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Nachtlager an der Wiesenhüttenstraße gegenüber dem Hauptbahnhof.

Kontrollen der Polizei

Razzia gegen illegales Übernachten

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Sie schlafen auf bekannten Plätzen und in versteckten Winkeln: wohnsitzlose Südosteuropäer, die im Frühling wieder verstärkt in der Innenstadt anzutreffen sind. Die Stadtpolizei macht nun Kontrollen im Morgengrauen. Sie will dauerhafte Lager verhindern.

„Guten Morgen. Aufstehen! Passports, please!“ Mehr müssen Ralf Müller und seine Kollegen von der Frankfurter Stadtpolizei nicht sagen, um Bewegung in die Steinweg-Passage zu bringen. Dort liegen acht wohnsitzlose Menschen in Schlafsäcken. Auf Pappkartons, die sie irgendwo aus Containern geangelt und zu Unterlagen umfunktioniert haben. Es ist kurz nach 6 Uhr. Die Geweckten setzen sich nach und nach auf, das Geräusch von Reißverschlüssen ist zu hören. Ein junger Mann, der gerade noch an seine Partnerin gekuschelt lag, kramt in seinem Rucksack. In der Passage riecht es nach Schweiß und ungewaschenen Klamotten.

Ralf Müller leitet die „Task Force“ der Stadtpolizei. Das ist die Organisationseinheit, die rund um die Uhr im Einsatz ist, um in Frankfurt für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Heute sind der Feldschutzoberkommissar und seine Kollegen in der Innenstadt und im Bahnhofsviertel unterwegs, um zu verhindern, dass Wohnsitzlose dauerhafte Lager bilden. „Das ist nur über permanenten Kontrolldruck möglich“, sagt Müller, der schon seit 27 Jahren beim Ordnungsamt arbeitet.

Was passiert, wenn die Stadtpolizei nicht laufend kontrolliert oder einen versteckten Schlafplatz zunächst nicht entdeckt, ließ sich nach der Öffnung der Europäischen Union in Richtung Rumänien und Bulgarien schon mehrfach beobachten: Einmal versahen Armutszuwanderer einen Platz am Mainufer in der Nähe des „Nizza“ mit Matratzen, Möbeln und Wäscheleinen, ein anderes Mal schlugen sie ein ganzes Zeltlager in einem Fechenheimer Wäldchen auf. Auch in die Steinweg-Passage wurden schon ein Sofa vom Sperrmüll und andere Einrichtungsgegenstände geschleppt, sagt Müller. „Das ärgert die Geschäftsleute natürlich.“

Inzwischen haben alle acht Wohnsitzlose einen Ausweis abgegeben. Die meisten von ihnen stammen aus Bulgarien, aber auch ein junger Asylbewerber aus Mali (Westafrika) ist dabei. Ein Stadtpolizist arbeitet den Dokumentenstapel ab. Mit dem Mobiltelefon gibt er einem Kollegen in der Funkleitstelle die Personalien durch. Dieser überprüft, ob gegen die Ausweisbesitzer etwas vorliegt, ob sie zum Beispiel Straftaten begangen haben, oder ob aufenthaltsrechtliche Ermittlungen gegen sie laufen.

Wie sich herausstellt, sind einige der Kontrollierten wegen Eigentumsdelikten wie Taschen- und Trickdiebstahl polizeibekannt. Grund zu weiteren Maßnahmen haben die Stadtpolizisten aber nicht. Sie fordern die Wohnsitzlosen freundlich, aber bestimmt zum Verlassen der Passage auf. Eine weitere Gruppe, die die Nacht schräg gegenüber, vor einem Eingang von „Hugendubel“, verbrachte, hat die Ordnungshüter schon gesehen und packt ganz von selbst zusammen. An den Fahrradständern im Steinweg bleibt ein Stapel Pappe zurück, den jetzt die Mitarbeiter der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) beseitigen müssen.

Jörg Bannach, Leiter des Frankfurter Ordnungsamts, begleitet die Kontrolle am frühen Morgen. Er betont, dass es den Stadtpolizisten keineswegs darum gehe, arme Menschen herumzuscheuchen. Der Lagerbildung frühzeitig vorzubeugen sei aber unerlässlich. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass sich die Wohnsitzlosen aus Südosteuropa „sehr schnell häuslich einrichten“. Mit den Lagern sei in der Regel eine „massive Vermüllung“ verbunden, wegen der Essensreste komme häufig auch Rattenbefall hinzu.

Tierische Begleiterscheinungen gibt es auch bei einem Nachtlager an der Wiesenhüttenstraße gegenüber dem Hauptbahnhof: Vor einem Reisebüro schlummern sechs Frauen und ein Mann nebeneinander auf dem Gehweg, die Köpfe zum Schaufenster, die Füße zur Straße hin. Um die Gruppe herum gurren Tauben, picken Krümel vom Boden. Die Personalienfeststellung ergibt, dass die Wohnsitzlosen aus Rumänien stammen. Sie sind durch die Bank wegen Trick- und Taschendiebstahls aktenkundig. Oberkommissar Müller berichtet außerdem, dass sie sich als Autofensterputzer an roten Ampeln verdingen.

Die Frauen – sie tragen allesamt lange Röcke und Kopftücher – suchen ihre Siebensachen zusammen und laden diese teils auf Kinderwagen. Unterdessen versucht ein Stadtpolizist, mit dem Mann zu sprechen. Gegen den 1989 geborenen Rumänen laufen Aufenthaltsermittlungen. Wegen Eigentumsdelikten hätte er schon längst Post – wahrscheinlich eine Vorladung – beim Frankfurter Amtsgericht abholen müssen. Der Mann spricht so gut wie kein Deutsch. Seine Schwester, die er mit dem Handy anruft, muss dolmetschen. Der Stadtpolizist schärft ihm ein, dass ihm eine Untersuchungshaft droht, falls er sein Schreiben nicht abholt. Der Rumäne verspricht schließlich, das noch heute zu tun, und verabschiedet den Ordnungshüter mit Handschlag.

Am Willy-Brandt-Platz, auf den Steinbänken vor der Euro-Skulptur, treffen die Stadtpolizisten auf eine Gruppe Rumäninnen, die ihnen völlig unbekannt ist. Es sei durchaus denkbar, dass die Frauen gerade erst in Frankfurt angekommen und morgen schon wieder in einer anderen Stadt seien, sagen die Stadtpolizisten. Merkwürdig erscheint ihnen, dass die Frauen keinen einzigen Mann dabeihaben. Meist sei zumindest ein „Aufpasser“ dabei. Die Beamten der „Task Force“ wollen die Gruppe im Blick behalten.

Vor dem Abschied übergibt ein Stadtpolizist den Frauen eine Broschüre mit einer Übersicht der Frankfurter Angebote für Wohnsitzlose. Ordnungsamtsleiter Jörg Bannach betont: „Wir wollen nicht nur kontrollieren, sondern auch weiterhelfen und Alternativen aufzeigen.“ Schließlich handele es sich bei den Wohnsitzlosen in aller Regel um „ganz arme Menschen“. Die letzte Kontrollrundfahrt des Jahres wird es übrigens auf keinen Fall gewesen sein: Die warme Jahreszeit hat ja gerade erst begonnen.

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