+
ARCHIV - 06.03.2016, Hessen, Frankfurt am Main: Das zur Kommunalwahl mit Fahnen geschmückte Frankfurter Rathaus - der Römer. (zu dpa "Wer wird Hausherr im Römer? Frankfurter wählen Oberbürgermeister" vom 23.02.2018) Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Woche im Römer

Der Römer kuscht vor Rom

Diese Kolumne heißt bekanntlich „Die Woche im Römer“. Für den heutigen Beitrag ist dieser Titel eigentlich grundfalsch, denn: Aus dem Römer kommt nichts.

Diese Kolumne heißt bekanntlich „Die Woche im Römer“. Für den heutigen Beitrag ist dieser Titel eigentlich grundfalsch, denn: Aus dem Römer kommt nichts. Zumindest nicht zu diesem Thema, das die Menschen bewegt: der Fall Wucherpfennig; die bisherige Weigerung des Vatikans, dem Jesuitenpater das „nihil obstat“ zu erteilen – und damit eine dritte Amtszeit als Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen zu ermöglichen. Ein ungeheuerlicher Vorgang, der bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Die Empörung ist groß. Uni-Präsidentin Prof. Birgitta Wolff fasst klug zusammen, was viele denken: „Manchmal entsteht der Eindruck, im Rom gäbe es doch noch Leute, die glauben, die Erde sei eine Scheibe.“ Ihr Kollege, Fachhochschul-Präsident Frank Dievernich, ist entsetzt, dass in „die Freiheit einer Frankfurter Wissenschaftsinstitution eingegriffen wird“. Und Stadtdekan Johannes zu Eltz, der Wucherpfennig als lauteren Priester und ein unbestechlichen Wissenschaftler bezeichnet, fragt gar: „Wie dumm geht es denn eigentlich noch?“ Doch wer schweigt, ist der Römer.

Der Auslöser für den Skandal? Ein zwei Jahr altes Interview, das in dieser Zeitung erschienen ist. Darin erklärt Wucherpfennig seine biblisch-theologischen Überlegungen zur Homosexualität. Ein Interview ist mitnichten eine Doktorarbeit, in der dieses Thema in gebotener Länge abgehandelt werden kann. Gleichwohl stellt der Jesuit die wissenschaftlich absolut berechtigte Frage, was Paulus meint, wenn er im Römerbrief über Homosexualität schreibt. Homosexuelle Beziehungen in der Antike seien starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse gewesen. Die Liebe aber solle eine egalitäre, freie Beziehung sein – keine mit Gefälle. Das, so der Jesuit, habe Paulus eigentlich sagen wollen.

Wucherpfennig ist Wissenschaftler. Wissenschaftler werfen Fragen auf, Wissenschaftler diskutieren sie. Wie auch das zweite Thema, an dem Rom Anstoß nimmt: die Rolle der Frau in der Kirche. Damals brandaktuell, hatte doch Papst Franziskus wenige Monate zuvor eine Studienkommission zu ebendieser Frage eingesetzt.

Nach dieser Woche kann man meinen, die katholische Kirche habe die Realität aus den Augen verloren. Nicht nur der Fall Wucherpfennig, sondern auch die Aussagen Papst Franziskus’ zum Thema Abtreibung (Stichwort „Auftragsmord“) treiben vielen die Tränen in die Augen. Dabei hatten sie so große Hoffnungen in diesen einfachen Mann gesetzt, als er am 13. März 2013 in weißer Soutane auf die Loggia des Vatikans getreten war und die Millionen von Menschen auf dem Petersplatz und den TV-Geräten mit einem schlichten „Buona sera“ (Guten Abend) begrüßt hatte. Und sich dann per Namenswahl am sanftmütigen Franziskus orientierte. Als „Papa“ rief er die Gläubigen dazu auf, für einen guten Weg der Kirche und für ihn in seiner verantwortungsvollen Aufgabe zu beten. Aus, vorbei? Viele Gläubige katholischer Konfession, aber auch anderer Kirchen, sind enttäuscht.

Diese Woche in Rom war keine gute für das liberale, weltoffene Frankfurt. Doch der Römer schweigt. Von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der sich sonst auf die Seite der Schwachen und Verfolgten stellt, kein Wort. Von Kirchendezernent Uwe Becker (CDU), der sich gerne zu Themen, die Israel und das Judentum betreffen äußert, nichts. Statt dessen schreibt der Vorsitzende der CDU Oberrad, der Stadtverordnete und Ortsvorsteher Christian Becker (CDU), in einer Pressemitteilung, dass er es sehr bedauere, „wenn die Theologische Hochschule St. Georgen auf seinen Rektor und Oberrad auf einen engagierten Repräsentanten der katholischen Kirche verzichten müsste“. Und für die Grünen geht Mirjam Schmidt, Direktkandidatin im Wahlkreis 37 (sind wir etwa auch bei diesem Thema im Wahlkampf?), ins Rennen. Entschuldigung: Das ist doch kein Thema für Politiker aus der zweiten Reihe! Komplettes Stillschweigen von FDP, Linke, BFF und all den anderen im Stadtparlament.

Und nein, es liegt nicht daran, dass Herbstferien sind. Sie sind alle da. OB Feldmann feierte jüngst mit 700 Gästen aus Politik und Gesellschaft seinen 60. Geburtstag, bei der Gala zum 30-jährigen Bestehen des Tigerpalasts waren ebenso alle vertreten, die in dieser Stadt etwas zu sagen haben. Und Pressemitteilungen von Römer-Fraktionen gab es diese Woche zur Genüge. Nur nicht zu diesem Thema. Da schweigt der Römer. Warum?

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare