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So könnte es an der Kreuzung Alleenring/Eckenheimer Landstraße (mit dem „Turm der Bücher“, dem Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek) einmal aussehen: Mehr Platz für Freizeit, Bäume und Fußgänger.

Verkehr

Radikale Idee für eine Frankfurter Verkehrswende: "Alleenpark" statt Alleenring

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Eine Stadt, in der sich Fußgänger und Radfahrer sicher bewegen können, das wollen alle. Ebenso mehr Grünflächen. Wie genau das aussehen könnte, dafür fehlt es an konkreten Ideen. Der Radentscheid macht einen radikalen Vorschlag.

Mehr als 40 000 Unterschriften hat die Initiative „Radentscheid Frankfurt“ inzwischen gesammelt. Verbunden damit waren allgemeine Forderungen: sichere Radwege, mehr Fahrradtrassen durch die Innenstadt oder deutlich mehr Stellplätze für Fahrräder. Nun legt die Initiative ihren ersten konkreten Vorschlag für ein radfahrer- und fußgängerfreundlicheres Frankfurt vor: Auf dem Alleenring, der heute jeweils drei und auf manchen Abschnitten noch mehr Fahrspuren hat, sollen Autos nur noch auf einer Spur in jede Richtung fahren.

Ideengeberinnen: Rebecca Faller und Beatrix Baltabol (rechts).

Aber was heißt Vorschlag? Rebecca Faller und Beatrix Baltabol sprechen lieber von einer „Vision“. Denn der „Alleenpark“, so nennen die beiden Architektinnen und Straßenplanerinnen ihr Konzept, ist radikal und lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen. „20 Jahre sind eher realistisch“, sagt Baltabol. Faller dazu: „Aber in fünf Jahren könnte die Testphase starten.“ Damit würde sich die Lebensqualität schon spürbar verbessern.

40 000 Autos jeden Tag

So sieht es aktuell an der Deutschen Nationalbibliothek aus. Man vergleiche das mit dem Titelbild.

Der Reihe nach: Der Alleenring führt vom Ostend vorbei an der Frankfurt University, dem Campus Westend und dem Zubringer zur A66 zur Bockenheimer Warte und dann weiter zum Hauptbahnhof und endet am Westhafen Tower. Einmal rund um die Frankfurter Innenstadt. Mit 40 000 Autos täglich gehört der Alleenring zu den meistbefahrenen Straßen Frankfurts. Zwischen den Fahrspuren zieht sich ein etwa 30 Meter breiter Grünstreifen, der wegen des Verkehrslärms und der verschmutzten Luft kaum genutzt wird. „Dabei handelt es sich da um eine Fläche von mehr als zehn Hektar“, sagt Baltabol, „eine Grünfläche so groß wie der Frankfurter Zoo.“ Hinzu kommt: Auch für Anwohner ist die laute Straße eine Belastung. Ebenso dem städtischen Vorhaben,die Hochschulen mit einer „Campus-Meile“ besser zu vernetzen, steht die starkbefahrene Verkehrsachse im Weg. Deshalb soll der Autoverkehr auf einer Seite des Grünstreifens gebündelt werden. „Die andere Seite gehört dann den Frankfurtern“, sagt Baltabol. Dort gebe es Platz für Sportanlagen, Spielplätze und Cafés. 

Illustration der Testphase für den Alleenpark.

Dieser Umbau soll mit einer Testphase zwischen der Frankfurt University und dem Campus Westend beginnen – dort, wo die Campus-Meile entstehen soll. Damit der Verkehr nicht ins Chaos abrutscht, soll zum einen die Geschwindigkeit auf 30 Stunden-Kilometer begrenzt werden. Zum anderen soll an der Autobahnabfahrt der A 66 ein Parkplatz entstehen und dieser mit einer Schnell-Buslinie an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angebunden werden. „Dann würden Autofahrer eher auf den ÖPNV umsteigen“, sagt Faller.

Illustration des Alleenparks in seiner endgültigen Form.

Im zweiten Schritt soll die Zweispurigkeit auf den ganzen Ring ausgeweitet werden. Eine Ringbahn soll dann die verschiedenen Verkehrsknotenpunkte verbinden und an den ÖPNV angebunden werden, der dadurch noch attraktiver würde. 

Im Verkehrsdezernat hat man das Konzept des Radentscheids zur Kenntnis genommen. Mehr aber auch nicht. „Das halten wir nicht für machbar“, sagt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD). Im Sommer habe man nur eine Spur sperren müssen, und der Verkehr sei kollabiert. Damit habe sich das Thema für Oesterling erledigt.

Autos verändern die Stadt

Ohne parkende Autos hätten Anwohner deutlich mehr Platz an ihrer Straße.

Faller und Baltabol haben nichts gegen Autos. Es ist ihnen wichtig, das zu sagen. Sie wollen keine Grabenkämpfe gegen zwischen Auto- und Radfahrern. Sie wollen nur eben nicht, dass der innerstädtische Verkehr zusammenbricht. Das sei allerdings definitiv die Konsequenz, wenn jedes Jahr 10 000 Menschen nach Frankfurt ziehen, sich aber das Verkehrskonzept nicht ändere. 

So viel Platz blockieren geparkte Autos an der Friedberger Landstraße.

Mit ihrer „Vision“ wollen sie Alternativen entwickeln. „Das muss nicht eins zu eins umgesetzt werden“, sagt Baltabol. Aber eine Diskussion müsse angestoßen werden. Es gelte, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, „was Autos mit unseren Städten machen“, wie viel Platz durch geparkte Fahrzeuge verloren geht und wie diese Fläche sinnvoller genutzt werden könnte.

Kommentar von Friedrich Reinhardt: Für eine Frankfurter Verkehrswende braucht zuerst Konzepte

Wenn man als Fußgänger die Straßenseite nicht wechseln kann, weil die Autos zu eng parken; oder wenn man mit dem Rad nicht links abbiegen kann, weil der Autoverkehr so dicht fließt, dass man vom Radweg nicht auf die Abbiegespur kommt, dann möchte man schreien. „Hallo, liebe Stadtpolitik, lange geht das nicht mehr gut“, würde es dann durch die Straßen bis zu den Dezernatsbüros schallen. Würden dann etwa Verkehrsdezernent Oesterling oder Planungsdezernent Josef zurückrufen: „Für eine autofreie Innenstadt gibt es keine politische Mehrheit im Römer“, hätten sie sicher recht. Aber wie soll die zustande kommen, wenn es keine konkreten Konzepte gibt, mit denen eine echte Verkehrswende in Frankfurt vorstellbar wird? Jedes Jahr ziehen tausende Menschen mehr in unsere Stadt, und weil sie so schön ist, kann man das nur verstehen. Ein Zukunftsmodell muss also her. Ja, der ÖPNV ist schon am Limit und Aufträge für neue S-Bahn-Triebwagen müssen europaweit ausgeschrieben werden. Das dauert. Von neuen S-Bahn-Strecken ganz zu schweigen. Die Aufgabe ist schwierig, keine Frage. Aber die Politik hat mit Planungswerkstätten oder Ideen-Kongressen Handwerkszeug, um Konzepte zu entwerfen, über die die Frankfurter dann diskutieren können. Und wenn der Autolärm verstummt, dann muss auch niemand mehr schreien.


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