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Der rote Faden: Der Besorgte

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Von: Mark-Joachim Obert

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Nie wieder! Dafür streitet und mahnt Michel Friedman seit vier Jahrzehnten. Nun bereiten ihm Europas Rechtspopulisten, die Pegida-Bewegung und der islamistische Terror mehr Sorgen als je zuvor. "Ich war schon mal entspannter", sagt der jüdische Publizist und Anwalt.

Als Erstes fällt dieses Gemälde auf, allein schon seiner Größe wegen. An der Wand hinter Michel Friedmans Schreibtisch in dessen Anwaltskanzlei hängt es und zeigt in blassen Strichen vor blassem Hintergrund das Gesicht eines jungen Mädchens. Der Sohn eines belgischen Polizisten hat es gemalt, weil dieser Polizist, dieser Vater dieses Mädchen vor den Nazis gerettet hat. „Traurigkeit“ sieht Michel Friedman, 58, in diesem Gesicht, „deshalb liebe ich dieses Bild so“, sagt er zum Abschied und schließt den Kreis zum Beginn eines viel zu kurzen Gesprächs.

Gespräche mit Michel Friedman sind vermutlich immer zu kurz. Er hat viel zu sagen, und das tut er, eilig, auch ungeduldig. Er fällt ins Wort, weil er unentwegt antizipiert. Er braucht nur ein Stichwort, um zu beantworten, was noch gar nicht gefragt ist. Pegida, Islamismus, Bedrohung, Terror. Das sind die Stichworte dieser Tage. „Ich war schon mal entspannter“, sagt er. Er ist mal gefragt worden, warum er in seinen Fernsehtalkshows den Menschen zu Leibe rückt, warum er sie anfasst, als wollte er sie dominieren. Er spüre dann, was in einem anderen vorgeht, hat er gesagt. „Nähe ist für mich nichts Bedrohliches.“

Er hat nicht viel Zeit an diesem Vormittag, er muss nachher einen Flieger nach Berlin bekommen. Es ist der Tag, an dem am Brandenburger Tor auf Initiative muslimischer Verbände eine Mahnwache gehalten wird für die Opfer der Pariser Terroranschläge. Michel Friedman wird da sein. So also steht er nun vor dem Bild dieses Mädchens und versucht, aus dem roten Faden, dem Erkennungszeichen dieser Porträtserie, ein Herz zu formen, weil das universelle Zeichen sein Lebenselixier symbolisiere – und ihn gleichermaßen vor der eingrenzenden Identitätszuschreibung schütze.

Bald nach der Begrüßung hatte nämlich die Frage nach dem Porträtfoto im Raum gestanden, nach der angemessenen Bildsprache, nach der angemessenen Einbindung des roten Fadens. Um zur nahen Synagoge im Westend zu gehen, würde die Zeit ja nie und nimmer reichen, und sich in seinem Büro mit einem jüdischen Symbol zu zeigen, etwa einer Menora, erschien ihm unoriginell, reduziert. „Ich bin ja mehr als nur ein Jude“, sagte Michel Friedman da und wehrte auch die Frage ab, ob sein Jüdisch-sein nicht der eigentliche rote Faden in seinem Leben sei. „Der rote Faden in meinem Leben ist die Trauer“, antwortete er, als wäre das eine vom anderen zu trennen. Und da auch fügte er an: „Ohne die Liebe hätte ich nicht überlebt.“

Familienvater, Anwalt, Politiker, Journalist, Talkmaster, Verleger, Buchautor: Alles das ist er selbstverständlich auch oder vor allem, je nach Sichtweise, je nach Situation. In der öffentlichen Wahrnehmung, in die er als Meinungsmacher, als Mahner, als Streiter seit bald vier Jahrzehnten energisch drängt, war und ist er meistens aber der jüdische Politiker, der jüdische Talkmaster, der jüdische Publizist. „Aber man sagt doch auch nicht: ,der katholische Publizist‘“, sagt er, als wäre er nicht der, der er ist. Er hat ja einen Traum von dieser Gesellschaft. Dass die Vielseitigkeit endlich als selbstverständlich und bereichernd wahrgenommen werde, die Einseitigkeit als das Unnormale, das Eingrenzende. Oder einfacher, aktueller: Dass es keine Sündenböcke mehr gebe. Tausende hetzen für die Pegida gegen Muslime; im Sommer, während des Gaza-Konflikts, hetzten auch in Frankfurt Demonstranten gegen Juden. Da war Michel Friedman öffentlich so sehr der jüdische Familienvater, wie er es nie sein wollte. Seine beiden Söhne hatten ihn gefragt, ob die Menschen Juden umbringen wollten. Er hat darauf geantwortet mit einem Text in der „Welt“. „Wie erklärt man seinen kleinen Söhnen, dass das Leben als deutscher Jude derzeit schwer zu ertragen ist?“

Vor zehn Jahren, als sein Älterer geboren wurde, schrieb Michel Friedman einen Roman. „Kaddisch im Morgengrauen“. Ein Vater sitzt am Bett seines Kindes und spricht das Totengebet, erzählt vom Holocaust, vom Leid der Familie, von seiner Trauer, seiner Angst, der ständigen Begleiterin, die noch größer wird, weil da auf einmal ein Kind ist. Nicht autobiografisch sei das Buch, es sei authentisch, hat er mal gesagt. Es spricht seine prätentiöse Sprache, monströs sind die Bilder. Es zeugt auch von einem heiklen Unterfangen: Das Kind mit dem Familientrauma zu wappnen. Die Juden dürften nicht immer nur als Erinnerer und Ankläger wahrgenommen werden, hat Dieter Graumann, bis November Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, einmal gesagt. Michel Friedman, unermüdlicher Erinnerer und Ankläger, sagt: „Ich spreche nicht vom fröhlichen Judentum.“

Tabubrüche

So gibt es wenige Dokumente über ihn, in denen seine Religionszugehörigkeit nicht die zentrale Rolle spielt. Wenn er in seiner Talkshow auf dem Nachrichtensender N 24 gewohnt atemlos, hartnäckig und redegewandt einen FDP-Politiker zur Krise der Partei ins Gebet nimmt, dann freilich tut sie nichts zur Sache. Michel Friedman aber hat Mitte der 80er-Jahre die Bühne des Frankfurter Schauspielhauses besetzt, weil er und andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde gegen Fassbinders Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ protestiert und dafür eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs riskiert haben. Er hat sich seinerzeit energisch in den Historikerstreit eingemischt, in die Aufrechnung der Nazi-Gräuel mit Stalins Terror. Er hat 1998 vehement auf Martin Walsers Paulskirchenrede von der „Auschwitzkeule“ reagiert. In all diesen Fällen und viele Male danach alarmiert davon, dass der Antisemitismus durch den intellektuellen Tabubruch wieder salonfähig werden könnte. In all diesen Fällen auch persönlich so tief gekränkt, wie es ein Nicht-Jude in diesen Fällen nicht sein konnte.

Kritik und Kränkung

Er verbirgt diese Kränkung nicht, im Gegenteil. Er weist oft auf ihren Ursprung hin. „Am Ende liebe ich das Leben mehr als alles andere, was ich selbst nicht verstehe“, sagt er an diesem Vormittag irgendwann in seiner Kanzlei leise wie zu sich selbst. „Ich bin auf einem Friedhof aufgewachsen“, sagt er ein andermal und gibt dem Satz mit einer ungewohnt langen Pause Raum. Seine Kritiker sagen, er setze solche dramatischen Momente mit Kalkül, um sich moralisch aufzuwerten. Der Vorwurf ist infam und entblößt die Lust zur Verletzung.

Dass einer wie er Kritiker hat, ist wiederum klar. Selbstverliebt finden sie ihn, herablassend, besserwisserisch. Den einen ist er zu verkniffen, die anderen mögen sein Lächeln nicht. Den einen geht er auf die Nerven, weil er unaufhörlich die Gesellschaft kritisiert. Anderen wie Henryk M. Broder und Maxim Biller – jüdischen Autoren, das ist hier nicht unerheblich – geht er auf die Nerven, weil er sich der Gesellschaft anbiedere. Er wurde mal zum Krawattenmann des Jahres gewählt; er posierte mit seiner Frau, der TV-Moderatorin Bärbel Schäfer, auf dem Titelblatt der „Bunte“. Solche Sachen warfen sie ihm vor.

Wahlheimat ohne Wahl

Man kann es gelassen doch so sehen: Man muss mit ihm ja nicht diskutieren, man kann ihn im TV ja wegschalten. Wer mit ihm diskutiert, muss ihn aushalten – und manchmal damit auch sich selbst. Er nimmt ja sehr ernst, was man sagt, jedes Wort. Er bohrt nach, er fordert Argumente ein, Standpunkte. Ausflüchte und Wischiwaschi redet und lächelt er in der Tat in Grund und Boden. Für einen Journalisten sind das nicht die schlechtesten Eigenschaften, mögen die Motive auch persönliche sein. Michel Friedman muss wissen, wo einer steht, für ihn ist das existenziell. Zehn Jahre war er alt, als seine Eltern nach Deutschland gingen, nach Frankfurt, die von im geschätzte Bürgerstadt, die ihm eine Art Wahlheimat ohne Wahl geworden ist. „Ich wollte nicht nach Deutschland, aber mich fragte niemand.“

1956 ist er in Paris zur Welt gekommen, in Paris wuchs er auf. Der Vater war Pelzhändler, die Mutter war Hausfrau. Der Vater hatte als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebt, der Mutter war nur die Mutter geblieben. Aus Polen stammten sie, in Polen rettete sie Oskar Schindler, der Unternehmer, der 1200 für ihn arbeitende Juden vor der Gaskammer bewahrte. Oskar Schindler war der Ehrengast auf Michel Friedmans Bar Mizwa, „es war ein schönes Fest“. 13 Jahre war er da alt und hatte viele Feste erlebt, die fröhlich begonnen hatten und traurig geendet waren. „Es genügte, dass einer sagte: ,Erinnerst du dich noch an Moische‘, und plötzlich weinten alle.“ Er hat diese allgegenwärtige Trauer aufgesogen, er hat sie erst allmählich verstanden. Er hat viel mit seinen Eltern geredet, er hat sie alles gefragt. Er redet heute viel mit seinen Kindern, er beantwortet ihre Fragen. Er ermuntert sie zum Widerspruch, zum Ungehorsam. „Aber ihr müsst die besseren Argumente haben“, sagt er ihnen. „Oder immer wieder die richtigen Fragen stellen.“

Warum? Das ist die Frage, die sich Michel Friedman stellt, seit er denken kann.

„Aufklärung“, das ist das eine, was er als Motor seines Tuns bezeichnet, „Emanzipation“, das ist das andere. Zuweilen, sagt er, mache er sich die eindimensionale Fremdbestimmung als Teil der Selbstbestimmung zu eigen, eine Art dialektische Emanzipation. Er sagt es so: „Weder Ghetto noch Assimilation: Das ist der richtige Weg.“ Die gleichen Rechte und Pflichten zu haben wie alle Deutschen: Das war der Anspruch damals vor 40 Jahren, als er begann, eine öffentliche Person zu werden. Von Emanzipation waren die Juden in Deutschland weit entfernt, auch die kleine Gemeinde in Frankfurt verharrte im Unsichtbaren. Noch saßen an vielen Hebeln der Gesellschaft die alten Nazi-Eliten, die Schlussstrichdebatten wurden lauter, und vielleicht auch auf dem Frankfurter Goethe-Gymnasium, wo Michel Friedman Abitur machte, „hätte mancher den kleinen Michel 30 Jahre vorher noch der Gestapo ausgeliefert“.

Überlebensstrategien

In Deutschland leben, immer auf gepackten Koffern, aber nicht auffallen: Das war keine drei Jahrzehnte nach der Auschwitz-Befreiung eine Überlebensstrategie der Holocaust-Überlebenden. Michel Friedman wollte so nicht leben, „ich bin zu politisch“. Er wurde Schulsprecher, er engagierte sich in der jüdischen Gemeinde, Anfang der 80er Jahre ging er in die Politik, trat, weil er den linken Antiamerikanismus verabscheute, in die CDU ein und beschränkte sich anfangs bewusst auf ein Mandat als Stadtverordneter. „In der Debatte um eine Ampel kann niemand sagen: Das ist typisch jüdisch, so muss ein jüdischer Mensch denken.“ Er wurde Vizepräsident des Zentralrats der Juden, er stieg bis in den Vorstand der hessischen CDU auf, die er Ende der 90er Jahre wegen der Spendenaffäre um die angeblichen jüdischen Konten des Ministerpräsidenten Roland Koch verließ, er schloss sich der saarländischen CDU an. Er moderierte zur besten Sendezeit eine viel beachtete Talkshow. „Achtung, Friedman“: der Titel wurde zum geflügelten Wort, wo immer er auftrat. In der Straße, in der er wohnte, wachte der Personenschutz. Es hatte zu Beginn seiner Karriere nicht lange gedauert, da klingelte nachts immer häufiger das Telefon, und manchmal nahm Mutter Friedman den Hörer ab. „Die Drohungen galten natürlich mir.“ Er ist seit damals oft bedroht worden, er hat Attentate überlebt. „Sie ahnen nicht, wie ich gelebt habe“, sagt er.

Ein Jahr ist es her, da sagte er in einem Interview: „Ich war noch nie so glücklich wie heute.“ Vor elf Jahren war er am Boden gewesen, die Affäre um Kokain und Zwangsprostituierte schien ihn auf immer beschädigt zu haben. 17 400 Euro Strafe zahlte er wegen Drogenbesitzes, er trat vom Amt des Zentralrat-Vizepräsidenten zurück, er verlor seine Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, er bat öffentlich um Entschuldigung. Er hat diese Krise zum Neuanfang genutzt. Seine Frau hielt zu ihm, gute Freunde hielten zu ihm. Er, Doktor der Jurisprudenz, studierte noch einmal: Philosophie. In seiner Doktorarbeit befasste er sich mit dem freien Willen und der fundamentalen Frage, ob es ihn überhaupt gibt und was es bedeutet für unser Handeln, für Kategorien wie Verantwortung und Schuld, sollte es den freien Willen nicht geben. Er hat Bücher dazu herausgegeben, er lädt regelmäßig zum philosophischen Gespräch ins Schauspielhaus Frankfurt ein. Am 27. Januar, dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, eröffnet er eine Reihe zum Thema, zu ihrem Abschluss Mitte Februar wird er auf der Bühne mit Martin Walser diskutieren.

Zu lange weggeschaut

Dessen „Auschwitzkeule“ damals in der Paulskirche war einer dieser vielen Anfänge, die Michel Friedman umtreiben. „Es kommt nie aus dem Nichts“, sagt er. „Wehret den Anfängen.“ Für ihn ist dieser Satz nicht die Phrase des Gutmenschentums, als die er gern verunglimpft wird. „Wir haben zu lange weggeschaut“, sagt er. Die rechtspopulistischen Parteien werden stärker in Europa: Österreich, Ungarn, Frankreich, in Deutschland die AfD. „Wo bleiben die Sanktionen?“, fragt Michel Friedman. Die Pegida wettert gegen Muslime, Islamisten morden – „wir müssen diese Angstphanta-sien unterbinden“, sagt Michel Friedman. „Aufklärung, das meine ich damit.“ In Frankreich verlassen gerade viele Juden das Land und wandern aus nach Israel. Michel Friedman sagt: „Vielleicht trage ich meinen Reisepass auch bald in der Tasche.“

Wie er da vor diesem Mädchen steht und das rote Herz zu formen versucht und über die eigene Ungeschicklichkeit lachen muss, kommt das Gespräch auf seine Kinder. Zehn und sechs Jahre alt sind seine Söhne. Seit es sie gibt, fühle er sich noch mehr verpflichtet, seine Stimme zu erheben, sagt er. Es ist jetzt eine Stimme auch für ihre Zukunft. „Meine Söhne sind der unwiderlegbare Beweis dafür, dass ich ein hoffnungslos idealistischer Mensch bin.“

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