Da hat Roger Vontobel gut lachen: Die Proben zur Feydeau-Premiere am Frankfurter Schauspiel sind so gut wie abgeschlossen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Pointen der Komödie auch richtig zünden.
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Da hat Roger Vontobel gut lachen: Die Proben zur Feydeau-Premiere am Frankfurter Schauspiel sind so gut wie abgeschlossen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Pointen der Komödie auch richtig zünden.

Porträt

Roger Vontobel inszeniert am Frankfurter Schauspiel erstmals Feydeaus „Klotz am Bein“

Er hat großes Gespür für die menschliche Gebrochenheit und legt in deutschen Klassikern Thrillerqualitäten offen. Doch was passiert, wenn so jemand plötzlich Komödie inszeniert? Morgen hat Roger Vontobels Sicht auf Georges Feydeaus Farce „Klotz am Bein“ am Frankfurter Schauspiel Premiere.

Roger Vontobels Name ist künstlerisch untrennbar mit der Tragödin Jana Schulz verbunden. Seine Sicht auf Hauptmanns „Rose Bernd“ mit ihr als goldgeteerter Pechmarie in der Titelpartie gilt als Meilenstein. Nicht umsonst erhielt Jana Schulz dafür den Gertrud-Eysoldt-Ring. Auch in Vontobels umstrittener „Woyzeck“-Inszenierung fürs Schauspiel Frankfurt war sie seine Muse – als anstrengender Transgender-Woyzeck. Roger Vontobel gibt zu, dass er seit Studientagen äußerst gerne mit Jana Schulz arbeitet und mit ihr fast das gesamte Theaterleben verbracht hat. „Und ich hoffe, wir werden es auch noch bis zum Ende gemeinsam erleben,“ sagt er und meint damit alle möglichen Herausforderungen. Alle, außer dieser Komödie. Seiner ersten. Klar, hat er zuvor schon heitere Shakespeare-Werke auf die Bühne gestemmt. Aber so einen echten Vaudeville-Feger, diese pointengespickte, rasant schnurrige Gesellschaftskomödie wie Feydeaus „Klotz am Bein“, das ist auch für den 41-jährigen Schweizer Terra incognita. Und seine Muse? Jana Schulz steht diesmal nicht auf dem Besetzungszettel.

Der Mann mit dem offenen Lächeln und den amüsierten Augen wiegt diplomatisch den Kopf hin und her. Die Komödie sei ein sehr schwieriges Genre, weil man sich nicht reinspielen könne. Da sei ganz viel Handwerk gefragt, mit dem man mehrere Schichten von Oberflächen bedienen muss. Aus den Schichten entstünde irgendwann ein Gemälde. Wie ein zweidimensionales Pixelbild müsse man sich das vorstellen. Wenn man ganz nah rangeht, sind es nur Pixel, wenn man zurücktritt, entsteht das Bild. Ob das zur tiefgründigen Jana Schulz passt?

Verführerische Sängerin

Claude de Demo mimt den titelgebenden „Klotz am Bein“ und füllt Vontobels Meinung nach die Rolle glänzend aus. Sie mimt die verführerische Varieté-Sängerin Lucette, die, stets beischlafwillig, dem gesellschaftlichen Aufstieg ihres Geliebten Ferdinand im Weg steht. Denn der soll eine Vernunftehe mit Viviane eingehen, der Tochter einer Baronin, und aus diesem Grund seiner Lucette entsagen.

Vontobel glaubt, dass Feydeau mit seinem Werk immer wieder fragen will: „Was bist du wert, und was bist du wert für mich?“ Schon der Titel „Klotz am Bein“ bezeichne die Abwertung der Liebe. Ferdinand habe alles, Liebe, Gefühl, körperliche Leidenschaft und spüre, wenn er Lucette begegnet: „Wenn ich dich sehe, knallt’s.“ Pure Passion also bei gleichzeitig ausgeschalteter Ratio. Auf der anderen Seite zerre an ihm die Heirat als Ticket in eine höhere gesellschaftliche Schicht. In Feydeaus Komödie werde alles auf seinen monetären Wert zurückgeführt, glaubt Vontobel.

Der Regisseur ist ein lebendiger Erzähler, er benutzt beide Hände und sagt: „Jemand kann ein Vollidiot sein. Wenn er durch einen dramaturgischen Zufall von allen als reich betrachtet wird, ist er plötzlich bedeutend. Diese Momente erzählen viel über unsere Gesellschaft. Nehmen wir Trump. Aus jeder normalen Gesellschaft würde man diesen Trottel rauskicken, aber als US-Präsident hat er diesen besonderen Status und bedeutet etwas.“

Und Olaf Altmanns Bühnenbild? Wird da die berühmte Tür-auf-Tür-zu-Klamotte ablaufen? „Wir haben keine Türen, sondern mit Keith O’Brien einen grandiosen Musiker, der alle Geräusche kreiert. In unserer Konzeption geht es darum, dass unsere Gesellschaft heute eigentlich gar keinen Salon mehr hat, und dass wir gefangen sind in einem brutalen Raubtierkapitalismus – aber wir trotzdem so tun, als sei alles noch da.“ Das gleiche einem verbissenen Festhalten. „Ein richtiger Totentanz. Denn Zombies sterben nie“, so Vontobel

Die Pointe muss sitzen

Wie fühlen sich die Proben an? Anfangs machten die überhaupt keinen Spaß, „alle sind genervt, es ist beinhart, man muss jede Pointe mindestens 15 Mal üben, bis sie wirklich sitzt“. Das sei pures Handwerk, ermüdend, langweilig und führe zu Aggressionen. Aber dann passiere es plötzlich. Irgendwann hebe sich die Stimmung, und „die Freiheit, das echte Spiel, kann beginnen“. Vontobel schüttelt den Kopf: „Ich habe noch nie so viele Durchläufe gemacht. Der gesprochene Satz stimmt entweder, oder er stimmt nicht.“

Drei Opern hat Vontobel schon inszeniert, und das fühle sich ähnlich an in seiner komplizierten Logistik, den Chorszenen und mit ihm als wissendem Regisseur, der klare Anweisungen verteilt, umgeben von zwei ausführenden Assistenten.

Da ist ein Widerspruch. Denn Roger Vontobels Inszenierungen lassen üblicherweise erkennen, dass Angstfreiheit und Dialogfreude bei der Arbeit ein Credo für ihn sind. Aus seiner ungewöhnlichen Jugend in Südafrika, wohin er mit seiner Familie direkt nach der Abschaffung der Apartheid umgezogen ist, hat er diese Maxime für sich mitgenommen. Neugierde, sich öffnen, sich reingeben und sich zur Verfügung stellen, das ist für ihn das Wichtigste. „Dann nimmt man erst auf, partizipiert wirklich, und dann erst entstehen Sachen, die vorher gar nicht möglich gewesen wären. Davor braucht man keine Angst zu haben.“ Dafür kämpft Vontobel am Theater. „Ich habe auch keine Regiehandschrift und mache immer alles gleich – nach dem Motto: Ich weiß, wie ich’s mache. Im Gegenteil, ich weiß eben nicht, wie ich’s mache.“ Roger Vontobel möchte vielmehr mit seinen Schauspielern gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen und jederzeit neu überrascht werden.

Schauspiel Frankfurt

Premiere 31. Mai, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen bis 21. Juni. Karten von 25 bis 49 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94. Internet

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