Ehrenamtliche Vogelretter in Oberrad

Die Retter der Tauben

Ehrenamtliche Mitarbeiter des Stadttaubenprojektes in Oberrad rücken jeden Tag aus, um in ganz Frankfurt verletzte Tauben zu retten. Sie stoßen dabei auf allerlei menschliche Abgründe. Doch an Taubenhasser haben sich die Tierschützer gewöhnt. Sie wünschen sich aber mehr Mitstreiter für ihre Arbeit.

Von BEN KILB

Irgendwo an der Konstablerwache soll die verletzte Taube über den Asphalt humpeln. Mehr wissen Julian und Nadine nicht. Eine Passantin hat das Stadttaubenprojekt in Oberrad zuvor über dessen Notfall-Telefon über den Vogel informiert, Leiterin Gudrun Stürmer hat Julian und Nadine mit der Suche beauftragt. „Uns bleibt nun nichts anderes übrig, als die Tauben an der Konstablerwache anzufüttern. Dann taucht vielleicht auch der verletzte Vogel auf“, hofft Nadine.

Und der Plan geht auf. Dutzende Tauben kommen angeflogen und fangen an zu picken, darunter auch die Taube, die sich mit ihrem rechten Fuß in einer Schnur verheddert hat. Sie stürzt sich verzweifelt auf jedes Korn, doch die gesunden Artgenossen sind schneller.

Weil die verletzte Taube aber noch immer fliegen kann, fällt es Julian und Nadine schwer, sie einzufangen. Das Tier soll in den Gnadenhof des Stadttaubenprojektes in Oberrad gebracht werden, dort von der Schnur befreit werden und zu Kräften kommen. Ein scheinbar angetrunkener Passant macht das Vorhaben allerdings zunichte, als er eine Bierflasche in Richtung der fressenden Vögel wirft und diese sich daraufhin auf die Platanen retten.

Statt laut zu werden, schütteln die beiden ehrenamtlichen Helfer bloß mit dem Kopf und fahren mit der Bahn zum nächsten Einsatz. Der Vorfall ist für sie nur ein weiteres dunkles Kapitel im Umgang der Menschen mit Frankfurts Tauben. In der Friedensstraße stoßen die beiden schließlich auf einen jungen Raben, der aus dem Nest gefallen ist und nun verletzt vor einem Baum kauert. „Das Tier wird nun zur Pflege nach Oberrad gebracht und soll danach in geeignete Hände übergeben werden“, erklärt Julian.

Auch wenn der kleine Rabe wohl nicht lange im Gnadenhof bleibt – Platz ist dort eigentlich keiner für ihn. Auch die finanziellen Mittel des Stadttaubenprojekts sind stets knapp. Im Gnadenhof werden jährlich bis zu 3000 verletzte und geschwächte Tauben aufgenommen und gepflegt. Bis zu einem Drittel jener Vögel muss eingeschläfert werden. Loswerden möchte das Stadttaubenprojekt aber auch die Tiere, die keine Tauben sind, nicht – wie seine ehrenamtlichen Mitarbeiter auf ihren Einsätzen Raben, Krähen und andere Vögel nicht liegen lassen würden. Denn an was es den Mitarbeitern nicht mangelt, ist die Entschlossenheit, sich um leidende Vögel zu kümmern.

„Wir brauchen aber mehr freiwillige Mitarbeiter, die sich die Aufgaben teilen“, betont Gudrun Stürmer, die sich bereits seit über 30 Jahren den Tauben verschrieben hat. Sie und ihre Helfer sammeln längst nicht nur verletzte Tauben und andere Vögel ein, wenn sich an manchen Tagen bis zu 20 Anrufer melden. Um die vom Stadttaubenprojekt betriebenen Taubenhäuser in Frankfurt muss sich gekümmert werden, genauso um das Austauschen von Tauben- durch Gipseier – eine Praxis, mit der sich nachweislich die Taubenpopulationen regulieren lassen.

Diese Aufgaben sind aber selten so akut wie die Einsätze für verletzte Vögel oder das sachgerechte Entfernen von Taubennestern. „Dafür lassen unsere Ehrenamtlichen oft alles liegen und fahren los. Der Aufwand ist immens“, erklärt Stürmer. Julian rückt oft trotz Uni-Stress aus, Nadine stellte für die Rettung von Tauben und anderen Vögeln nicht selten das Lernen fürs Abi hintenan. Mitunter müssen sie und die anderen Helfer dafür bis in den Vordertaunus oder den Main-Kinzig-Kreis fahren. Oft werden die freiwilligen Taubenschützer zudem als Behördenmitarbeiter angesehen, deren Beruf es ist, verletzte Tauben, Nester oder Hinterlassenschaften der Vögel zu beseitigen. „Das liegt wohl am Namen unseres Projektes“, schätzt Stürmer.

Dabei haben die Mitarbeiter des Stadttaubenprojekts oft genug mit Behörden zu kämpfen. Manchmal müssen sie auf die Gnade der Feuerwehr hoffen, wenn sich Vögel in einigen Metern Höhe verfangen und befreit werden müssen. Sie müssen ihre Arbeit vor Beamten der Polizei erklären, meist dann, wenn Bürger, die Tauben bloß für „Ratten der Lüfte“ halten, sich darüber aufregen, dass die als Krankheitsüberträger verrufenen Tiere angefüttert oder mitgenommen werden. Über Anfeindungen von Taubenhassern möchten Stürmer und ihre Helfer gar nicht erst ins Detail gehen. „Das würde zu lange dauern“, seufzt Stürmer.

Die Leiterin hat gelernt, das Verhalten jener Menschen nicht zu sehr an sich heranzulassen. Das gilt auch für Nadine und Julian, die zwar noch nicht lange für das Stadttaubenprojekt im Einsatz sind, aber längst Bücher mit Beispielen füllen könnten, wie schlecht Tauben von Menschen mitunter behandelt werden.

Wer sich dem Stadttaubenprojekt anschließen möchte, kann eine E-Mail an info@stadttaubenprojekt.de senden. Das Notfalltelefon ist unter 01 70-8 48 47 57 erreichbar.

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