sportart, bei der gerade Neulinge Geduld mitbringen müssen“, so Müller: „Bis ein Anfänger – ob Erwachsener oder Kind – das Rad so beherrscht, dass tatsächlich Spielzüge trainiert werden können, dauert es locker ein dreiviertel Jahr. Vorher stehen Hindernisfahren und Gleichgewichtstrainings an.“

Erlernen und spielen könne die Sportart aber jeder, beteuert Müller. „Bei uns im Verein trainieren alle, von Kindern im Grundschulalter bis zu 70-jährigen ehemaligen Ligaspielern“, sagt er.

Interessierte, die zu Schnuppertrainings in die Turnhalle der Marie-Curie-Schule in der Graf-von-Stauffenberg-Allee 55 kommen wollen, sind herzlich eingeladen. Dienstags und Donnerstags zwischen 18 und 20 Uhr spielt hier die Anfängergruppe.

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