+

Zukunft der Medizin

Roboter werden zu Helfern der Ärzte

Als 1910 das Buch „Die Welt in 100 Jahren“ erschien, wurde es schnell zum Bestseller. Der Weltfrieden und das Telefon in der Westentasche werden in dieser Anthologie vorausgesagt – und auf dem

Als 1910 das Buch „Die Welt in 100 Jahren“ erschien, wurde es schnell zum Bestseller. Der Weltfrieden und das Telefon in der Westentasche werden in dieser Anthologie vorausgesagt – und auf dem Feld der Medizin geht der Autor davon aus, dass der Mensch im Jahr 2010 vor Gesundheit nur so strotzen werde, Krankheiten dank einer strengen genetischen Auslese (Kinder dürften nur nachweislich gesunde Paare haben) so gut wie ausgerottet sind.

Er sollte irren. „Aber nach absoluter Gesundheit streben wir zum Teil auch heute. Und wir sind kurz davor, dafür auch die passenden Instrumente zu haben“, sagt Prof. Ferdinand Gerlach und verweist auf die Selektion durch pränatale Diagnostik und bereits praktizierte Eingriffe in den genetischen Code des Menschen. „Diese durchaus problematische Vision könnte auf eine andere Weise Realität werden.“ Der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Klinikum der Goethe-Universität weiß gut abzuschätzen, wohin sich der Gesundheitssektor entwickelt, denn als Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen beschäftigt er sich im Auftrag der Bundesregierung mit genau diesen Fragen.

Die Entwicklung werde von Megatrends bestimmt. Zum einen werden die Menschen immer älter. „Die Lebenserwartung steigt mit jedem Geburtsjahrgang um ungefähr drei Monate, das ist sehr viel“, sagt Gerlach. Weiter gehe es mit der Digitalisierung. „Sie wird natürlich auch Ärzte, Kliniken und Patienten beschäftigen. Andere Länder sind da wesentlich weiter, wir bewegen uns oft noch auf dem Niveau eines Entwicklungslandes.“

Klügere Ärzte

In ihrem medizinischen Kerngeschäft kämen die Ärzte den Krankheiten hingegen immer genauer auf die Spur. „Präzisionsmedizin ist hier das Stichwort. Hinter der Diagnose Brustkrebs etwa stecken tatsächlich viele verschiedene Erkrankungen. Je genauer wir diese differenzieren können, desto individueller können Ärzte diese behandeln“, erklärt der Experte. Auch das Wissen über die Genetik des Menschen ist enorm gewachsen, was allein aber nicht genügt. „Die Bedeutung der Epigenetik, also der von unserer Lebensweise mitbestimmten unterschiedlichen Aktivität der Gene, wird immer deutlicher.“ So beschäftige sich neuerdings die Neuro-Urbanistik mit dem Einfluss der Verstädterung. „Sie untersucht beispielsweise die Frage, warum Menschen in Städten häufiger unter bestimmten psychiatrischen Erkrankungen leiden als jene in ländlichen Regionen. Da fangen wir erst an, mehr zu verstehen.“

Roboter im Labor

Schon begonnen hat die Zukunft beim Thema Pflegepersonal und Ärztemangel. „Auch in Frankfurt wird es zu wenig Hausärzte und Probleme bei der Pflege geben. Das ist absehbar.“ Spätestens dann werden auch Roboter zum Einsatz kommen. „In Dänemark gibt es in Kliniken bereits Roboter, die Operationsinstrumente sterilisieren, Essen auf die Stationen verteilen, im Labor Aufgaben übernehmen.“ Auch bei der Analyse von Röntgen- oder CT-Aufnahmen werden wohl bald intelligente Computerprogramme helfen, die Diagnosen zu stellen.

Nicht nur Computer und Ärzte, auch die Patienten können in den nächsten Jahren mehr medizinisches Wissen sammeln. Das Internet macht es möglich. „Allerdings wird es Aufgabe verantwortungsvoller Ärzte sein, ein Informationsmanagement zu betreiben: Sie müssen sauberes, für den Patienten relevantes Wissen von Desinformationen trennen.“ Unübersichtlich ist die Informationsflut im Internet schon heute. „Dr. Google arbeitet mit guten und schlechten Quellen, das können Patienten nur schwer einordnen.“ Gerlach selbst arbeitet mit der Stiftung Gesundheitswissen daran, „sauberes Wissen“ aufzuarbeiten und in multimedialen Formaten so handhabbar zu machen, dass die Menschen es zukünftig nutzen können.

Für den Arzt sind die neuen Datenmengen Hoffnungen und Gefahr zugleich: Computernetzwerke könnten individuelle Informationen eines Patienten mit dem medizinischen Weltwissen verknüpfen und entscheidende Hinweise für die Diagnostik seltener Erkrankungen liefern. Auf der anderen Seite sei dann kaum zu überblicken, wer alles Zugriff auf die sensiblen Patientendaten hat und ob hinter Therapieempfehlungen allein medizinisches Wissen oder auch kommerzielle Interessen stehen.

Alle unter einem Dach

Es bleibt also, wie es heute ist: Im Zweifelsfall hilft nur der Arzt. „Die Medizin der Zukunft wird eine Netzwerkmedizin sein. Es wird zum Beispiel viel mehr Praxisteams aus Haus- und Fachärzten sowie anderen Gesundheitsberufen geben“, prophezeit Gerlach. Und womöglich treffen Patienten nicht mehr jedes Mal auf den Arzt. „Es wird VERAHs geben, Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis. Vor allem bei der Betreuung chronisch Kranker kann diese Berufsgruppe wichtige Aufgaben übernehmen.“ So sei es schon Praxis, das diese Assistentinnen zu Hausbesuchen ausrücken und der Arzt oft nur noch per Videochat ins Krankenzimmer kommt.

Neue Formen der Zusammenarbeit müssen zukünftig auch Kliniken und niedergelassene Ärzte finden. „In Deutschland wird noch vieles stationär behandelt, was in anderen Ländern längst ambulant gemacht wird.“ Fachgebiete wie die Augenheilkunde oder die Diabetologie seien Vorreiter, die zeigen, wie es anders gehen kann. Auch wenn er weiß, dass diese Entwicklung auf Widerstand der Kliniken stößt, wünscht sich Gerlach, dass die Aufgaben sinnvoller verteilt würden: In Frankfurt etwa übernähmen dann nur besonders geeignete Häuser die Notfallversorgung, andere Kliniken spezialisierten sich stärker auf einzelne Fachgebiete oder werden in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten zu Gesundheitszentren. Und aus mancher Akutstation würde vielleicht eine Kurzzeit-Pflegeeinrichtung für leichter erkrankte oder genesende Patienten. „Es ist nicht sinnvoll, dass ein hochqualifiziertes Maximalversorgungshaus wie das Uniklinikum auch Langzeit-Pflege- und Reha-Leistungen erbringt. Das könnten andere besser.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare