+
Engagierter Bürgerdialog: Das Publikum diskutierte bei der Veranstaltung im Kasino des FNP-Verlagsgebäudes eifrig mit. Fotos: Heike Lyding

FNP-Podiumsdiskussion

Rezepte für die wachsende Stadt

  • schließen

Wo sollen die 15 000 Menschen wohnen, die Jahr für Jahr nach Frankfurt ziehen? Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hält an einem Neubaugebiet im Frankfurter Norden fest, wie er gestern Abend bei einer Podiumsdiskussion von Montagsgesellschaft und FNP sagte. Strittig blieb, ob und wie bestehende Quartiere nachverdichtet werden sollen.

Mit der Politik ging der Architekt Stefan Forster am Montagabend hart ins Gericht: In den vergangenen Jahren seien viel zu wenig Wohngebiete ausgewiesen worden, in Niederrad hätte man die Hochhäuser im Mainfeld abreißen und ein städtisches Wohnquartier wie in Sachsenhausen schaffen sollen. Und mit dem Erhalt der Gewerbebetriebe im Osthafen sei die Chance vertan worden, die Wohngebiete in der Innenstadt und in Fechenheim miteinander zu verbinden. „Da ist ein großer Sandhaufen, der könnte auch irgendwo in Offenbach sein“, sagte er über die Flächen am Hafenbecken, die seiner Ansicht nach gut für Wohnungsbau geeignet wären.

Besser jedenfalls als die Ackerflächen im Frankfurter Norden, auf denen nach Ansicht Forsters keine „Trabantenstadt“ entstehen dürfe. Damit widersprach er Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der nach wie vor an seiner Idee festhält, den „Pfingstberg“ zwischen Nieder-Eschbach und Nieder-Erlenbach zu bebauen. „Wir sollten nicht darüber diskutieren, was die bessere Idee für mehr Wohnungsbau ist“, sagte er. „Wir werden sie alle brauchen.“ Er verstehe auch nicht, warum ein neuer Stadtteil im Frankfurter Norden immer als „Satellitenstadt“ diskreditiert werde. „Als das Nordend entstanden ist, war es auch eine Satellitenstadt.“

Wer auf eines der jetzt diskutierten Baugebiete verzichte, versündige sich an der nächsten Generation. Das heiße aber nicht, dass alles zugebaut werde. „Frankfurt ist eine grüne Stadt, und das wird auch so bleiben.“ Es dürfe auch nicht „jeder Hinterhof“ mit neuen Wohnhäusern belegt werden.

In diesem Punkt ist er sich einig mit Frank Junker, dem Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Holding. „Ich warne davor, jeden freien Quadratmeter für Wohnungen zu nutzen.“ Die Stadt brauche auch Arbeitsplätze, er plädiere deshalb für eine „friedliche Koexistenz“ zwischen Wohnen und Gewerbe. Auch die Nachverdichtung bestehender Wohngebiete müsse maßvoll betrieben werden. „Da geht es auch um Grünflächen, die Wohnqualität darstellen.“

Forster hingegen sieht in den Siedlungen der 50er Jahren mit ihren typischen Zeilenbauten ein großes Potenzial. „Die müsste man in eine richtige Stadt umbauen. Da kriegen Sie dann doppelt so viele Wohnungen unter“, ist er überzeugt. Stadt bedeute immer auch Dichte. „Die Menschen wollen in einem urbanen Umfeld leben, nicht in einer Ansammlung von Dörfern.“ In der Platensiedlung etwa stünden die Häuser viel zu weit auseinander, die Blöcke könnten geschlossen werden. Auch die Heimatsiedlung in Sachsenhausen könnte „ruhig etwas höher“ sein. „Aber wenn Sie das vorschlagen, haben Sie sofort eine Bürgerinitiative.“ Feldmann zieht daraus den Schluss: „Die Menschen wollen mitreden.“ Wenn man sie rechtzeitig einbeziehe, würden sie viele Dinge auch mittragen. „Sie sind ja nicht blöde.“ Ein „bisschen Demokratie“ sei in den Planungsprozessen schon nötig.

Schwierig wird die Nachverdichtung, das wurde in der von Stefan Söhngen (Montagsgesellschaft) und Boris Tomic (FNP) moderierten Diskussion deutlich, unter anderem durch die Parkplatzfrage. Denn neue Wohnungen sind nur möglich, wenn Stellplätze nachgewiesen werden können. Das geht in verdichteten Quartieren meist nur unterirdisch – was aber oft nicht wirtschaftlich ist. Junker hat die Erfahrung gemacht, dass sich in Tiefgaragen oft 30 Prozent der Plätze gar nicht vermieten lassen, weil nicht alle Mieter ein eigenes Auto haben. Einer Lockerung der Stellplatzsatzung steht Feldmann dennoch skeptisch gegenüber. „Ich sehe nicht, dass dadurch Tausende von neuen Wohnungen entstehen.“

Ein anderes Thema der Diskussion waren die Wohnungspreise. Neubauten unter einer Miete von 12 Euro pro Quadratmeter seien heute ohne öffentliche Fördermittel nicht möglich, rechnete Junker vor. Während sich der Bund aber komplett aus der Wohnungsbauförderung zurückgezogen habe, sei die Stadt Frankfurt in dieser Hinsicht vorbildlich und habe sogar ein Mittelstandsprogramm. So sei es möglich, dass von den 6200 Wohnungen, die die ABG bis 2019 bauen will, 37 Prozent mit öffentlichen Mitteln gefördert werden. Feldmann will diesen Anteil weiter erhöhen. Und wo kommen die Familien unter? „Zu Frankfurt gehören auch Einfamilienhäuser“, betonte Junker. Forster sieht das anders: „Den Einwohnerzuwachs werden wir mit Einfamilienhäusern nicht aufnehmen können“, sagte er. Familien könnten auch in einer Etagenwohnung leben, für die Kinder stehe dann der Hof zum Spielen zur Verfügung.

Forster zeigte sich allerdings ziemlich ernüchtert, was die Qualität der in Frankfurt gebauten Wohnungen betrifft. „Es geht den Investoren alleine darum, Geld zu verdienen. Dementsprechend sieht unsere Stadt auch aus.“ Was an der Europa-Allee entstehe, sei größtenteils grauenhaft. „Wenn Sie dort ein Bauschild sehen, kriegen Sie Angst.“ Ein Investor aber, der von der Stadt profitiere, müsse ihr auch etwas zurückgeben, forderte der Architekt.

In der lebhaften Diskussion mit dem Publikum wurde unter anderem die Frage gestellt, ob es denn sinnvoll sei, dass ländliche Regionen in Hessen entvölkert werden, während es in Frankfurt immer enger werde. Feldmann glaubt allerdings nicht, dass man daran etwas ändern kann. „Der Prozess, dass sich die Menschen immer stärker nach Frankfurt orientieren, lässt sich nicht stoppen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare