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Muss Wohnungen weichen: ein Teil der alten Schuhmaschinenfabrik in der Westerbachstraße.

Teile der Schuhmaschinenfabrik werden abgerissen

Rödelheim: Fabrik weicht Wohnungen

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Auf dem Nachbargrundstück wurden bereits Häuser gebaut, jetzt sollen auch auf dem Gelände der ehemaligen Schuhmaschinenfabrik Wohnungen geschaffen werden. Das sorgt für Unruhe im Ortsbeirat 7 – die Stadtteilpolitiker sorgen sich um den Verbleib der dort ansässigen Künstler.

Sie ist ein Ort für Kreative und Kunstschaffende – die alte Schuhmaschinenfabrik in der Westerbachstraße. Künstler, Designer und Kunsthandwerker sind dort in den alten Mauern aktiv. Vor einigen Jahren wurde die leerstehende Fabrik umgewandelt in Büros, Werkstätten und Atelierräume. Jetzt stehen die nächsten großen Veränderungen an: Teile der alten Schuhmaschinenfabrik sollen abgerissen und durch Wohnungen ersetzt werden.

Die im Bebauungsplan festgesetzte Nutzung als Gewerbegebiet wurde mit Bauvorbescheid bereits zugunsten von Wohnungen befreit. Das teilte jetzt die Stadt auf FNP-Nachfrage mit. „Gegenstand des Bescheids ist die Nutzungsänderung von Gewerbe in Wohnen und Aufstockung mit 19 Wohneinheiten sowie die Errichtung eines Mehrfamilienwohnhauses mit 44 Wohneinheiten, einer Lärmschutzwand und einer Tiefgarage mit 89 Stellplätzen“, erklärt Kolja Müller, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD).

Die Befreiung vom Bebauungsplan sorgt für Unruhe im Ortsbeirat 7 (Hausen, Industriehof, Praunheim, Rödelheim, Westhausen) – gleich vier Anträge stehen auf der Tagesordnung für die Sitzung am Dienstag nach Ostern. Die Befürchtungen von SPD, Die Farbechten/ Linke, und Grünen sind dabei die gleichen: Was passiert mit den in der alten Fabrik schaffenden Künstlern? Wo können sie sich kreativ ausleben, wenn ihre Ateliers abgerissen werden?

Diese Ängste seien jedoch nur teilweise begründet, erklärt Müller. Weil der Großteil der gewerblichen Flächen gar nicht von der Maßnahme betroffen sei. „Der viergeschossige Innenblock sowie das Hauptgebäude an der Westerbachstraße sind von dem Bescheid nicht umfasst. Bei Umsetzung der Planung aus der Voranfrage erfolgt lediglich der Abbruch eines kleinen Teils der Fabrik. Der weitaus größte Teil bleibt unverändert“, so Müller. Verschwinden würden sowohl das Kesselhaus – der Sitz des Vereins „Fritz Deutschland“ – sowie das eingeschossige Gebäude entlang der Straße „In der Au“. Ersetzt werden würden diese allerdings durch ein Zeilenhaus an der Straße.

Wann die Abbruch- und Bauarbeiten beginnen, das konnte der Referent nicht sagen. Weil noch nicht einmal ein Abbruchantrag gestellt worden sei. „Ebenso verfügen wir über keine Kenntnisse zum beabsichtigten Umgang mit den nicht von der Abbruchmaßnahme betroffenen Mietern und Nutzer“, so Kolja Müller. Deutlich weiter sind die Arbeiten auch dem Nachbargrundstück vorangeschritten – dort wo einst „Polyclip“, führendes Unternehmen im Bereich der Clip-Verschlusstechnik, seinen Firmensitz hatte. Die „Westerbach Höfe“ – acht Gebäude mit insgesamt 53 Wohnungen – stehen dort kurz vor der Fertigstellung.

Dass in der alten Schuhmaschinenfabrik, in der Maschinen zur Schuhherstellung und -reparatur angefertigt wurden, einmal gewohnt wird, daran hat vor über 100 Jahren wohl kaum niemand gedacht. Am 1. November 1903 wurde die Fabrik der Deutschen Vereinigten Schuhmaschinen GmbH (DVSG) in Rödelheim in Betrieb genommen – nachdem das eigentliche Gebäude in Bornheim durch ein Feuer zerstört wurde. Die Zahl der Beschäftigten in Rödelheim stieg von 41 im Gründungsjahr auf 300 im Jahr 1907 und mehr als 800 im Jahr 1912. Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, wurden bis 1925 Erweiterungen der Betriebsgebäude notwendig.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik in Rödelheim schwer beschädigt, aber wieder instandgesetzt. In den ersten Nachkriegsjahren beschränkte sich die Tätigkeit auf das Reparieren beschädigter Schuhmaschinen und die Herstellung von Ersatzteilen. Um 1970 setzte der Niedergang der deutschen Schuhindustrie ein, 1991 fusionierte die DVSG mit einem Unternehmen in England und siedelte auf die Insel um. Die Fabrik stand seit 1994 leer – bis die Künstler es für sich entdeckten. Der Ortsbeirat 7 tagt am Dienstag, 18. April, ab 19.30 Uhr im Gymnasium Nord, Muckermannstraße 1.

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