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Achtung, abbiegende Autos: Ein Radfahrer ist auf der Zeppelinallee, Ecke Rudolfstraße, unterwegs.

Erfahrungsbericht

Riskant, aber gesund: Radeln in der City

Der Acht-Punkte-Plan der Initiative „Radentscheid“ sieht vor, Frankfurt in acht Jahren zur Fahrradmetropole zu machen, nach dem Vorbild von Kopenhagen und Amsterdam. Derzeit werden Unterschriften gesammelt. Aus diesem Anlass beschreibt unser Mitarbeiter Peter von Freyberg Erlebnisse als Vielradler.

Rasender Puls, pochende Schläfenadern, Schnappatmung für Sekundenbruchteile: Das Auto vor mir stoppt abrupt. „Lebensmüde, oder was?“, brüllt mich der Fahrer, ein korpulenter Mittdreißiger an. Weiß er nicht, dass ich Vorfahrt habe? Wo die Miquelallee in die Zeppelinallee übergeht, weist zwar ein Schild abbiegende Autofahrer auf den Radweg hin. Aber Sträucher und Büsche sorgen dafür, dass auch die letzten Schemen herannahender Pedaleure verschwinden, die man als Autofahrer dennoch mittels Schulterblick entdecken könnte. Viele Unfälle mit Radfahrern passieren, wenn Autos rechts abbiegen und die Pedaleure geradeaus wollen. Besonders gefährlich ist der tote Winkel bei Lastwagen – erst vergangenen Montag war eine Radlerin in der Gutleutstraße schwer verletzt worden.

Vielleicht wäre nichts passiert, wenn der Laster über ein automatisches Notbrems-System verfügt hätte. Damit solche Geräte in allen Nutzfahrzeugen ab 7,5 Tonnen zur Pflicht werden, ist Hessen kürzlich einer entsprechenden Bundesrats-Initiative beigetreten. Aber reicht das aus, um mehr Menschen aufs Fahrrad zu hieven? Kürzlich zeigte eine wissenschaftliche Studie über tägliche Erlebnisse im Straßenverkehr, dass dieser auf ungeübte Radler derart abschreckend wirkte, dass sie das Radfahren alsbald wieder aufgaben. Die Studie zeigte aber auch: abgebrühte Vielradler stumpfen durch die stete Gefahr zwar nicht ab, aber die Häufigkeit brenzliger Situationen ist den meisten kaum mehr bewusst. Fast jedes Jahr sterben ein bis zwei Radfahrer in Frankfurt, hinzu kommen 80 bis 100 Schwerverletzte.

„Lebensmüde, oder was?“: Diese Frage könnte ich mir als regelmäßiger Radfahrer in Frankfurt tatsächlich manchmal stellen. Ab und zu erscheint diese Art der Fortbewegung wie ein knallharter Überlebenskampf. Dennoch überwiegt die Freude am Fahren. Obendrein gibt es wissenschaftliche Studien, die belegen, dass jeder elfte Todesfall eines Menschen aus Bewegungsmangel resultiert – und zweieinhalb Stunden flotte Bewegung wöchentlich davor schützen können. Wie die meisten Fahrradpendler erreiche ich diesen Wert oft schon am zweiten Arbeitstag, also nutze ich die Zeit, um von A nach B zu kommen, immerhin sinnvoll: Erkältungen kenne ich beinahe nicht mehr, und meine Laktatwerte sind bestimmt traumhaft gut für einen 41-Jährigen. Sarkastisch ausgedrückt: Für die Gesundheit riskiere ich täglich mein Leben auf Frankfurts Straßen.

Zumindest fühlt es sich fast so an, wenn sich manche Autofahrer beim Überholen so dicht an mir vorbei quetschen, dass ich ihnen mit einem Ellenbogencheck den Rückspiegel abbrechen könnte. Es ist schier kaum zählbar, wie oft ich so etwas auf der Bockenheimer Landstraße schon erlebt habe, dabei ist sie erst seit einem Jahr für Radler freigeben. Die Markierungen sind teils schon verblasst.

Mein Fahrlehrer hatte mir dereinst eingebläut, Fahrfehler der anderen Verkehrsteilnehmer nicht persönlich zu nehmen: „Die anderen Autofahrer machen keine Fehler, um dich zu ärgern, sondern bloß, weil sie eben doof sind.“ Wie weise: Dies lässt sich auf viele andere Bereiche des Lebens übertragen, um eine entspannte Weltsicht zu erlangen. Das Problem ist bloß: Seinerzeit saß ich selbst hinterm Lenkrad, umgeben von schützendem Blech. Aber mit 30 Sachen auf einem Fahrrad reflektiert es sich schlecht, weil jeder Fehler meines motorisierten Nachbarn der letzte in meinem Leben sein könnte.

Wie wenig von dieser Bedrohung auf vier Rädern zu spüren ist, manifestierte jüngst ein Beitrag einer Zeitschrift: „Warum also hämmern einem Fahrradfahrer bei voller Fahrt aufs Autodach, während man sie überholt?“ Der Berliner Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) antwortete auf Facebook: „Wenn Radfahrer Ihnen beim Überholvorgang aufs Autodach klopfen können, halten Sie den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von anderthalb Metern nicht ein, gefährden deren Leib und Leben und verstoßen gegen geltendes Recht.“ Dieser Beitrag wurde fast 4000 Mal geteilt, und ich kann dem nichts hinzufügen – die Polizei aber leider auch nicht, denn „geltendes Recht“ klingt vielleicht gut, nur leider ist die Rechtslage schwammig (siehe Infotext).

In der Innenstadt fährt der Stress oft mit, obwohl mich nach spätestens 20 Minuten Sport doch Glückshormone durchfluten sollten. Stattdessen herrscht stete Anspannung, um einen eventuell rettenden Stunt vorauszusehen.

Entspannung bot dagegen mein ehemaliger Arbeitsweg, großteils auf dem Rad- und Gehweg am Niddaufer verlaufend. Da ich selten bremsen und beschleunigen musste, sondern zügig fahren konnte, bewältigte ich die 20 Kilometer in weniger als 45 Minuten, ohne mich zu verausgaben. In meiner Altersklasse reicht das bereits als Teil des Goldenen Sportabzeichens, das manche Krankenkassen ihren Kunden quasi in barer Münze zurückzahlen.

Noch schneller wäre ich mit einem Rennrad unterwegs, wähle jedoch als Kompromiss auch in der Innenstadt ein Crossbike mit etwas dickeren Reifen, um Erschütterungen durch Unebenheiten besser abzufedern. Unabdingbar, wo sogar Fahrradstraßen gepflastert sind wie die Goethestraße und mehr als 30 Sachen sowieso nicht erlaubt sind. Aber selbst dieses Tempo überfordert manche Autofahrer, wie ihre vielen verblüfften Reaktionen zeigen. Das liegt auch am technischen Fortschritt der Fahrräder der letzten Jahre, der auch ungeübten Fahrern den Einstieg erleichtern würde. Doch viele werden abgeschreckt, etwa von den Geländewagen (SUV), die auf unseren engen Straßen überdimensioniert wirken wie Suppenlöffel in einer Mokkatasse.

Mehr Information

Auskunft und Kontakt per E-Mail an: radentscheidfrankfurt@web.de

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