Anwohner verlassen die Sperrzone, einige ziehen Koffer mit dem Nötigsten hinter sich her.
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Anwohner verlassen die Sperrzone, einige ziehen Koffer mit dem Nötigsten hinter sich her.

Blindgänger aus Zweitem Weltkrieg

Raus aus dem Haus für Frankfurts nächste Bombe

  • vonSabine Schramek
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2700 Bewohner im Umkreis von 500 Metern um das Messe-Gelände mussten am Freitag in Frankfurt ihre Wohnungen verlassen, damit die Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes die 500 Kilogramm schwere Weltkriegsbombe entschärfen konnten, die bei Bauarbeiten entdeckt worden war.

Frankfurt -Hinter hohen Zäunen verborgen schlummerte die 500 Kilo Weltkriegsbombe tief in der Erde. Ganz in der Nähe der Messehalle 5 wurde sie am Dienstag bei Bauarbeiten entdeckt. Schnell war klar: Das gesamte Gebiet im Umkreis von 500 Metern muss evakuiert werden. Rund 2700 Bewohner und Berufstätige müssen das Gebiet verlassen, damit die Experten des Kampfmittelräumdienstes den Blindgänger entschärfen können.

Um 8 Uhr morgens fahren am Freitagmorgen die ersten Polizeiwagen die Europaallee entlang. Über Lautsprecher informieren sie über die Entschärfung der Bombe. "Zu Ihrer eigenen Sicherheit verlassen Sie bitte Ihre Wohnungen" schallt es durch die Straßen. Im Einkaufszentrum Skyline Plaza haben alle Läden und Restaurants geschlossen. Nur ein Supermarkt öffnet von 7 Uhr bis 9 Uhr.

Schon Übung im Evakuieren

Aus Hauseingängen kommen Leute. Ein Pärchen mit einem Weimaraner spaziert die Straße entlang. "Ich wohne seit fünf Jahren hier. Einmal im Jahr wird eine Bombe entschärft und wir werden evakuiert", sagt der Mann lachend. Hündin Grace hat einen Knochen im Maul. "Was wir drei heute machen, wissen wir noch nicht. Immerhin regnet es nicht, da wird uns schon was einfallen."

Hoteliers informieren ihre Gäste über die Sperrung der Gegend. Das Motel One leert sich langsam. Manager Mosamel Dos Santos Hanif lächelt. "Wir hatten heute Nacht 30 bis 35 Gäste. Der Freitag ist ganz gut für die Sperrung, sonst hätten noch mehr Gäste das Haus verlassen müssen", sagt er.

An der Rezeption weist ein Schild auf das gesperrte Gebiet hin. Frühstück wurde bis 8.30 Uhr angeboten. "Die Leute sollen ja nicht hungrig raus", so der Manager, der seinen Gästen hinterhersieht, die ihre Koffer aus dem Gebäude rollen.

Die Stadtpolizei sperrt Querstraßen mit ihren Streifenwagen ab. Leute, die hinein wollen, werden freundlich gebeten, in die andere Richtung zu gehen. Mit Mundschutz erklären die Ordnungshüter geduldig, in welcher Richtung Straßen abgesperrt werden und in welche Richtung Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer sich bewegen können. Eine Stadtpolizistin meint scherzhaft: "Heute sind wir hier als Erklärbar".

Wer nicht gehen will,

muss fühlen

Die Kölner Straße ist auf einer Seite gesperrt, die andere Seite gehört nicht ins Sperrgebiet. Auf dem Bürgersteig der freien Seite beobachten Bewohner, wie Leute mit Tüten, Taschen und Koffern die Häuser verlassen. Auch die Polizei ist mit vielen Einsatzkräften unterwegs. Sie klingeln überall, überprüfen, ob die Häuser leer sind.

Ein Mann will das Gebäude nicht verlassen. Deswegen erhält er Platzverbot und wird in Gewahrsam genommen. Viele hatten ihre Briefkästen nicht geleert und somit auch nicht die Flugblätter gesehen, die über die Bombenentschärfung aufklären. "Ich wusste nichts", sagt eine junge Frau, die sich über das große Polizei-Aufgebot wundert. "Irgendwas war im Radio, aber ich habe gestaubsaugt", meint sie. Sie muss ohnehin in die Stadt und arbeitet dort bis 19 Uhr. "Bis dahin ist es ja hoffentlich vorbei".

Angekündigt war die Sperrung bis 18 Uhr. Doch es geht viel schneller. In der Messehalle 11, in der die Leute sich aufhalten können, die keinen Unterschlupf woanders gefunden haben, wird kurz nach 12 Uhr bekannt gegeben, dass die Entschärfung bald beginnt. 24 Leute sind hier. Es gibt Tee, Kaffee, Brote und Kartoffelsuppe mit Würstchen. Oberbürgermeister Peter Feldmann verteilt Gutscheine für Palmengarten und Museen. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) teilt Essen und Getränke aus, die Familien sitzen an Zweier- und Vierer-Tischen. Das Gesundheitsamt achtet penibel darauf, dass die Hygienerichtlinien eingehalten werden, die Feuerwehr unterstützt.

"Besser geht's nicht"

Um 13.25 Uhr ist es geschafft. Es gab keinen Knall zu hören. Nur eine Drohne ist zu sehen, die über dem Gelände kreist. "Die Entschärfung lief hervorragend", fasst Thomas Rech, Dezernatsleiter Sicherheit und Ordnung vom Regierungspräsidium Darmstadt zusammen. "Die Windung ließ sich händisch richtig gut lösen." Spezielle Schutzausrüstung haben die Kampfmittelräumdienst-Mitarbeiter nicht getragen. "Bei so einer Bombe bringt auch die beste Schutzausrüstung nichts", so Rech. Dass sich zwei Zünder so leicht entfernen lassen, sei nicht häufig der Fall. Die Bombe wurde auf einem Transporter zum Zerstören gebracht.

Erik Hessenmüller, Einsatzleiter der Polizei, hat ebenfalls nur Positives zu berichten. "Der Einsatz lief hervorragend. Die Leute waren vernünftig und haben ihre Wohnungen weitgehend pünktlich verlassen."

Neu für eine Bombenentschärfung sind die Hygienevorschriften auch für die Feuerwehr. "Trotzdem lief alles bestens", so Rainer Heisterkamp von der Feuerwehr. Marco Schmitz, Kreisbereitschaftsleiter beim DRK, stimmt zu. "Besser geht's nicht."

Die Sperren werden aufgehoben, und auch der Supermarkt im Shoppingcenter öffnet wieder. Als einziger Laden dort am Tag der Bombenentschärfung.

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