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Uni-Präsidentin Brigitta Wolff (2.v.l.) mit Podiumsgästen.

Podiumsveranstaltung

Rainer Wendt spaltet die Goethe-Uni

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Nach der Posse um die Ein- und Ausladung des umstrittenen Gastredners Rainer Wendt wurde an der Goethe-Universität jetzt um einen einheitlichen Begriff von Meinungsfreiheit gerungen – zwar mit Leidenschaft, aber ohne großen Erfolg.

An der Person Rainer Wendts entzünden sich Streitfragen wie beim Funkenflug in einem Treibstofflager. Im Oktober wurde der zuwanderungskritische Vortrag über den „Polizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft“ des Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft (DPolG) an der Goethe-Universität abgesagt. Rund 60 Wissenschaftler hatten in einem offenen Brief gegen die Einladung durch die Ethnologin Susanne Schröter protestiert. Aus Angst vor einer „Eskalation wie auf der Buchmesse“ habe sie dann die Reißleine gezogen, so Schröter im Nachhinein. Die dann folgende Diskussion nahm die Universität zum Anlass, um am vergangenen Freitag über die Frage zu verhandeln, wie viel Meinungsfreiheit eine Hochschule verträgt. Es wurde ein Abend wie ein akademischer Stellungskrieg. Die Veranstaltung machte deutlich, wie verhockt die Positionen tatsächlich sind.

Susanne Schröter stellte fest, dass sie Wendt auch wieder einladen würde. „Ich lade sehr kontroverse Leute aus allen möglichen ideologischen Lagern ein – von Anarchisten bis zu Salafisten. Man muss deren Meinung nicht teilen, aber man muss sich mit ihnen auseinandersetzen“, erklärte sie.

Auch der Jurist Maximilian Pichl, Erstunterzeichner gegen Wendts Vortrag, bestand auf seiner Position. Es sei nicht mit dem Leitbild der Uni vereinbar, „rechten Akteuren“ wie Wendt eine Bühne zu geben. Überdies sei ein offener Brief kein Hieb gegen die Meinungsfreiheit – das Gegenteil sei der Fall, so Pichl. Der Humangeograph Bernd Belina pflichtete ihm bei: „Populisten sollten wir dort stellen, wo ihr Diskurs geführt wird. Die Uni ist dafür nicht der geeignete Ort.“

Rainer Forst, Philosoph und Sprecher des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“, beklagte, dass das ganze Brimborium um Rainer Wendt ihn letztlich noch zum Märtyrer mache. „Man muss doch dort, wo man Unvernunft vorfindet, den öffentlichen Gebrauch der Vernunft praktizieren“, so Forst. „Wenn an einer Institution, an der ich beteiligt bin, Leute eingeladen werden, deren Haltungen mir nicht passen, verlangt es die Toleranz nicht, dass ich mir meinen Widerspruch verkneife. Aber sie verlangt, dass ich andere, unbequeme Positionen nicht unterbinde.“

Universitätspräsidentin Birgitta Wolff versicherte, auch weiterhin niemandem vorzuschreiben, wen er einzuladen habe und wen nicht. „An dieser Hochschule steht grundsätzlich so wenig wie möglich außer Frage“, betonte Wolff.

Also alles wie im Oktober. Über 300 Zuhörer verfolgten diesen Reigen der Rückversicherungen, gelegentliche Zwischenrufe dokumentierten den Frust über den Mangel an echten Erkenntnissen.

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