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Wasserhäuschen-Experte Hubert Gloss steht vor einem der Häuschen im Stadtteil Sachsenhausen. Er gilt als Verfechter der Wasserhäuschen-Kultur.

Wasserhäuschen

Ringen um „Büdchen“: Stadt verhandelt noch immer um Pachtverträge

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Wie geht es weiter mit Frankfurts Wasserhäuschen? Nachdem diese Zeitung über drohende drastische Mieterhöhungen informiert hatte, haben die Stadt und die Radeberger-Gruppe (Henninger, Binding) das Thema verhandelt. Inzwischen heißt es, dass die Stadt ihre Kioske künftig selbst vermieten will.

Noch rund 300 Kioske gebe es in Frankfurt, ist immer zu lesen. Doch genau gezählt hat sie niemand. Selbst der Verein „Linie 11“, der als wichtigste Stimme der Kiosk-Betreiber gilt, hat keine genauen Zahlen. Auf seiner Homepage ist eine Liste zu finden, die 440 Adressen aufzählt – darunter aber auch viele aus umliegenden Städten. Zudem ist sie nicht auf dem neuesten Stand, viele der „Büdchen“ haben inzwischen geschlossen. „Die Zahl der echten Wasserhäuschen – halbrund und aus Holz – und der Trinkhallen schätze ich auf 40 bis 60“, sagte Oliver Tepper, Vorsitzender des Vereins „Linie 11“. „Mitsamt den Kiosken im Erdgeschoss von Gebäuden könnten es sicher 300 sein.“ Tepper widerspricht dem Wasserhäuschen-Fotografen Hubert Gloss, der mutmaßt, dass die Stadt die Wasserhäuschen als Schandflecken ansehe und entfernen wolle. „Das war früher einmal so, in den 1970er und 1980er Jahren“, widerspricht Tepper, „inzwischen sind sich alle der Büdchen-Tradition bewusster.“

Etwa 80 Wasserhäuschen in Frankfurt und Umgebung gehören zur Brauerei Binding (Radeberger Gruppe). Der Boden, auf dem sie stehen, ist in immerhin 31 Fällen städtisch. Die Stadt hatte zuletzt versucht, die Pacht für elf dieser Grundstücke zu erhöhen. Derzeit befinden sich die Stadt und Radeberger noch in Verhandlungen. Keine der beiden Seiten will zurzeit nähere Auskünfte geben. Dem Vernehmen versucht die Stadt, die Großbrauerei herauszudrängen – um anschließend selbst direkt mit den Kiosk-Betreibern zu verhandeln.

Auf insgesamt 58 städtischen Grundstücken stehen Kioske. 31 davon sind an Radeberger verpachtet, 27 davon direkt an die Betreiber. So etwa an das Ehepaar Bailly, Inhaber des „Investment“ in der Kaiserstraße. „Das ist unser Geschäft seit über 30 Jahren“, sagt Madame Bailly, die wie ihr Mann aus Frankreich kommt. „Wir sind für alles selbst verantwortlich, auch für die Kühlaggregate. Wir organisieren alles selbst.“ Dafür ist dem Ehepaar freigestellt, welche Biersorten es verkauft.

Hat es Vorteile, einen Vertrag mit der Brauerei zu haben statt mit der Stadt? Spirido Petru schwankt. „Es hat alles Vor- und Nachteile“, sagt er als Pächter der Brauerei. Er betreibt den Kiosk „Auf der Insel“ in Rödelheim. „Ich habe eine Tiefkühltruhe, die Langnese mir gestellt hat, und große Kühlschränke von Radeberger. Die halte ich sauber, warte sie, nutze sie. Sie sind von Anfang an drin, seit mehr als 19 Jahren, alle Geräte hier funktionieren tadellos.“

Den Service von Radeberger hat Petru noch nicht in Anspruch nehmen müssen, doch empfindet er diesen als einen Vorteil gegenüber freien Kiosk-Betreibern. „Der Nachteil ist, dass ich bei den Biermarken auf Produkte von Radeberger eingeschränkt bin.“ Es gebe auch eine Verpflichtung, eine Mindestmenge Bier abzunehmen, welche die Brauerei regelmäßig liefere. „Das zu erreichen, ist aber kein Problem. Und wenn, kann man mit Radeberger nachverhandeln.“ Die Miete sei auch relativ niedrig, 559,30 Euro zahlt er im Monat an Radeberger. Petru genießt jedoch Sonderkonditionen: Er betreibt eines von elf Wasserhäuschen aus einem alten Sammelvertrag, bei dem die Stadt es fast vier Jahrzehnte versäumt hatte, die Pacht gegenüber Radeberger zu erhöhen.

Auch Elif Kalkan hat ihren Kiosk von Radeberger gepachtet. Die Miete ist ebenfalls günstig: 560 Euro monatlich. Doch die Brauerei liefert jede Woche 16 Kästen Bier. „Das steht so in meinem Vertrag“, sagt sie. „Am Jahresende muss die Abnahme stimmen.“ 16 Kästen seien im Sommer kein Problem, im Winter hingegen schon. Das ist auch der Fall, wenn sie zwei Wochen Urlaub macht und der Kiosk in der Sachsenhäuser Holbeinstraße geschlossen ist. Sie sagt diplomatisch: „Ich habe zwar viele Biersorten – aber eben nur von Radeberger.“

Weitere Vermieter neben der Stadt und der Brauerei sind Wohnungsgesellschaften (wenn der Kiosk zum Haus gehört) oder aber Unternehmen wie die Willi Weber GmbH aus Dieburg. Diese vertreibt Tabakwaren. Geschäftsführer Peter Zehfuß sagt: „Wir sind auch nur Mieter. Wir haben drei Kioske bei Privatleuten gemietet und vermieten sie ohne Aufschlag weiter.“ Für die Weber GmbH, so Zehfuß, stelle dies einen guten Vertriebsweg für das Kerngeschäft Zigaretten dar.

Eine seiner Mieterinnen ist Nicki Vlangopolo, Inhaberin des Kiosks in der Rödelheimer Straße. Sie zahlt monatlich 800 Euro Miete. „Tabakwaren beziehe ich von Weber – alles andere kann ich einkaufen, wo ich will“, sagt Vlangopolo. Entsprechend bietet sie auch Biersorten von verschiedenen Brauereien an. Trotzdem laufe das Geschäft nicht mehr so gut wie früher, erzählt sie: „Viele Leute kaufen ihr Bier in Plastikflaschen beim Discounter, und viele dieser Geschäfte haben abends bis 22 Uhr geöffnet.“

Ähnlich urteilt auch Ljiljana Volz, die den Kiosk gegenüber dem Elisabethen-Krankenhaus in der Ginnheimer Straße betreibt. „Das ist eine private Vermieterin“, sagt Volz. „Was ich einkaufe, ist allein meine Sache.“ Entsprechend hat sie 20 Biersorten im Angebot. Allerdings ist die Miete vergleichsweise hoch, obwohl ihre Vermieterin ihr zwei Mal entgegengekommen ist. „Ich zahle jetzt 1090 Euro. Vorher hatte ich mehr als 1500 bezahlt, all die Jahre.“

Die Radeberger-Wasserhäuschen sind günstiger zu mieten – jedenfalls, wenn die Stadt der Brauerei die Pacht nicht erhöht.

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