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Von Bad Vilbel via Konstablerwache bis nach Sachsenhausen fährt einen der 30er-Bus – und natürlich zurück. Dass sich das ändern soll, sorgt für dicke Luft.

Oberleitungsbus vorgeschlagen

Stadtparlament plant Resolution gegen verkürzte Buslinie von Bad Vilbel nach Frankfurt

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Per Resolution des Stadtparlaments wollen CDU und FDP in Bad Vilbel für den durchgehenden 30er-Bus bis in die Frankfurter City kämpfen. Groß ist die Verärgerung unter den Politikern, nachdem Frankfurt angekündigt hat, die Linie im Dezember 2019 zu kappen. Von der Fahrgast-Lobby kommt nun ein ungewöhnlicher Vorschlag, wie die Linie erhalten werden kann.

Die Linienbusfahrt mit dem 30er nach Frankfurt soll ab Dezember 2019 an der Friedberger Warte enden. Fahrgäste aus Richtung Vilbel müssen nach dem Willen der Stadt Frankfurt dort dann stets in die Straßenbahn 18 umsteigen, um in die Innenstadt zu gelangen. Was für Frankfurter ein wichtiger Schritt zu besserer Luftqualität und gegen das drohende Diesel-Fahrverbot ist, sorgt in Bad Vilbel für dicke Luft.

CDU, Grüne und FDP stemmen sich gegen das Frankfurter Vorhaben. Christdemokraten und Liberale haben ihre Kritik sogar spontan in einen Eilantrag für die nächste Parlamentssitzung kommende Woche gegossen. Die Volksvertreter sollen sich dann per Resolution für den Erhalt der durchgehenden Busverbindung via Konstablerwache bis Sachsenhausen einsetzen.

Die Fraktionschefs Irene Utter (CDU) und Jörg-Uwe Hahn (FDP) warnen davor, dass die Verbindung dann unattraktiver werde. „Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass stattdessen auf die S-Bahn-Linie S6 umgestiegen werden“, erklären die beiden. „Viele werden stattdessen das Auto nutzen.“

Mehr Autos statt weniger

Damit rechnet Frankfurts Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) jedoch nicht, weil Autofahren in die Mainmetropole in den kommenden Jahren unter anderem wegen steigender Parkgebühren unattraktiver werde. Das hatte Oesterling in dieser Zeitung erklärt. Dennoch: „Das ist ein unausgegorener Plan, durch den noch mehr Autos unterwegs sein werden“, äußern die Koalitionäre in Bad Vilbel. Vor allem die ohnehin schon hochbelastete B521 und die Friedberger Landstraße würden damit noch voller, warnt Irene Utter.

Info: Busse ohne Oberleitung

Weltweit werden rund 300 Obus-Systeme – also Busse mit Oberleitung – betrieben, aber nur in drei deutschen Städten, darunter Solingen. Das größte europäische Obus-Netz gibt’s in Salzburg.

Seine Blütezeit in den Ländern Westeuropas hatte der Obus in den 50er Jahren. Seitdem wurden fast zwei Drittel der Systeme stillgelegt.

In Frankfurt fuhren von 1944 bis 1959 Obusse auf der Linie 60 von Heddernheim zur Praunheimer Brücke. Anlass für die Einführung sei die Treibstoffknappheit im Zweiten Weltkrieg gewesen, erklärt Nahverkehrs-Historiker Bernd Rodmann auf seiner Internetseite.

Vor allem in Osteuropa gibt es heute viele Obus-Systeme, allen voran in Russland, aber ebenso in Italien und in der Schweiz. Dort investieren unter anderem Winterthur, St. Gallen und Schaffhausen in die Modernisierung ihrer Obusse.

Ihr missfällt auch, dass die Frankfurter ihr Vorhaben nicht abgesprochen hätten. „Es gehört sich nicht,“ sagt die CDU-Fraktionschefin, „eine für Bad Vilbel so gravierende Fahrplanänderung in einem Nebensatz einer Pressemeldung mitzuteilen.“

Erstmals hatte der CDU-Fraktionvorsitzende im Frankfurter Römer, Michael zu Löwenstein, die Idee im Oktober öffentlich gemacht (diese Zeitung berichtete).

In die Kritik stimmt auch die Bad Vilbeler Opposition ein: „Die Line 30 befördert jeden Tag eine große Anzahl von Vilbelern direkt ins Herz von Frankfurt“, erklärt Grünen-Fraktionschefin Kathrin Anders. Auch sie befürchtet, dass Fahrgäste aufs Auto umsteigen. „Damit ist der Luftbelastung und dem Klimaschutz ein Bärendienst erwiesen“, findet Kathrin Anders und schimpft: „Auf Dieselfahrverbote mit einem schlechteren Nahverkehrsangebot zu reagieren ist kurzsichtig und unverantwortlich.“

Als Alternative zum Kappen der Buslinie fordert Andreas Christopher vom Fahrgastverband Pro Bahn und Bus, die Straßenbahnlinie 18 endlich nach Bad Vilbel zu verlängern. Er räumt aber ein: „Das geht nicht in einem Jahr.“ Für die Übergangszeit, bis die Straßenbahnlinie gebaut ist, sollte man stattdessen versuchen, die Buslinie möglichst schadstoffarm zu betreiben. „Es wäre eine Überlegung wert, die Linie 30 mit einer Oberleitung zu betreiben, als Obus“, sagt Christopher.

Aufwendiges Verfahren

Ist das nicht Spinnerei? „Ganz und gar nicht, die Technik ist ausgereift“, erklärt der Fahrgastvertreter. Attraktiv könne eine solche Lösung sein, weil sie auch in Hybridlösungen mit Batteriebetrieb für einige Kilometer anwendbar sein. „Dann könnte man vor allem die vorhandene Oberleitung der Straßenbahn nutzen“, sagt Christopher. Er räumt aber ein: Die Gesamtstrecke bis Bad Vilbel sei dafür wohl zu lang – und der Schöllberg zu steil, als dass Busse ihn im Batteriebetrieb bewältigen könnten.

Auch Verkehrsdezernent Oesterling tut den Vorschlag nicht grundsätzlich ab. „Ich bin im Prinzip ein Freund des Obus’.“ Gegen dessen Einführung spreche aber, dass für den Bau der Oberleitungsmasten eine aufwendige Genehmigung nötig sei, ein Planfeststellungverfahren. Dieses ist auch für den Bau einer Tram-Trasse notwendig.

Mit seinem Bad Vilbeler Verkehrsdezernenten-Kollegen Sebastian Wysocki (CDU) stehe er bereits im Austausch, sagt Oesterling. Dabei scheint er durchaus Werbung für die Straßenbahnverlängerung zu machen. Die hatte Bad Vilbel – allen voran dort die CDU – stets abgelehnt, bis Wysocki zuletzt eine Kehrtwende machte und doch die Verlängerung forderte. Auf jeden Fall könne eine Tram-Strecke nach Bad Vilbel technisch realisiert werden, betont Klaus Oesterling – trotz der Steigung des Schöllbergs in der Frankfurter Straße. „Das ist kein Hindernis für eine Straßenbahn.“

Kommentar: 

Dass ausgerechnet jene Pendler zu den Leidtragenden des Dieselfahrverbots zählen sollen, die bereits umweltfreundlich per Bus nach Frankfurt fahren: Welch ärgerliche Ironie! Verständlich ist es durchaus, wenn die Stadt Frankfurt angesichts der Eilbedürftigkeit zunächst vor allem die aus eigener Kraft drehbaren Stellschrauben für saubere Luft nutzt. Doch die Furcht, dass das Kappen der Buslinie genau das Gegenteil bewirkt, ist leider nachvollziehbar.

Deshalb ist es nun genauso eilbedürftig, schnell mit der konkreten Planung zu beginnen, um die Straßenbahn bis Bad Vilbel zu führen. Darauf sollten sich auch die Wetterauer konzentrieren: Eine Resolution im Parlament ist zwar nett. Gleich für 2019 Geld in die Hand zu nehmen als Anteil für die Tram-Planung, wäre aber viel pragmatischer und zielgerichteter.

Von einem baldigen Bau der Straßenbahn profitieren alle. Denn in einen 30er auf Schienen stiegen sicher noch mehr Pendler als heute aus dem Auto um. Was gut für Frankfurt wäre. Und manch ein Großstädter genösse sicher den dann bequemeren Weg in die kleine Nachbarstadt, an den Niddaplatz oder zu den Burgfestspielen. Das wäre gut für Bad Vilbel.

 

Anmerkung der Redaktion:

In einer vorherigen Version des Artikel stand die Überschrift "Stadtparlament erlässt Resolution gegen verkürzte Buslinie von Bad Vilbel nach Frankfurt". Das war falsch und wurde geändert.

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