Umgefallen, aber nicht tot: Den alten Quittenbaum südlich des Sportgeländes von Blau-Gelb haben Katja Kaiser und Holger Alt bewusst stehen lassen - er dient jetzt als wichtiger Lebensraum für Insekten. foto: Leonhard Hamerski
+
Umgefallen, aber nicht tot: Den alten Quittenbaum südlich des Sportgeländes von Blau-Gelb haben Katja Kaiser und Holger Alt bewusst stehen lassen - er dient jetzt als wichtiger Lebensraum für Insekten. foto: Leonhard Hamerski

Natur pur

Die Retter der alten Bäume

  • Judith Dietermann
    vonJudith Dietermann
    schließen

Das Grünflächenamt legt eine fast vergessene Streuobstwiese im Niddapark frei. Einige Gehölze wirken wie "Geisterbäume".

Wie oft er in den vergangenen Monaten schon von Spaziergängern und Radfahrern angesprochen worden ist, was er und seine Kollegen denn bloß den schönen alten Bäumen antun würden, das kann Jan Scholze längst nicht mehr an einer Hand abzählen. "Wir müssen das machen, auch wenn es schlimm aussieht. Nur so können wir die Bäume erhalten", ist stets seine Antwort.

Es ist der dringend benötigte Rückschnitt der bis zu 60 Jahre alten Bäume, die auf einer Streuobstwiese im westlichen Teil des Niddaparks stehen, den das Grünflächenamt seit vergangenem Jahr macht. Und der bei den Spaziergängern Fragen aufwirft. Eben weil die Bäume nach dieser Maßnahme nicht mehr gesund und grün, sondern eher braun und kahl aussehen. Ein bisschen wie Geisterbäume.

Scholze selbst spricht von einer Notoperation der Bäume, die sonst nicht hätten erhalten werden können. 25 Jahre lang, fügt Holger Alt, Bezirksleiter Nord beim Grünflächenamt, hinzu, sei dort nichts passiert. Die Fläche so zugewachsen gewesen, dass sie als solche gar nicht mehr erkennbar gewesen sei.

Das sei schade, zumal es sich um die älteste Streuobstwiese im Niddapark - in Frankfurts größtem öffentlichen Park - handelt. Völlig verbuscht sei sie noch im vergangenen Jahr gewesen und hätte eher einem kleinen Wäldchen geglichen. Das durch drohende herabfallende Äste auch ein Risiko für Spaziergänger barg.

Dass der "recht brachiale Rückschnitt", wie Alt es nennt, den gewünschten Erfolg bringe, das zeigten die Exemplare, die im vergangenen Jahr bereits unters Messer kamen. Denn an den glatt abgesägten Ästen wachsen bereits wieder die ersten zarten grünen Blätter. "Auch wenn es nicht schön aussieht - nicht das Hegen der Früchte ist unser Ziel, sondern nur dass die Bäume überleben", sagt Scholze.

Die Sommermonate seien für solch einen Rückschnitt optimal, sagt der Experte. Denn die Wunden, die man den Bäumen zufüge, verheilten so viel schneller. Maximal sechs Stunden würde es dauern. Im Winter hingegen rechne man für diesen Abtrocknungsprozess mit einigen Wochen.

Die Streuobstwiese ist nur eine von vielen "Baustellen", die auf der Liste des Grünflächenamtes im Niddapark stehen. Den bezeichnet Alt liebevoll als "Mikrokosmos von alldem, was wir in Frankfurt haben". Damit meint er neben dem alten Baumbestand und den Streuobstwiesen auch die Sportflächen sowie Spiel- und Wasserspielplätze. Und all das muss freilich gehegt und gepflegt werden.

Dazu gehört auch die Nachpflanzung, 17 Bäume wurden auf einer Wiese neben dem Sportgelände von Blau-Gelb in diesem Jahr gepflanzt. "Wir können immer nur so viele Bäume pflanzen, wie wir auch gießen können", betont Alts Kollegin Katja Kaiser. Denn die Sommer der vergangenen drei Jahre waren trocken, das Grundwasser reiche nicht mehr aus. Auch in diesem Jahr seien mehrere Gießgänge nötig gewesen.

Um die Bäume zu schützen, sei man zudem neue Wege gegangen, sagt Kaiser. Sogenannte Ansitzstangen für Greifvögel habe man installiert. Elf Stück an der Zahl. Das bringe gleich zwei Vorteile mit sich: Die Vögel setzten sich nicht auf Äste, die abbrechen könnten. Zudem hätten sie in den dichten Kronen der Bäume nicht nur eine äußerst schlechte Sicht auf ihre Beute auf den Wiesen. Das Ausbreiten der Flügel sei dort auch fast unmöglich.

Auf den freistehenden Ansitzstangen haben die Greifvögel nicht nur eine gute Sicht, sie können auch blitzschnell starten. Das ist im Niddapark wichtig, denn sie sind die natürlichen Feinde der Kaninchen. Und davon gibt es viele. Zu viele, wie Alt sagt. Sie zu bejagen sei aber so gut wie unmöglich. "Wir versuchen es auf die natürliche Art. Dabei helfen die Ansitzstangen. Natürlich stets in enger Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde", sagt er.

Einige Meter weiter, immer noch in Sichtweise zum Fußballplatz, liegt ein umgefallener Quittenbaum. Um ihn herum wachsen Pflanzen, darunter auch Brennnesseln. Bewusst habe man den Baum liegen gelassen. Damit sich eben solch ein Biotop entwickelt. Als Lebensraum für Insekten, wie Bienen und Käfer. Und die Brennnesseln? Die habe man bewusst stehen lassen, sagt Holger Alt. Als Abschreckung, damit niemand auf den Stamm klettert, um ein Foto zu machen. Dass man den Bäumen und Pflanzen damit schade, werde dabei nicht bedacht. "Und das nur für ein Foto", kann Alt über solche Aktionen nur den Kopf schütteln.

Judith Dietermann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare