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„Halten vielleicht noch zwei Monate durch“: Tafel steuert auf Drama zu

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Von: Michelle Spillner

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Die Regale hinter Norbert Nickel, dem Lagerleiter der Frankfurter Tafel, sind weitgehend leer, weil die Lebensmittelspenden um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind. Gleichzeitig ist die Zahl der Bedürftigen gestiegen.
Die Regale hinter Norbert Nickel, dem Lagerleiter der Frankfurter Tafel, sind weitgehend leer, weil die Lebensmittelspenden um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind. Gleichzeitig ist die Zahl der Bedürftigen gestiegen. © Michelle Spillner

Die Regale der Frankfurter Tafel sind leer. Aktuell treffen viel zu wenig Spenden ein. Gleichzeitig steigt die Zahl der Bedürftigen.

Frankfurt -Die Frankfurter Tafel steuert auf eine dramatische Situation zu. Seit zwei Monaten frisst sich in ihre Hochregallager eine besorgniserregende Leere hinein. "Normalerweise ist das hier alles voll, der Vorrat für drei Monate", sagt Norbert Nickel, Disponent, Lagerleiter und Warenbeschaffer. Jetzt wäre auf gut einem Drittel der Regalbretter in vier Ebenen Platz für Nudeln. Reis, Zucker, Konserven und andere haltbare Lebensmittel - wenn denn etwas käme. Die Frankfurter Tafel, die größte in der Region, sorgt sich. Die 1000 Quadratmeter große Halle ist das Lager, auf das zurückgriffen wird, falls die Zeiten schlecht sind. Sie sind es jetzt.

Seit Wochen stehen täglich unangemeldet Menschen vor der Tür und bitten um Lebensmittel. "Das hier ist nur das Lager, es ist keine Ausgabestelle", sagt Nickel, "aber sollen wir sie wegschicken? Die Mutter mit zwei Kindern an der Hand?". 1100 Hilfesuchende waren es allein in der vergangenen Woche. Und auch an diesem Dienstag (12.04.2022) geben sich die Hilfesuchenden die Klinke in die Hand. Es sind vor allem Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind; häufig mittellos. In ihrer Verzweiflung geben sie den Begriff "Tafel" im Internet ein und finden die Adresse des Lagers. Dann kommen sie - aus Steinbach, Hofheim, Offenbach, Aschaffenburg, nehmen weite Wege auf sich. Sie sind nicht die Ursache der Not, sie sind Ausdruck der Not.

Tafel in Frankfurt versorgt 27 000 Bedürftige - und es werden immer mehr

"Heute morgen war die Tafel aus Fulda hier und hat Lebensmittel geholt. Die hatten gar nichts mehr", schildert Nickel. Es sind viele verschiedene Faktoren, die die Tafeln bundesweit an ihre Grenzen bringen. Wie das weitergehen soll in den kommenden Wochen, die Versorgung der insgesamt 27 000 Frankfurter Bedürftigen, die an den zwölf Ausgabestellen in Frankfurt anstehen, der 55 sozialen Einrichtungen wie "Kidsclub" und Obdachloseneinrichtungen und der zehn weiteren Tafeln - Nickel weiß es nicht. "Das halten wir vielleicht noch zwei Monate durch. Aber dann?".

Die Tafeln sind in die Klemme, weil die Zahl der Bedürftigen steigt und gleichzeitig das Spendenaufkommen sinkt: um krasse 70 bis 80 Prozent. 230 Tonnen Lebensmittel hat die Frankfurter Tafel bislang monatlich umgesetzt, aktuell seien es vielleicht noch 130 Tonnen, so Nickel. Das Spendenaufkommen deckt den laufenden Bedarf nicht mehr.

Problem für Tafel in Frankfurt: Mehr Flüchtlinge und sparsame Supermärkte

Das Spendenaufkommen sinkt, weil vieles, was sonst bei der Tafel als Spende ankam, jetzt an die Ukraine geht. Hinzu kommt, dass Supermärkte und Discounter ihre Warenhaltung wirtschaftlicher betreiben und knapper bestellen, so dass weniger Produkte für die Tafel übrig bleiben. Ein Trend, den Rainer Häussler, Vorstandvorsitzender der Frankfurter Tafel, schon seit einem halben Jahr beobachtet. Und dann sind da noch die vielen kleinen Foodsharing-Projekte, die dafür eintreten, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden. Ein gutes Ansinnen, das aber nicht dafür sorgt, dass die Lebensmittel bei denen ankommen, die sie dringend benötigen. Mitglieder von Foodsharing-Organisationen teilen gerettete Lebensmittel untereinander auf, wenn noch etwas übrig bleibt, dann geht das an bedürftige Menschen. So werden Lebensmittelretter zur Konkurrenz der Armen.

Auf der anderen Seite gibt es mehr Arme. Zu den alleinerziehenden Müttern, Menschen, die von Altersarmut betroffen sind, Behinderten, die nie eine Chance hatten, reihen sich nun noch jene ein, die durch die Pandemie arbeitslos geworden sind, seit vergangenem Herbst Flüchtlinge aus Afghanistan und seit Februar Flüchtlinge aus der Ukraine. Die enorm gestiegenen Energie-, Lebensmittel- und Spritkosten treiben nun auch noch diejenigen zu den Tafeln, die bislang noch gerade so über die Runden kamen. Dabei machen die teuren Spritkosten auch der Tafel zu schaffen. Um 3000 bis 4000 Euro auf 8000 Euro pro Monat sind sie gestiegen. Sie werden (noch) aus den Ersparnissen gedeckt, die eigentlich für anderes genutzt werden sollten.

So funktioniert die Tafel in Frankfurt

Die Frankfurter Tafel finanziert sich zu 100 Prozent aus Spenden. Jeder kann Spenden haltbarer Lebensmittel (Reis, Nudeln, Konserven, Zucker, Mehl, H-Milch et cetera abgeben: montags bis freitags von 8 bis 15 Uhr in der Vilbeler Landstraße 15, 60386 Frankfurt, Telefon (069) 49 80 825. Die Kontodaten für Geldspenden lauten: IBAN: DE91 5019 0000 0077 0089 26, BIC: FFVBDEFF, Verwendungszweck: Lebensmittelkauf (oder Sprit).

Die Tafel-Kunden merken davon - noch - nicht viel. Es ist vielleicht ein bisschen weniger in den Tüten und manches gibt es nicht, etwa Mehl und Sonnenblumenöl, das ja schon in den Märkten ausverkauft ist. "Fleisch bekommen wir auch kaum noch", sagt Nickel. Eigentlich fehle es an allem. "Aber wir schicken niemanden weg", sagt er. Werden Waren knapp, wird eine Nachlieferung aus dem Lager geordert.

Tafel-Krise in Frankfurt: "So schlimm war es seit 26 Jahren nicht"

Eine solch schlimme Situation haben beide, Nickel und Häussler, in 26 Jahren bei der Tafel noch nicht erlebt. In der Anfangszeit, als die Zahl der Bedürftigen bei 500 lag, da sei es schon vorgekommen, dass die Gründerin mal eine Tankfüllung für ein Lieferfahrzeug aus eigener Tasche bezahlt habe. Aber dass man an die Ersparnisse gehen müsse ...

Was, wenn die Spendenknappheit anhält? "Dann gibt es irgendwann nur noch eine Tüte statt zwei oder eben nur noch eine Handvoll Lebensmittel", sagt Häussler. Er wünscht sich Unterstützung seitens der Stadt. Und dass bei der Weitergabe von Lebensmitteln die "richtigen Prioritäten" gesetzt werden, dass sie dorthin kommen, wo man ohne sie nicht auskommt. Und er mahnt, man müsse zwar auch den Flüchtlingen helfen, aber dabei doch bitte die "eigenen Leute nicht vergessen".

Mit Schrecken blickt er auf den Juni. Dann werde sich zeigen, wie viele der Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind, Anspruch auf Hartz IV haben und damit Anspruch auf einen Frankfurt-Pass und damit die Nutzung der Tafel. Wie viele werden sich dann in die Schlangen einreihen? 2000? 10 000? "Es wird erwartet, dass wir sie mitversorgen", sagt er voller Sorge . Und fügt dann hinzu an: "Wir können nicht die Grundversorger für die ukrainischen Flüchtlinge sein, das schaffen wir nicht." Er ist ratlos. "Zur Not müssen wir die Ausgabestellen dann im Wechsel zumachen, das wäre eine sehr dramatische Situation, die wir hoffentlich nicht umsetzen müssen." (Michelle Spillner)

Die Ausgabestellen der Tafel im Stadtteil Preungesheim haben vor Ostern den größten Ansturm seit ihrer Gründung erlebt.

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