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Dass Pepper als Dozent auftritt, ist eine Ausnahme. Er ist einer von acht Robotern, an denen die UAS forscht. Immer geht es um die Frage, ob diese Maschinen sinnvoll in der Pflege eingesetzt werden könnten.

University of Applied Sciences

Roboter hält zum ersten Mal Vorlesung in Frankfurt

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In immer mehr Jobs übernehmen Maschinen die Arbeit von Menschen. Gestern hielt zum ersten Mal in Frankfurt ein Roboter eine Vorlesung vor Studenten.

Sein Augenaufschlag ist unwiderstehlich, wen er anblickt, bringt er zum Lächeln. Aber das ist auch das Aufregendste an einer Vorlesung mit „Prof. Pepper“. Einen mitreißenden Vortrag kann er einfach nicht halten, was er zu sagen hat, steht Wort für Wort auch auf der Tafel hinter ihm, auf Fragen weiß er keine Antwort. Wären seine lustigen Versprecher nicht – „gebrauchschtaugliche Systeme“, „Schtakeholder“ –, die blecherne, monotone Stimme würde einen zum Tagträumen geradezu zwingen.

Trotzdem war Peppers Auftritt gestern in der University für Applied Sciences (UAS, früher Fachhochschule Frankfurt) eine kleine Sensation: Es war das erste Mal, dass eine Professorin in Frankfurt ihren Platz räumte, um einen Roboter die Vorlesung halten zu lassen. Ein Thema, in das sie sich aus Begeisterung immer viel zu zeitraubend verstricke, werde sie ihm überlassen, kündigte Prof. Barbara Klein zum Vorlesungsbeginn an: Pepper werde die Industrie-Norm DIN EN ISO 94 21-20 10 erläutern.

Der Roboter-Professor, der etwa so groß wie ein Erstklässler ist, weiß darüber all das, was ihm Kerem Türkogullari, Mitarbeiter von Prof. Klein, zuvor in seinen Speicher eingegeben hat. Zehn Minuten rattert Pepper mit seiner Automatenstimme runter, was die Fachbücher zu diesem internationalen Standard hergeben. Er gestikuliert dabei ein bisschen herum, die schwarzen Kulleraugen blicken zur Decke. Dass das Thema auch mit ihm zu tun hat, lässt er völlig außen vor: Die DIN 94 21 gibt Richtlinien für die Gestaltung von automatisierten Systemen vor, auf dass sie dem Menschen auch tatsächlich nutzen.

„Es geht darum, die Studenten für diese Anforderungen zu sensibilisieren“, erklärt Prof. Klein später. „Oft genug gehen technische Anwendungen zu wenig auf die Anforderungen der Nutzer ein. Besonders im Pflegebereich, den wir hier erforschen.“ Denn da liegt Peppers eigentliche Aufgabe: Seit die Hochschule den aus Japan stammenden Forschungsroboter im Frühjahr für rund 18 000 Euro angeschafft hat, experimentiert ein gutes Dutzend Studenten mit ihm herum und testet, was er wirklich leisten kann. Als Professor ist er dabei gestern durchgefallen, auch wenn Türkogullari aufatmet, dass sein weißer Gefährte ohne Fehlermeldung durch den Text gekommen ist. Aber: „Vorlesen kann ich auch“, fasst einer der Studierenden zusammen. Er und seine Kommilitonen haben mit Pepper ohnehin anderes vor: Sie wollen ihn für sinnvolle Aufgaben in der Pflege fit machen.

Mehrere Ideen gibt es: Der Roboter, der sich selbstständig auf drei Rollen bewegen, einfache Konversation betreiben und Gesichter erkennen kann, könnte dem Personal in Pflegeheimen und Krankenhäusern die Verteilung von Medikamenten abnehmen. Oder er könnte den alten Menschen den Tag im Heim verkürzen, indem er sie mal zu ein paar Turnübungen animiert, ihnen Lieder vorsingt oder Gedächtnisübungen vorschlägt.

Eine dritte Anwendungsvariante ist eine Mischung aus Wachhund und Begleiter: Pepper könnte Senioren, die sich im Heim oder der Umgebung verirrt haben, erkennen, ansprechen und zurück begleiten. „Menschen reagieren auf Roboter anders als auf andere Maschinen. Und gerade diesen Roboter finden viele niedlich“, erklärt Prof. Klein.

Ob das für einen Job in der Pflege reicht, müssen die Studenten noch ausloten. „Pepper ist auf jeden Fall ein System, das einen Menschen an seiner Seite braucht. Und er hat Mängel: Er ist nur schwer zu transportieren, funktioniert am besten, wenn er am Stromkabel hängt. Das ist natürlich nichts, um sich im Pflegeheim frei zu bewegen“, so die Professorin. Und schon ist sie wieder bei der DIN-Norm – hätte sie diesen Teil der Vorlesung gehalten, sie hätte viele praktische Beispiele parat gehabt, wo Computernutzungen ohne viel Gebrauchstauglichkeit entwickelt werden.

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