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Das Schild spricht Bände. Doch der Autofahrer rast.

Nager werden oft überfahren

Rettet die Eichhörnchen in Frankfurt

Das Eichhörnchenseil hat sich in Berlin und München an stark befahrenen Waldstraßen bewährt. Der Verein „Aktion Tier“ will nun auch in Frankfurt sein gutes Werk tun.

Eichhörnchen leben am Rande des Stadtwaldes gefährlich. Etliche Nager geraten auf den vielbefahrenen Straßen unter die Räder, gerade jetzt, wenn sie auf der emsigen Suche nach Wintervorräten nur eines im Sinn haben: genug Nüsse sammeln. Bei den Menschen werden sie öfter fündig, da im Wald nach dem trockenen Sommer nicht viele Nüsse zu holen sind.

Besonders schlimm ist es auf der Niederräder Landstraße zwischen Kennedyallee und Mörfelder Landstraße. „Hier werden jede Woche ein oder zwei Eichhörnchen überfahren“, sagt Mikosch Siegel. Der Frankfurter wohnt an der Straße, hat Fotos von toten Nagern an die Redaktion dieser Zeitung geschickt. Den Anblick möchten wir unseren Lesern lieber ersparen.

Allgemeines Lebensrisiko

Mikosch Siegel möchte sich mit dem achtlosen Verhalten der Menschen gegenüber der Natur nicht abfinden. Deshalb ist er Mitglied des Vereins „Aktion Tier“ mit Sitz in Berlin. Am dortigen Müggelseedamm hat der Verein vor vier Jahren das erste Eichhörnchenseil Deutschlands installiert, ein zweites ein Jahr später in München. Ein Kunststoff-Tau wurde von einem Hochseilexperten in gut neun Metern Höhe an zwei Bäumen befestigt. Wie viele Eichhörnchen über das Seil die Straßenseite gewechselt haben, lässt sich nicht sagen. Aber an beiden Orten sollen seither keine Nager mehr überfahren worden sein. Der Verein beruft sich auf Aussagen der Anwohner.

Ein solches Seil könnte die Lösung für die Niederräder Landstraße sein, meint Siegel, denn auf der geraden Strecke werde gerast, was das Zeug hält: „Viele, vor allem Lastwagen, fahren deutlich schneller als 50 Sachen, auch überholt wird hier.“ Darum hat er vor kurzem Schilder an den Holzpfosten am Straßenrand befestigt: „Achtung Eichhörnchen – Bitte langsam fahren“. Vor einem Jahr sprach Siegel Mitglieder des Ortsbeirat 5 (Sachsenhausen, Niederrad, Oberrad) an. Ein Antrag der CDU wurde im Januar dieses Jahres prompt einstimmig verabschiedet: Ein Eichhörnchenseil soll gespannt werden, diesmal unter der Regie der Stadt selbst.

Das Schild spricht Bände. Doch der Autofahrer rast.

Doch der Magistrat lehnte ab. Warum? „Die verkehrssichere Anbringung eines Eichhörnchenseils steht nicht im angemessenen Verhältnis zum Nutzen für die Tiere“, hieß es. „Ein solches Seil zu betreiben bedeutet einen riesigen Aufwand“, sagt auf Anfrage Christa Mehl-Rouschal von der Unteren Naturschutzbehörde. „Es muss tragfähig sein und oft, vor allem nach einem Sturm, kontrolliert werden.“ Es gebe sicher viele Stellen in der Stadt, die für Eichhörnchen, aber auch für Igel und Marder gefährlich seien. „Für die Tiere gehört das Überqueren von Straßen leider zum allgemeinen Lebensrisiko. Wir haben keine Lösung parat, außer an die Autofahrer zu appellieren, langsam zu fahren“, so Mehl-Rouschal. „Es wäre auch besser, wenn die Tiere auf der Waldseite gefüttert werden, anstatt auf dem eigenen Balkon, dann bräuchten sie nicht die Straßenseite wechseln.“

Verein bringt Expertise mit

Die Berliner Tierschützer sehen das anders. „Warum soll man nicht mehr tun, um die Tiere vor dem Tod zu bewahren?“, fragt Ursula Bauer von der „Aktion Tier“. Sie versteht, dass die Stadt Steuergeld sorgfältig ausgeben will. Deshalb möchte der Verein die Planung und die Kosten für das Seil, die sich auf etwa 5000 Euro belaufen, auch selbst tragen. Einen Antrag auf eine Sondergenehmigung von der Stadt will der Verein in Kürze stellen. Eine Haftpflichtversicherung soll vor Schäden schützen. Genau wie in Berlin und München würde dann ein Hochseil-Experte mit der Fertigung des Taus beauftragt. Dieser würde das Seil auch per Hebebühne anbringen. Ursula Bauer hat sich die Stelle an der Niederräder Landstraße schon angesehen. Zwei große Eichen kämen infrage – an einer Stelle, wo die Eichhörnchen vermehrt die Straße queren.

Das Seil funktioniere, weil die Nager ohnehin stets den Weg über die Bäume favorisierten. Am Boden liefen sie nur, wenn es nicht anders gehe, so die Tierschützerin. Allerdings sei der Erfolg des Seils lokal begrenzt. „Einen Kilometer weiter laufen die Tiere wieder über die Straße, so wie wir Menschen es auch tun würden – wir gehen auch nicht zu einer weit entfernten Fußgängerampel.“ Sie könne nicht wissenschaftlich beweisen, wie viele Eichhörnchen durch das Seil am Leben geblieben sind. Eine Kamera mit Bewegungsmelder, die am Baum befestigt wurde, zeigt bislang nur einen Schwanz eines Eichhörnchens.

„Es ist besser, als untätig zu bleiben“, findet Siegel. Für die laufenden Kosten für das Seil würde der Tierschützer selbst aufkommen.

Stefanie Wehr

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