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Riccardo Sahiti: Der Kämpfer

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Für uns schwingt er ausnahmsweise nicht den Taktstock, sondern den roten Faden: Riccardo M Sahiti. Der Roma lebt seit 26 Jahren in Frankfurt. Hier gründete er die Sinti und Roma Philharmoniker, ein außergewöhnliches, länderübergreifendes Orchester mit Musikern, die von Sinti und Roma abstammen.
Für uns schwingt er ausnahmsweise nicht den Taktstock, sondern den roten Faden: Riccardo M Sahiti. Der Roma lebt seit 26 Jahren in Frankfurt. Hier gründete er die Sinti und Roma Philharmoniker, ein außergewöhnliches, länderübergreifendes Orchester mit Musikern, die von Sinti und Roma abstammen. © Salome Roessler

Riccardo Sahiti konnte es kaum glauben. Das Konzert der Sinti und Roma Philharmoniker, das am vergangenen Dienstag in Wiesbaden als Höhepunkt der „Kulturwochen gegen Antiziganismus“ zu hören war,

Riccardo Sahiti konnte es kaum glauben. Das Konzert der Sinti und Roma Philharmoniker, das am vergangenen Dienstag in Wiesbaden als Höhepunkt der „Kulturwochen gegen Antiziganismus“ zu hören war, stand lange auf der Kippe – weil das Geld fehlte. Nun konnte es doch stattfinden. Ministerpräsident Volker Bouffier hatte Sahiti im April, nachdem Medien berichtet hatten, dass das Konzert womöglich ausfallen muss, zu sich eingeladen und ihm versichert, dass die fehlenden 40 000 Euro mit Hilfe von Sponsoren auf jeden Fall zusammenkommen würden. Alles andere wäre ja ein Skandal.

„Ich war schon kurz vorm Verzweifeln“, erinnert sich Sahiti. „Ein guter Freund, ein Mitglied der Philharmonie, hatte mir geraten: ,Riccardo, du musst das Konzert absagen.‘ ,Aber so geht es doch nicht’, sagte ich zu ihm. ,Wir können nicht einfach aufgeben.’“ Sahiti schüttelt energisch den Kopf. „Wenn du keine Hoffnung hast, dann bist du verloren. Aufgeben ist keine Option, denn dann ist alles vorbei.“

Wenn er so denken würde wie der Freund, hätte Riccardo Sahiti längst einpacken können. Immer wieder geht er auf einen Spießrutenlauf ums Geld, oft kommt die Finanzierung eines Auftritts erst kurz vorher zustande. Um pessimistische Menschen macht er deshalb gern einen Bogen. „Was im Leben zählt, ist doch die Leidenschaft und die Liebe zu dem, was man tut. So bleibt man dran, schöpft neue Hoffnung. Ohne das geht es nicht“, sagt er. Man kommt nicht umhin, aus seinen Worten eine Prise Melancholie herauszuhören.

Wir sitzen am Esstisch im Wohnzimmer seiner kleinen Wohnung an der Seckbacher Landstraße. Fein säuberlich geordnet stehen Partituren im Regal. In den Fächern darüber: Bücher, Familienfotos, Krimskrams. Poster von den großen Auftritten der Philharmoniker hängen an der Wand. In den Zimmern haben schon oft bis zu acht Gäste übernachtet – Orchesterkollegen, die zum Auftritt nach Frankfurt gereist sind. Wie eine Familie kommen sie dann zusammen – diskutieren, erzählen. Die Profimusiker sind über ganz Europa verstreut, arbeiten frei oder sind angestellt, etwa beim Rundfunk-Sinfonieorchester Budapest, dem Orchester der Wiener Staatsoper, dem MDR- oder dem hr-Sinfonieorchester.

Unermüdlich im Einsatz

Seit ihrer Gründung im Jahr 2002, zunächst als kleines Kammerorchester, haben die Sinti und Roma Philharmoniker trotz aller Widrigkeiten mehr als 50 Auftritte in ganz Deutschland realisiert. Das ging nur, indem oft die Musiker auf ihre Gage verzichteten, und weil Riccardo Sahiti nie aufgegeben hat. Er schreibt unermüdlich Briefe, stellt Anträge, sucht Unterstützung bei Politikern. Es gibt keine Sekretärin, er macht es selbst, auch hier an diesem Esstisch, mit Hilfe von Freunden. Ein bisschen müde macht Sahiti das Bitten um Geld aber doch. „Auch Künstler brauchen mehr als Brot und Wasser“, sagt er und reibt sich die Augen. „Das ist doch selbstverständlich.“

Für ihn passt das alles nicht ganz zusammen. Denn die Sinti und Roma Philharmoniker sind oft sehr gerngesehene Gäste – an Gedenktagen wie dem zur Befreiung von Auschwitz beispielsweise. Auch beim Konzert in Wiesbaden spielten die Philharmoniker das Requiem für Auschwitz, eine düstere Totenmesse, die an die Deportation der Sinti und Roma im Jahr 1943 erinnern soll. Der Sinto-Musiker Roger Moreno-Rathgeb schrieb das Requiem unter dem Eindruck eines Besuchs der KZ-Gedenkstätte. In der Alten Oper führten die Philharmoniker es schon auf und in der Dresdner Frauenkirche – immer mit großem, andächtigen Applaus.

Sahiti geht es aber nicht nur um politische Gedenktage. Er hat viel mehr vor. Sein Traum ist es, die Sinti und Roma Philharmoniker als ständiges Ensemble mit Sitz in Frankfurt zu etablieren. Dabei gehe es um nichts Geringeres, als das musikalische Erbe der Sinti und Roma im kollektiven Gedächtnis zu erhalten – und darum, zu erforschen, wie über die Jahrhunderte die Musikstile der Roma und Sinti die europäische Musik beeinflusst haben. „Es ist nachgewiesen, dass mindestens 80 Opern von der Roma-Kultur beeinflusst wurden. Franz Liszts ,Ungarische Rhapsodien’, Johannes Brahms’ ,Ungarische Tänze’ und Ravels ,Carmen’ sind nur die bekanntesten“, erklärt Sahiti. Die jüdische Klezmermusik und der andalusische Flamenco seien von Roma-Musik beeinflusst. „Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst möchte eine Forschungsstelle einrichten. Sie sieht auch, dass es sehr wichtig ist, diese Einflüsse weiter zu studieren und der Musik der Sinti und Roma mehr Geltung zu verschaffen.“

Sahitis Mühen sind freilich nicht unbeachtet geblieben. 2016 lud ihn Bundespräsident Joachim Gauck ins Schloss Bellevue ein, um ihm das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz zu überreichen. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann übergab ihm im Dezember 2017 eine Urkunde als „herausragende Persönlichkeit mit Migrationshintergrund“ der Stadt Frankfurt. Sahiti freute sich immens. Doch was nützen ihm Ruhm und Ehre, wenn das Geld fehlt, um seine Arbeit fortzusetzen, fragt er sich.

Kampf gegen Vorurteile

Wenn sein Orchester bekannter wäre und öfter spielen könnte, wäre ein nicht ganz unwichtiger Nebeneffekt, dass die Vorurteile, die den beiden Minderheiten gegenüber auch heute noch herrschen, abgebaut werden können. „Musik dient der Völkerverständigung, der Versöhnung, das ist doch wichtig“, sagt Sahiti. Er versteht nicht, dass so viele Menschen Negatives mit den Sinti und Roma verbinden. Immer wieder ist auch das Orchester damit konfrontiert. Als einige Musiker vor einem Konzert in Prag Instrumente vor Ort ausleihen wollten, hätten manche Verleiher abgelehnt, aus Angst, die Instrumente nicht zurückzubekommen. Viele möchten ihre Identität nicht preisgeben, verschweigen ihre Herkunft. Das tat schon die Schlagersängerin Marianne Rosenberg in den 60er Jahren. Erst, als ihr Erfolg gesichert war, offenbarte sie öffentlich ihre Identität als Sintezza.

„Die Sinti waren schon hier, als es Deutschland noch gar nicht gab. Seit 600 Jahren sind sie in Frankfurt.“ Kürzlich fanden Forscher der Goethe-Universität ein Dokument von damals, das die Sinti in Frankfurt erstmals erwähnt: Im Jahr 1418 spielte demnach eine Sinti-Musikgruppe auf dem Frankfurter Berg. „Das ist ein Jubiläum, das wir feiern wollen“, so Sahiti. „Ich hoffe sehr, die Stadt unterstützt das.“

Auch für Sahiti war es ein langer Weg nach Frankfurt. Im Juni 1961 wurde er in Kosovska Mitrovica in der Nähe von Pristina geboren, als Zwillingskind, die Schwester starb bei der Geburt. Die Vorfahren hatten lange in der Stadt gelebt, die vom Fluss Ibar in einen serbischen und einen albanischsprachigen Teil gespalten wird. Es war eine engmaschige Gemeinschaft mit anderen Roma-Familien. „Andauernd wurden Hochzeiten gefeiert, und es wurde viel Musik gespielt. Die Tito-Zeit war die beste Zeit“, sagt Sahiti. Im kommunistischen Jugoslawien gab der Diktator Josip Broz Tito den Roma viele Rechte, denn viele von ihnen hatten sich im Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg Tito angeschlossen.

„Wir haben sehr gut gelebt. Ich hatte sieben Schwestern, ich war der Jüngste. Papa hat in einer Zigarettenfabrik gearbeitet, er hat gut verdient. Er konnte uns alle ernähren.“ Die Familie hatte ein großes Haus. Bei den Verwandten gab es viele Instrumente, Gitarren, Trompete, Geigen. Er selbst bekam von seinen Eltern ein Klavier geschenkt. Sie erlaubten ihm mit 17 Jahren, nach Belgrad zu gehen, bei den Schwestern zu wohnen und zur Musikhochschule zu gehen.

Sein Professor Stanko Sepic weihte ihn in die Geheimnisse des Dirigentenberufs ein. „Er hat mir beigebracht, wie man mit den richtigen Bewegungen die Orchestermusiker anspornt, mit dem richtigen Tempo und der passenden Lautstärke zu spielen.“ 1988 erhält er ein Stipendium in Moskau, um am Tschaikowski-Konservatorium seine Kenntnisse zu vertiefen.

Heimat in Frankfurt

1992 schloss Sahiti das Studium in Belgrad ab. Da waren die durch den serbischen Machtanspruch ausgelösten Unruhen im Kosovo schon in vollem Gang, weiteten sich zum Krieg aus. Der 30-jährige Riccardo beschloss, zu fliehen. Wieder folgte er zwei Schwestern, die schon mit ihren Familien in Frankfurt lebten. „Stets war jemand aus meiner Familie schon vor mir an einem Ort und hat mir den Boden dort bereitet, wie Pioniere auf dem Mars“, sagt er und lacht. Er sei als Junge ein bisschen sensibler als seine Schwestern gewesen, deshalb hätten sie ihm immer geholfen.

Frankfurt sollte seine Heimat bis heute bleiben. Auch wenn die ersten Jahre undankbar waren. Als Geduldeter musste er immer wieder zurück in den Kosovo reisen, um sein Visum zu erneuern. „Bis heute habe ich nicht verstanden, warum Deutschland mich und andere so lange im Vakuum gelassen hat. Dabei komme ich aus Europa, nicht von einem anderen Planeten.“

Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst wurde zu seiner Anlaufstelle. Der inzwischen verstorbene Dekan, der Dirigent Jirí Stárek, war sein Mentor. „Er war wie mein zweiter Vater. 19 Jahre lang haben wir uns jeden Montag getroffen und über Partituren gesprochen. Er half mir auch sehr bei der Gründung der Sinti und Roma Philharmoniker.“ Stolz fügt er hinzu: „Seine Kinder werden mir jetzt einen großen Schatz vorbeibringen: Ein Dutzend Kisten mit allen von Jirí Stárek bearbeiteten Partituren. Die können wir mit den Philharmonikern durchspielen“, sagt er.

Es gibt noch jemanden, ohne den Sahiti vielleicht schon aufgegeben hätte: seine Frau Elisabeth. Auf einer Zugfahrt durch Polen lernte er sie kennen. Da waren sie Mitte 20. „Sie hat immer an mich geglaubt und mich aufgerichtet.“

Kaum ein Tag vergeht, an dem Sahiti nicht gedanklich mit einem Musikstück beschäftigt ist. Dann steht er zu Hause am Dirigentenpult und schwingt den Taktstock. „Musik hat eine unglaublich große Kraft. Sie hat mir immer wieder geholfen, am Leben zu bleiben und weiterzumachen.“

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