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Frankfurt am Main, 06.06.2018, Stadtteil Riedberg, Entwicklung des Riedbergs - Stadtspaziergang mit Stadtrat Mike Josef (SPD). (c) Foto: Rainer Rüffer.

Bauprojekt

Riedberg: "So würde man heute nicht mehr bauen"

Als man den Riedberg in den 90er Jahren plante, war es eines der größten Bauprojekte der Republik. 266 Hektar, 6000 Wohnungen, knapp 14 000 Einwohner. Nun ist der Stadtteil in der letzten Bauphase. 2020 soll er fertig sein. Viele wohnen hier gern. Trotzdem hat die städtebauliche Mode den Riedberg überkommen, bevor er fertig ist.

Die Stadt trägt ein architektonisches Kleid. Und wie das mit den Kleidern eben so ist: Auch die Liebsten kommen irgendwann aus der Mode. Nach einem Jahr, spätestens nach zwei Jahrzehnten. So lange hat der Riedberg aber schon gebraucht, um sich sein neues Architektur-Gewand überhaupt anzulegen. So ist die Bauweise aus der Mode, bevor der Stadtteil fertig ist.

„So würde man heute nicht mehr bauen“, sagte beim Stadtteilrundgang Mike Josef (SPD), der Frankfurter Dezernent für Planen und Wohnen. Die städtebauliche Mode bevorzuge dieser Tage enge Bebauung. Solche, die mit abwechslungsreichen Fassaden eine großstädtische Atmosphäre schafft. Der Blick die Straße hinunter reicht nur einige Meter, bis zur nächsten Kurve. So, wie man es aus dem Nordend kennt. In den 90er- und frühen 2000er Jahren sah man das anders.

1992 gab das Stadtplanungsamt bekannt, auf dem Kalbacher Ackerland einen neuen Stadtteil errichten zu wollen. Der SPD-Mann Martin Wentz war damals Planungsdezernent. Die Kalbacher reagierten mit Protest. Dennoch traten acht Jahre später die entsprechenden – wenn auch später noch abgeänderten – Bebauungspläne in Kraft. Der Bau begann.

Schnurgerade verlaufen heute die Straßen. Mehrfamilien- und Reihenhäuser gleichen einander in der „weißen Stadt“. Der Blick verliert sich am Horizont, der von vielen Ecken aus gesehen von der Frankfurter Skyline veredelt wird. Großstadt-Atmosphäre scheint weit weg. „Den Riedberg eng zu bebauen“, sagt Josef, „war damals auch im Gespräch.“ Jedoch hätten die Anwohner der umliegenden Stadtteile gemeint, dass ein zweites Nordend nicht zum Lebensgefühl in diesem Teil Frankfurts passe.

Ein Stadtteil für junge Familien, die gut verdienen, sollte es werden. Mit weitflächigen Grünanlagen. Auf dem 266 Hektar großen Areal gibt es rund 90 Hektar Wiesen, Parks und die elf Spielplätze. Zwei Drittel der rund 6000 Wohnungen sind Eigentumswohnungen. Auch das ist nach Josef aus der Mode gekommen. „Die Quote für geförderten Wohnraum hat damals keine so große Rolle gespielt.“ Wieder sagt er: „Heute würde man andere Maßstäbe anlegen.“ Damit sich auch Familien mit niedrigem und mittleren Einkommen eine Wohnung leisten können. Damals war das noch möglich. Laut Wilfried Körner vom Stadtplanungsamt, der das Projekt über viele Jahre begleitete, lagen 2005 die durchschnittlichen Quadratmeterpreise bei etwa 2 500 Euro. Wegen der explodierenden Immobilienpreise, seien es heute rund 5 300 Euro.

Verhältnismäßig günstig wohnt man fast nur am äußersten Rand. In der „Riedbergwelle“ etwa an der A5. Durchschnittlich elf Euro pro Quadratmeter zahlt man in den 160 Mietwohnungen. 40 Prozent sind gefördert. Das langgezogene Gebäude steht als Lärmschutzriegel zwischen dem Stadtteil und der Autobahn. „Klar hört man die Autos“, sagt eine Mutter auf einem Spielplatz direkt hinterm dem Gebäude. Ihr Kind wippt sie auf den Knien. „Aber wenn es gewittert, hat man einen herrlichen Blick über das weite Feld. Auf Kilometer sieht man jeden Blitz im dunklen Himmel.“ Sie wohnt gern hier. Für die Kleinen sei es toll.

Tatsächlich fallen die Kinder auf. Überall sieht man sie laufen, spielen Fahrrad fahren. Ein Stadtteil für junge Familien ist es geworden. Doch so voll sind auch die drei Kindergärten. „Wie viele man plant, richtet sich nach der Anzahl der Wohneinheiten“, sagt Josef. Doch auf dem Riedberg reicht diese Quote nicht. Die Folgen dieses Problems erklärte eine Mutter gegenüber des Ortsbeirats 12 (Kalbach, Riedberg) so: „Wenn ich keinen Kita-Platz finde, muss ich oder der Vater aufhören zu arbeiten. Wenn aber einer aufhört zu arbeiten, können wir uns die Wohnung nicht mehr leisten.“ Weitere Kitas lassen sich aber nicht einfach bauen. „Es mangelt schlicht an freien Flächen“, sagt Susanne Kassold (SPD) vom Ortsbeirat.

Dabei werden noch mehr Menschen auf den Riedberg ziehen. In diesen Tagen beginnt der Bau für weitere fünf Mehrfamilienhäuser im Westflügel an der Leberecht-Migge-Anlage. Auch gegenüber, dort an der Johann-Georg-Elser-Straße, entstehen noch sieben kleinere Häuser, die der Architekt Daniel Libeskind entworfen hat. Bis 2020 soll dieses Areal fertig werden. Auch an den Grünflächen wird weiter gebaut. „Die autofreien Wege sind zwar schon gut ausgebaut“, sagt Sylvia Lahr vom Grünflächenamt. „Sie sollen mit den Parks aber ein geschlossenes Netz bilden.“ Das werde in diesem Jahr realisiert. Jogger etwa müssen dann nicht mehr in Sackgassen oder neben dem Autoverkehr laufen.

Was lernt die Stadt also von dem Mammutprojekt? Zum einen: „Dass Infrastruktur zeitgleich mit dem Wohnungsbau entwickelt werden muss“, sagt Wilfried Körner vom Stadtplanungsamt. Idealerweise seien Straßen und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr fertig, bevor man den Wohnungsbau beginne. Auf dem Riedberg gelang das nicht ganz. Die ersten Bewohner brauchten noch Gummistiefel und Pioniergeist, weil noch nicht alle Straßen asphaltiert waren. Auch die U-Bahn-Linien 8 fuhr erst ab 2010 bis zum Riedberg. Zum anderen müsse die Stadt den Anwohnern helfen, sich zu vernetzen. Etwa in dem sie Vereinen Räume stelle, sagt Körner. „Das haben wir gelernt, als sich erst im Stadtteil eine Protestgruppe bildete und daraus dann eine konstruktive Arbeit zwischen Stadt und Anwohnern wurde.“ Infrastruktur und Bürgerbeteiligung; das zumindest wird nie aus der Mode kommen.

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