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Ohne ihn gäbe es keine echte ?Grie So?: Gärtnermeister Rainer Schecker in seinem Kerbelfeld. Er hofft, dass das Wetter in diesen Winter weniger Kapriolen schlägt als im vergangenen.

Interview

Gärtner Rainer Schecker zur Zukunft der Grünen Soße

2018 war ein schwieriges Jahr für die Bauern – auf Überschwemmungen folgten Frost und Dürre. Redakteurin Stefanie Wehr sprach mit dem Oberräder Gärtner Rainer Schecker über Missernten, Wetterkapriolen und das einzig wirksame Mittel gegen Nilgänse.

Herr Schecker, wie haben Sie das Jahr überstanden?

RAINER SCHECKER: Das Jahr hat schon schwierig angefangen. Im Januar stand das Feld unter Wasser, weil die Gräben verstopft waren. Dann ging es weiter: Die Kräuter im Freiland waren gerade ein bisschen rausgewachsen, dann kam der starke Frost mit Temperaturen von zehn bis zwölf Grad minus. Die Kräuter bekamen es voll auf den Deckel. Dann gab es keinen Schnee, es war also sehr trocken. Der zweite Frost kam, und wieder war alles hinüber. Normalerweise helfe ich Kollegen mit Kräutern aus. Das musste ich absagen.

Zu Ostern konnten Sie die Grüne Soße aber noch retten?

SCHECKER: Wir haben gerade so zu Ostern die Menge zusammenbekommen, die wir für unseren Hofladen, den Markt und die Gastronomie brauchen. Extra-Bestellungen gingen nicht. Wir mussten in den Gewächshäusern sogar noch heizen. Das war ein teurer Spaß.

Draußen wuchs nichts vor Ostern?

SCHECKER: Das Einzige, was wir draußen ernten konnten, war Pimpernelle. Die war aber ganz klein, vielleicht fünf Zentimeter lang. Wir brauchen ja die Kräuter alle, damit wir die echte „Frankfurter Grüne Soße“ verkaufen können. Für das geschützte Label dürfen wir nur Petersilie zukaufen. Wenn wir noch ein zweites Kraut zukaufen würden, wäre es keine Frankfurter Grüne Soße, sondern nur noch Grüne Soße. Das wollten wir auf jeden Fall vermeiden. Deshalb haben wir Pimpernelle und auch Schnittlauch eigentlich zu klein abgeschnitten.

Und dann kam die große Dürre.

SCHECKER: Genau. Am 17. April hatten wir den letzten Regen. Von da an war der Hahn zugedreht. Im Mai habe ich meine Bewässerung im Feld, ganz alte Brunnen von früher, aktiviert. Im Sommer habe ich Tag und Nacht bewässert, die Pumpe lief durchgängig. Die Gewächshäuser haben wir in der Zeit fast komplett leergelassen und die Produktion ins Freie verlegt. Im Gewächshaus ist es heißer, das wäre komplett schiefgegangen. Nur die Kresse, die sehr empfindlich ist, haben wir im Gewächshaus gelassen und das Haus schattiert.

Sie sind also ziemlich rotiert...

SCHECKER: Für mich sind die Kräuter wie kleine Kinder, die hege und pflege ich. Im Sommer bin ich nachts alle drei Stunden ins Feld gefahren und habe die Beregnung umgestellt. Meine Frau hat schon gefragt: Hast du ein Verhältnis da unten? Meine Pumpe ist mein Verhältnis, habe ich ihr geantwortet.

Wie hoch waren die Einbußen? Lässt sich der Schaden beziffern?

SCHECKER: Übers Jahr gesehen hatten wir sicher ein Drittel weniger Ertrag. Ein großer Schaden war, dass wir viele Samen zwei, drei Mal aussähen mussten. Denn die Keimlinge sind quasi verkocht. Zudem stellten wir fest, dass bei der Hitze die Menschen nicht mehr rausgehen. Ergo konsumieren sie auch nichts mehr. Wir haben also einen riesigen Aufwand betrieben, mit höheren Kosten produziert, um jedoch weniger zu ernten – und konnten trotzdem nicht alles verkaufen. Wenn man sich aufreibt, und dann kriegt man’s obendrein nicht los – ist das schon bitter.

Befürchten Sie, dass der Klimawandel die Produktion der Grünen Soße dauerhaft bedrohen könnte?

SCHECKER: Nein, wir lassen uns dann schon etwas einfallen. Mein Vater und Großvater hatten früher auch erzählt von Wetterkapriolen. Ich erlebe sie das erste Mal in dieser geballten Form. Manche Kräuter halten dem Wetter besser stand als andere. Der Sauerampfer verträgt vieles, Pimpinelle auch, aber Schnittlauch und Kresse sind empfindlich.

Wie sieht es momentan aus mit Blick auf den Winter?

SCHECKER: Die Wassergräben, die im letzten Jahr mit Ästen und Schlamm verstopft waren, sind gerade gereinigt worden. Die Stadtentwässerung, die dafür zuständig ist, hat Wort gehalten.

Bleibt der Preis pro Bündel gleich?

SCHECKER: Ja. Bei uns kostet die Grüne Soße das ganze Jahr über 3,80 Euro. Ist ein schönes Paket, wo ordentlich was drin ist.

Was bringt das Siegel der Frankfurter Grünen Soße, wenn Sie damit so einen hohen Aufwand haben?

SCHECKER: Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, und es bringt was für den Verbraucher. Der weiß genau, was drin ist und wie das Mischungsverhältnis ist. Im Winter war früher oft mehr Petersilie im Bündel. Wir haben festgelegt, dass nicht mehr als 30 Prozent Petersilie im Bündel drin sein darf.

Wird an Weihnachten eigentlich auch Grüne Soße gegessen?

SCHECKER: Ja, lustigerweise schon. Vielleicht rührt das von dem alten Brauch her, „das Grüne ins Haus holen“. Früher hat man grüne Zweige geholt, um die guten Geister als Segen ins Haus zu holen. Man holt sich also den guten Geist vom Schecker ins Haus. (lacht)

Wie hoch ist der Schaden, den die Nilgänse verursacht haben?

SCHECKER: Im Jahr 2012 mussten wir die Salatproduktion einstellen, weil sich hunderte Nilgänse immer wieder darüber hermachten. Sogar den Marktstand auf der Konstabler Wache mussten wir deshalb aufgeben. Aber ich habe das Problem jetzt ganz gut im Griff. In jedem meiner Fahrzeuge habe ich ei paar Silvester-Böller. Ich schmeiße ein paar Böller, dann hauen die Gänse ab. Mittlerweile kennen sie mich. Es reicht schon, wenn ich im Traktor angefahren komme, dann fliegen sie weg.

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