Box-Lektion unter dem Carport-Dach: Trainer Servet Köksal stellt sein Privatgrundstück zur Verfügung, damit die jungen Sportler der TG Zeilsheim wie Louis Hector (12) nicht aus der Übung kommen. foto: reuß
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Box-Lektion unter dem Carport-Dach: Trainer Servet Köksal stellt sein Privatgrundstück zur Verfügung, damit die jungen Sportler der TG Zeilsheim wie Louis Hector (12) nicht aus der Übung kommen.

Zeilsheim: Turngemeinde

Ring frei gegen Corona: Sie boxen sich durch die Krise

  • vonAlexandra Flieth
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Mit Improvisation und persönlichen Engagement hält die TG ihre Sportler bei der Stange

Ein großer, schwerer Sandsack aus Leder baumelt von der Decke einer aus Holz gefertigten Carportüberdachung, gleich daneben hängt eine sogenannte Maisbirne. Beides wird zum Boxtraining gebraucht, das Servet Köksal und seine Frau, Boxtrainerin Sabine Knopp, auf ihrem Grundstück in der Jenaer Straße für ihre Schüler, allesamt Mitglieder der Turngemeinde (TG) Zeilsheim 1885, im Freien anbieten. Trainiert wird nicht in der Gruppe, sondern im Verhältnis 1:1, das heißt: der Trainer und ein Schüler jeweils eine Stunde wöchentlich.

Auf Abstand kommt es an

Im Mittelpunkt steht auch nicht die Begegnung in einem Boxring, sondern das Training von Ausdauer und Technik, das die Grundlage des Boxsports bildet und in Zeiten der Corona-Pandemie die Möglichkeit bietet, ausreichend Abstand zueinander zu halten.

Das Training im Freien wird durchgezogen - ganz gleich, wie das Wetter sich zeigt. Bisher habe sich aber noch kein Kind über die Wetterbedingungen beschwert, erzählt der Boxtrainer. Das bestätigt auch Boxschüler Louis Hector (12) - dann ziehe man sich einfach wärmer an, sagt der Junge. An diesem Trainingsnachmittag scheint aber die Sonne, es ist perfektes Wetter, um Sport zu machen. Seit etwas mehr als einem Jahr trainiert der Schüler das Boxen. "Ich möchte auch einmal an Wettkämpfen teilnehmen", formuliert er ein Ziel. "Wenn es soweit ist, wird er es selbst wissen", sagt sein Trainer.

Für Köksal ist wichtig, dass seine Schüler nicht nur beim wöchentlichen Training aktiv sind, sondern auch daheim. "Ich erwarte, dass die Kinder auch zuhause trainieren, am besten fünfmal pro Woche." Das Boxen bei der TG-Zeilsheim habe eine lange Tradition, so Köksal weiter, der selbst als Kind vor mehr als 40 Jahren mit dem Boxsport begonnen hat - damals noch bei Eintracht Frankfurt. Früher war er außerdem Mitglied der türkischen Nationalmannschaft und boxte lange in der Bundesliga.

Die Mama von Louis Hector, Eva Iorga, freut sich, dass ihr Sohn im Freien trainieren darf und es dieses Angebot überhaupt gibt. "Als Mama bin ich wirklich sehr dankbar für dieses Angebot", sagt sie. Es ermögliche ihrem Sohn nicht nur sich zu bewegen und sportlich zu sein, sondern sorge auch für Abwechslung im Alltag, besonders in diesen Zeiten.

Nach einem kurzen Aufwärmtraining mit Sprungseil, wird die Hand-Fuß-Koordination geübt. Dafür breitet der Trainer eine sogenannte Koordinationsleiter aus flexiblem Material auf dem Boden aus. Louis Hector positioniert sich an einem Ende des Trainingsgerätes, setzt seine Füße rechts und links fest auf die eigentlichen Leiterholme auf, die für ihn von oben betrachtet wie eine schwarze Linie aussehen.

Eine Frage der Koordination

Seine Füße dürfen diese Linie nicht verlassen während er sich langsam nach vorne bewegt und gleichzeitig mit seinen Armen eine Schlagbewegung ausübt. Diese ist abgestimmt auf seine Fußbewegung und muss permanent wiederholt werden, bis er am Ende angekommen ist. Der Trainer stoppt währenddessen die Zeit und schaut von der Seite aus auf die korrekte Ausführung der Übung.

Die TG Zeilsheim hat durch die Herausforderungen der Pandemie bereits einige ihrer Mitglieder verloren. "Vor Corona hatten wir 960 Mitglieder, aktuell sind es noch 740", sagt der Vereinsvorsitzende Reinhard Herden. Er bedauert, dass es Menschen gebe, die den Verein nur als günstige Alternative zum Fitness-Studio betrachteten. Trotz der Herausforderungen, die sich Sportvereine derzeit stellen müssen, hat auch die TG Zeilsheim mehrere alternative Online-Sportangebote organisiert, mit denen das traditionelle Training in einer Sporthalle ersetzt werden kann. Dazu zählen Step-Aerobic, Fitness für Frauen und Senioren oder Zumba, die Live aus dem Wohnzimmer der jeweiligen Trainer in die Vier-Wände der Vereinsmitglieder übertragen werden. Demnächst starte auch wieder das Leichtathletik-Training im Freien, erzählt Herden.

Das Training in der Halle sei derzeit nur im Verhältnis 1:1 möglich, also nur ein Trainer und ein Schüler, beschreibt der Vereinsvorsitzende die aktuelle Situation. Trotzdem fielen die Kosten für die Miete der Räume, wenn sie genutzt würden, genauso an wie bei einem normalen Training in Vor-Corona-Zeiten. Für Sportarten wie das Rhönradturnen sei es dennoch notwendig, auch wieder Training mit dem Sportgerät selbst anbieten zu können.

Aktuell gebe es zudem die Überlegung, den Mitgliedsbeitrag für das erste und zweite Quartal auszusetzen. "Das setzt aber die Durchführung einer Mitgliederversammlung voraus, die einer solchen Entscheidung zustimmen müsste", erklärt Herden. Für den Verein würde dieser Schritt einen Verlust an Mitgliedsbeiträgen von bis zu 60 000 Euro für das aktuelle Jahr bedeuten.

Weitere Informationen zum Verein und seinen Angeboten gibt es unter www.tg-zeilsheim.de im Internet. alexandra flieth

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