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Serie

Der Rote Faden: Cornelia Niemann - Die Ungebundene

Heute gilt die Schauspielerin und Kabarettistin Cornelia Niemann als Urgestein der unabhängigen Theaterszene. Ihr widmen wir Folge 276 unserer Serie, in der wir Menschen vorstellen, die besonderes für Frankfurt leisten. 

Da war dieser Koffer, der jahrelang in ihrem Keller herumstand. Was er enthielt, wusste Cornelia Niemann: Briefe an ihre Mutter – von ihrem Vater. Von jenem Mann, den sie nie bewusst kennengelernt hat. Und von dem sie jahrzehntelang auch nichts wissen wollte, weil er sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von der Familie getrennt hatte. „Mutter, der Mann hat uns sitzengelassen“, wehrte sie ab, wenn die Rede auf ihn kam. Wenn ihr damals jemand prophezeit hätte, dass ihr diese Geschichte, dieser Unbekannte, einst die Grundlage für ein Theaterstück liefern würde – „für mich das Wichtigste, das ich bisher gemacht habe“ –, hätte sie wohl nur ungläubig aufgelacht. Genauso aber kam es.

Den Koffer mit den Briefen, den ihre Mutter bei der Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs aus Schlesien mitgeschleppt und bis zu ihrem Tod aufbewahrt hatte, behielt sie immer im Auge. Aus einer diffusen Verpflichtung heraus, die sie ihrer Mutter gegenüber empfand: „Ich hatte das Gefühl, ich muss mich schon ihr zuliebe mit diesen Briefen befassen.“ Lange schob sie das vor sich her. Wohl aus einem unbestimmten Gefühl der Angst vor den Geistern der Vergangenheit. Dass sich aus dieser merkwürdigen Leerstelle womöglich ein Nazi-Verbrecher herausformen könnte. „Ich hab’ mich immer gegrault davor“, sagt sie.

Bis ihre Schwester, die 13 Monate jünger ist als sie, im Januar 2015 ihren 70. Geburtstag feiert und sie in Frankfurt besucht. Da gibt sich Cornelia Niemann einen Ruck: „So, Claudia“, sagt sie zu ihrer Schwester, „jetzt holen wir diesen Koffer“.

Gemeinsam vertiefen sie sich in den Inhalt. Staunen über die winzigen Babykleidchen, die das Gepäckstück enthält – Cornelia Niemanns erste Anziehsachen. Und studieren die Briefe des Vaters, der kurz nach ihrer Geburt im Dezember 1943 zur Wehrmacht eingezogen worden war und dann irgendwann als vermisst galt. Erst später erfuhr die Familie, dass er zu italienischen Partisanen übergelaufen und dann nach London gelangt war, wo er ein neues Leben begann – ohne seine Familie, die inzwischen in die Rhön geflohen war und später in Frankfurt landete.

Krieg und Liebe

Langsam formt sich aus den Schriften ein Bild jenes Mannes, der bis 1944 als Rechtshistoriker mittelalterliche Schriften erforschte, am Institut für deutsche Ostarbeit in Krakau. Einer Gründung übrigens von Hans Frank, Hitlers berüchtigtem Generalgouverneur im besetzten Polen. Die Briefe selbst seien relativ harmlos, sagt Cornelia Niemann, in ihnen gehe es hauptsächlich um Alltägliches. Wie so oft in jenen Jahren, als die Schrecken der Gegenwart – das nahe KZ Auschwitz, die Judenverfolgung, die blutige Räumung des Krakauer Ghettos 1943 – gerne übersehen wurden von denjenigen, die nicht direkt davon betroffen waren. Stattdessen entdecken die Schwestern wunderschöne Liebesbriefe. „Ich glaube, meine Mutter hat das auch aufgehoben, weil sie gewollt hat, dass wir ein Gefühl dafür kriegen, dass wir wirklich Kinder der Liebe waren“, sagt Cornelia Niemann, „nicht das Produkt einer zerrütteten Beziehung.“

Bei der Lektüre fasziniert sie nicht nur das komplizierte Verhältnis ihrer Eltern. Sondern auch das, was nicht auf den Briefbögen steht. Sie liest das Buch von Niklas Frank über seinen Vater, den „Schlächter von Polen“. Beginnt in Archiven zu recherchieren. Reist nach Polen. Allmählich keimt eine Idee in ihr auf: warum diese Spurensuche nicht zu einem Theaterstück verarbeiten? Genau das tut sie mit „Möchten Sie Ihren Vater wirklich in den Papierkorb verschieben?“, einer vielschichtigen Collage aus Videosequenzen, Texten und Musik, die sie mit dem Gitarristen Martin Lejeune im Januar 2018 zum ersten Mal im Frankfurter Theaterhaus präsentiert. Am heutigen Samstag, 10. November, steht das Stück dort zum letzten Mal auf dem Spielplan.

Nicht das erste Theater-Experiment, auf das sie sich eingelassen hat. Schon früh war sie fasziniert von Literatur und vor allem von der Bühne. „Ich hab’ schon während der Schulzeit freiwillig lange Gedichte auswendig gelernt und vorgetragen.“ Sie schrieb glänzende Deutsch-Aufsätze, wirkte an Schultheater-Aufführungen mit. Wären da nur nicht die Naturwissenschaften gewesen, die sie damals überhaupt nicht interessierten. Das brachte ihr zwei Ehrenrunden ein, weshalb sie das Frankfurter Lessing-Gymnasium ohne Abschluss verlassen musste. „Ich war einfach stinkfaul“, sagt sie heute mit entwaffnender Offenherzigkeit. Damals bekümmerte sie das wenig, da sie ohnehin genau wusste, was sie wollte: Schauspielerin werden. „Ich hab’ schon immer rumgesponnen“. Gegen diesen Berufswunsch hatte ihre kulturinteressierte Mutter – eine Juristin, die inzwischen zum zweiten Mal verheiratet war und drei weitere Töchter bekommen hatte – nichts einzuwenden. Nur das Abitur, das sollte schon sein.

Aber Cornelia Niemann setzte sich durch. Nachdem sie die Mittlere Reife nachgemacht hatte, bewarb sie sich an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München – und wurde genommen. Anschließend landete sie am Stadttheater Münster. Das hätte der Start für eine solide Bühnenkarriere sein können, zumal sie in ihren ersten Theaterjahren auch größere Rollen übernehmen durfte. Die Eliza in „My Fair Lady“, die Titelrolle in Schillers „Maria Stuart“. Oft ältere Frauen – „ich war nie der Jungmädchen-Typ“.

Doch in Deutschland gärt es in jenen Jahren. Auf den Straßen demonstrieren Studenten: gegen den Vietnamkrieg, gegen verkrustete Politik- und Gesellschaftsstrukturen. Und Cornelia Niemann fühlt sich plötzlich fehl am Platz: „Ich dachte, du machst hier Stadttheater, und das wahre Leben findet auf der Straße statt.“ Nach drei Jahren kündigt sie und will sich neu orientieren. Gastiert auf Bühnen in Tübingen und Heidelberg, bis sie 1972 ans Schauspiel Frankfurt kommt. Ein Engagement ganz nach ihrem Geschmack. Nicht nur wegen Regie-Größen wie Peter Palitzsch und Hans Neuenfels, mit denen sie dort zusammenarbeiten kann. Sondern auch wegen des Mitbestimmungsmodells, das am Schauspiel damals praktiziert wird. Statt eines Generalintendanten hält hier ein dreiköpfiges Direktorium die Fäden in der Hand. Und es gibt einen Beirat sowie die Vollversammlung, die ebenfalls ein gewichtiges Wort mitzureden haben.

Eine „hochinteressante Zeit“ sei das gewesen, schwärmt sie. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft, lernt Spontis kennen, mischt mit in der alternativen Szene. Vier Jahre später geht sie noch einen Schritt weiter und wechselt ans Theater am Turm (TAT), das ganz auf Mitbestimmung setzt, mit Schauspielern, die über Spielplan und Engagements mitentscheiden. Nach einem achtmonatigen Zwischenspiel mit Rainer Werner Fassbinder steckt das TAT jedoch in der Krise – bis Kulturdezernent Hilmar Hoffmann auf die Idee kommt, daraus ein Kinder- und Jugendtheater zu machen. Politisches Engagement steht trotzdem ganz oben auf dem Programm. Mittendrin steckt Cornelia Niemann, die damals als Ensemble-Direktorin im Mitbestimmungsmodell fungiert.

Straßenkampf ums TAT

Dann aber, 1977, kommt die CDU in Frankfurt ans Ruder. Das linke TAT ist ihr ein Dorn im Auge, bald droht die Schließung, beginnt ein Kampf um die Bühne. Nicht nur in Debatten, sondern auch bei Demonstrationen auf der Straße. „Als Schauspieler ist man ja normalerweise in einer Nische“, erinnert sich die 74-Jährige. „Aber wir waren mittendrin, das war schon sehr spannend.“ Trotz erbitterter Gegenwehr setzen sich die Christdemokraten durch und ordnen die – vorübergehende – Schließung des Hauses an. Das Ensemble muss gehen. Aufgeben will es aber nicht. Nicht nach all der Unterstützung, die man in den Monaten zuvor erfahren hat. Und so wagen einige Schauspieler, unter ihnen Cornelia Niemann, einen mutigen Schritt: Sie gründen die „Schlicksupp Teatertrupp“, eine der ersten freien Gruppen in Frankfurt. Ein hartes Brot, um alles müssen sie sich selbst kümmern: um Werbung, um Engagements, um das Schminken. Und doch, sagt sie heute, sei die Abkehr von den etablierten Bühnen, richtig gewesen. Sich keinem Intendanten unterordnen zu müssen. Die Möglichkeit zum Experimentieren zu haben. Ob sie ein freiheitsliebender Mensch sei? Da zögert sie ein wenig. „Ich hoffe es“, sagt sie dann. „Ich bin viel zu skeptisch, um das einfach so naiv zu behaupten. Das käme mir ein wenig vermessen vor. Aber ja, ich denke schon, dass ich durchaus unabhängig bin.“ Eine Antwort, wie sie typisch ist für sie – abwägend, besonnen, trotz aller Begeisterungsfähigkeit. „Ich bin immer einerseits-andererseits“, sagt sie. „Juristen-Tochter eben.“ Dass sie nie geheiratet hat und kinderlos geblieben ist, quittiert sie mit einem Schulterzucken. Das habe sich eben nicht ergeben.

Vor allem ihre Mutter habe sie geprägt. Eine starke Frau, die auf der Flucht aus Schlesien ein Baby gebar. Da war Cornelia Niemann gerade ein Jahr alt. Mit beiden Kindern schlug sich die Mutter durch, schaffte es, dass sie alle überlebten. Viel von dieser Kraft gab sie ihren Töchtern weiter. „Ich bin gespuckt wie meine Mutter, ich hab’ unheimlich viel von ihr“, sagt Cornelia Niemann.

Diese Stärke hilft ihr, sich auf dem Weg abseits der traditionellen Theater durchzuschlagen. Vor allem dann, als sie ab 1984 immer mehr auf eigene Kabarett- und Theaterproduktionen setzt. Für ihre Auftritte, mit denen sie hauptsächlich auf Kleinkunstbühnen gastiert, haben Kritiker bald einen Namen: „Frauenkabarett“.

Dabei habe sie sich gar nicht bewusst in diese Richtung orientiert. „Ich mache einfach Themen, die mich bewegen.“ Dass Frauen gerne auf Äußerlichkeiten reduziert werden, regte sie etwa zu ihrem Programm „Fettige Gesänge“ an. Ohne Umschweife gibt sie zu, dass darin auch eigene Erfahrungen stecken. Schließlich entsprach sie mit ihren Rundungen in jüngeren Jahren nicht unbedingt dem gängigen Schönheitsideal. „Wie die aussieht“, tuschelte es hinter ihrem Rücken. Manche Rolle habe sie deshalb nicht bekommen, sagt sie. Ob ihr das etwas ausgemacht hat? Sie zuckt abermals mit den Schultern. Natürlich habe sie das manchmal geärgert. Doch sie war selbstbewusst genug, sich auf ihre Stärken zu konzentrieren: ihr Können, ihre Ausstrahlung, ihr ausdrucksstarkes Gesicht mit dem breiten Mund und den weit auseinanderstehenden blauen Augen, das viel jünger wirkt, als ihre 74 Jahre vermuten lassen.

Lob und Preis

Für ihr Engagement für die Gleichberechtigung zeichnete sie die Stadt Frankfurt 1999 mit dem Tony-Sender-Preis aus. Ein Jahr später war Schluss mit dem Kabarett. Cornelia Niemann hatte das Gefühl hatte, dass Frauenthemen für sie weitgehend ausgereizt sind: „Ich habe viel dazu gesagt, jetzt können das andere machen.“

Stattdessen setzt sie wieder auf das Theater, hin und wieder unterbrochen von kleineren Fernsehauftritten. Bereits in den 1990er-Jahren war sie einem breiteren Publikum durch eine Hauptrolle in der TV-Serie „Ein Haus in der Toskana“ bekannt geworden. Zwar kamen danach noch ähnliche Angebote, die allerdings mit ihren Terminen kollidierten, sodass die Fernsehkarriere schnell vorbei war. Was sie nicht bedauert: „Meine eigenen Programme waren mir wichtiger.“ Ebenso Experimente wie jenes, mit dem sie sich zurzeit beschäftigt. „Unser Erbe“ nennt sich das Stück des Theaterkollektivs Willems & Kiderlen, das am 29. November, im Studio Naxos Premiere hat. In dieser Mehrgenerationen-Performance arbeitet Cornelia Niemann mit Kindern und Teenagern zusammen. Eine Herausforderung, wie sie sie liebt: „Ich glaube, dass mich das lebendig hält.“

Von Brigitte Degelmann

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