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"Unser langfristiges Ziel ist der S-Bahn-Ring um Frankfurt", sagt RMV-Chef Knut Ringat.

Verkehrs-Debatte

RMV-Chef im Interview: "Fahrverbote sind ein Weckruf"

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Frankfurt wächst und immer mehr Pendler fahren zum Arbeiten in die Stadt. Was dringend getan werden muss, um den drohenden Verkehrskollaps zu verhindern, erklärt RMV-Chef Knut Ringat im Gespräch mit Redakteur Daniel Gräber.

Herr Professor Ringat, weil Diesel-Fahrverbote drohen, reden plötzlich alle davon, dass der Bus- und Bahnverkehr ausgebaut werden muss. Was halten Sie davon?

KNUT RINGAT: Das jetzige Augenmerk der Politik, vor allem der Bundespolitik, auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ist positiv. Das hätten wir uns aber schon vor Jahren gewünscht. Der Bund hat sich mit der Regionalisierung in den 1990er Jahren aus seiner Verantwortung für den ÖPNV in Deutschland gestohlen. Wir haben ein seit Jahrzehnten vernachlässigtes Eisenbahnnetz in ganz Deutschland, auch in Hessen. Es muss instand gesetzt, modernisiert und insbesondere auch ausgebaut werden.

Weil die Verkehrspolitiker zu sehr aufs Auto gesetzt haben damals?

RINGAT: Unter anderem. Auch weil die Bahn nicht investiert, sondern lieber Gewinne an den Bund abgeführt hat. Um Kosten zu reduzieren, sind Wartungsarbeiten im Netz vernachlässigt worden. Deshalb ist es so schlecht. Wenn an der ständigen Wartung und Pflege von Gleisanlagen, Signalen und Stellwerken gespart wird, kommt es eben irgendwann zu Problemen.

Jetzt ist der Bund aufgewacht und will mehr Geld in die Schienen-Infrastruktur stecken.

RINGAT: Die Fahrverbotsurteile waren ein Weckruf für die Politik. Wir sind jetzt in dem Fokus, den wir brauchen, um die Verkehrswende zu schaffen. Aber ich sage ganz deutlich: Auch ohne Diesel-Fahrverbot brauchen wir die Verkehrswende. Alles, was wir beim RMV tun, um das Angebot auszubauen und zu verbessern, haben wir getan und tun wir auch ohne Diesel-Fahrverbot. Weil die Verkehrswende aus unserer Sicht unbedingt erforderlich ist, um die steigende Anzahl an Fahrgästen bewältigen zu können.

Verkehrswende ist ein beliebtes Schlagwort. Was bedeutet es für Sie?

RINGAT: Verkehrswende heißt für uns, dass wir den Anteil des ÖPNV am Gesamtverkehrsaufkommen beträchtlich erhöhen. In Metropolen wie Frankfurt werden derzeit bei rund 20 Prozent aller Fahrten Busse und Bahnen genutzt. Der Rest sind Auto-, Rad- und Fußgängerverkehre. Wir wollen den ÖPNV-Anteil bis 2030 auf 30 Prozent erhöhen. Aber das ist ein langfristiges strategisches Ziel..

Heißt das Ziel auch: Autos raus aus den Innenstädten?

RINGAT: Es passen nicht noch mehr Autos in die Innenstädte, aber immer mehr Menschen wollen hinein. Die Ballungsräume wachsen. Es gibt dort attraktive Arbeitsplätze, aber die Menschen finden in Städten wie Frankfurt keine Wohnung oder können sie sich nicht leisten. Deshalb ziehen sie ein Stück nach draußen und müssen pendeln. Dadurch wird es deutlich mehr Verkehr geben, den müssen wir aufnehmen.

Wie kann Ihnen das gelingen? Der Schienenausbau dauert sehr lange.

RINGAT: Die Station Gateway Gardens wird 2019 fertig, das dritte und vierte Gleis für die S6 Frankfurt -Bad Vilbel-Friedberg sind im Bau. Die Regionaltangente West und die Nordmainische S-Bahn sind in Planung. Aber natürlich werden diese Maßnahmen erst in fünf oder zehn Jahren wirksam. Und sie werden den bis dahin weiter gewachsenen Bedarf nicht decken. Deshalb müssen wir weitere Ausbauprojekte entschieden vorantreiben. Unser langfristiges Ziel ist der S-Bahn-Ring um Frankfurt. Und gleichzeitig müssen wir schnellere Übergangslösungen umsetzen, um die ÖPNV-Kapazität zu erhöhen. Das tun wir.

Zum Beispiel?

RINGAT: Zum kommenden Fahrplanwechsel am 9. Dezember weiten wir die Zeiten am Nachmittag deutlich aus, in denen die S-Bahn im 15-Minuten-Takt fährt. Mittelfristig wollen wir einen durchgehenden 15-Minuten-Takt. Aber das geht nicht so schnell, denn dafür braucht man zusätzliche Züge und zusätzliches Fahrpersonal. Dann haben wir in den vergangenen zwei Jahren ein umfangreiches, inzwischen aus 19 Linien bestehendes Expressbus-Netz aufgebaut, das wir noch deutlich erweitern wollen. Wenn wir auf der Eisenbahn die Infrastruktur noch nicht haben, um den Bedarf zu decken, müssen wir eben parallel mit Bussen fahren.

Der Bundesverkehrsminister hat eine alte Idee aus dem Hut gezaubert: Ein Fernbahntunnel soll den Frankfurter Hauptbahnhof entlasten. Waren Sie davon genauso überrascht wie die Fachleute der Deutschen Bahn?

RINGAT: Nein, ganz im Gegenteil. Die Idee haben wir bereits seit langem im Blick. Was bisher gefehlt hat, war die Positionierung des Bundes für ein solches Vorhaben..

Dann können Sie uns ja erklären: Was wäre der Nutzen eines solchen Mega-Projekts?

RINGAT: Wir haben im Rhein-Main-Gebiet bei der S-Bahn lediglich 30 Prozent separate Strecken. Den Rest der Strecken teilen wir uns wie auch bei den Regionalzügen mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn und dem Güterverkehr. Das führt zu Engpässen und Verspätungen. Denn ein ICE oder IC hat immer Vorrang, der Regionalverkehr muss warten. Nun will die Bahn ihren Fernverkehr in den kommenden Jahren noch weiter ausbauen. Ohne zusätzliche Gleise hätten wir am Eisenbahnknoten Frankfurt keine Chance mehr, den Nahverkehr weiter zu entwickeln.

Sie wollen ICE-Züge unter die Erde schicken, um oben mehr Platz für S-Bahnen und Regionalzüge zu haben?

RINGAT: Das ist die Idee. Wir wollen kein Frankfurt 21, also keinen Tiefbahnhof wie in Stuttgart. Oben soll alles so bleiben, wie es ist. Unser Vorbild ist nicht Stuttgart 21 sondern der Hauptbahnhof in Zürich. Dort hat man einen viereinhalb Kilometer langen Tunnel mit Durchgangsbahnhof unter den bestehenden Kopfbahnhof gelegt.

Haben Sie Angst vor Wutbürgern wie in Stuttgart?

RINGAT: Ich habe persönlich gute Erfahrungen damit gemacht, die Bürger frühzeitig mitzunehmen. Wenn man die Menschen bei Baumaßnahmen rechtzeitig einbindet, hat man häufig sogar Unterstützung und keine Wutbürger. Das erleben wir zum Beispiel bei der Regionaltangente West.

Wobei es da durchaus noch Leute gibt, die sich mit Händen und Füßen gegen den S-Bahn-Bau wehren.

RINGAT: Natürlich. Das ist immer so, wenn es ans eigene Fleisch geht. Dafür hat auch jeder Planer Verständnis. Wir sind halt nicht in China. In China werden mal eben ganze Städte weggeräumt, damit man dort eine Trasse bauen kann. Da wird niemand gefragt. Es ist gut, dass wir in Deutschland ein paar Spielregeln haben, denn wir haben mit Menschen umzugehen.

Der von Ihnen geforderte Bahnausbau würde aber deutlich schneller gehen, wenn diese Spielregeln nicht so kompliziert wären.

RINGAT: Das stimmt. Im Schnitt brauchen Sie heute in Deutschland für eine S-Bahn-Linie von den ersten Gedanken bis zu Umsetzung 40 Jahre. Ich verabschiede manchmal Verkehrsplaner in den Ruhestand, die haben ihr ganzes Leben nichts anderes getan, als eine bestimmte Linie zu planen, auf der sie nie fahren werden. Das müssen wir ändern. Mit dem neuen Planungsbeschleunigungsgesetz sind wir damit schon auf einem guten Weg.

Also doch mehr China wagen?

RINGAT: Nein, darum geht es nicht. Die Hindernisse schnellerer Planung liegen nicht in der Bürgerbeteiligung. Das Hauptproblem ist die Bürokratie. Wenn man heute in eine Planung geht, muss man mit sehr vielen unterschiedlichen Behörden zusammenarbeiten: vom Eisenbahnbundesamt bis zur Unteren Wasserschutzbehörde. Dadurch dauert es so lange. Da müssen wir ansetzen, um mehr Tempo hineinzubekommen.

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