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Bloß nicht den Faden überspannen: Rechtsanwalt Nikolaus Hensel kennt sich aus im Spiel von Geld und Macht.

Folge 115: Star-Anwalt Nikolaus Hensel

Der rote Faden: Der Geldvermehrer

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Einer wie er, der beinahe täglich über Millionengeschäfte verhandelt, muss ein harter Hund sein können: hellwach, immer auf der Hut, mit vielen Wassern gewaschen.

Einer wie er, der beinahe täglich über Millionengeschäfte verhandelt, muss ein harter Hund sein können: hellwach, immer auf der Hut, mit vielen Wassern gewaschen. Das Profil von Nikolaus Hensel klingt danach: Berliner Kind, aufgewachsen im rauen Ton der Nachkriegsjahre, Rechtsanwalt, Fachgebiet Immobilien, Kanzlei in einer Westend-Villa, Hobby-Segler, vielseitig engagierter Mäzen, gut vernetzt mit den Großen und Reichen dieser Stadt.

Umso verblüffender fällt die Begegnung mit Nikolaus Hensel in eben jener Kanzlei an der Zeppelinallee aus. Wie er da in den aufgeräumten Konferenzraum der Villa tritt, ist nicht zu glauben, dass dieser Mann 71 Jahre alt ist. Die politischen Nachrichten des Morgens haben ihn aufgeregt; er muss ein paar Sätze dazu loswerden, weil es ihn nervt, dass sich Deutschland mit der Aufnahme von Flüchtlingen so schwer tut. Das Handy legt er diskret neben sich auf den Stuhl; kein einziges Mal in knapp drei Stunden wird ein Anrufer so wichtig sein, dass er das Gespräch seinetwegen unterbricht. Stattdessen erzählt er; von den Kräften, die ihn dazu treiben, einer dieser Unermüdlichen zu sein. Einer von denen, von denen keiner weiß, wie all das, was sie tun, in ein Leben passt.

Eine seiner Triebkräfte sind Hensels viele Interessen, seine Begeisterungsfähigkeit. Eine weitere ist tief empfundene Dankbarkeit. „Ich bin im Berlin der Nachkriegszeit aufgewachsen. In einer armen Stadt, die mir doch alles gegeben hat: Schulbildung, Hochschulstudium, pro Semester 35 DM Krankenkassenbeitrag . . .“ Aus all dem habe er sich eine Lebensgrundlage schaffen können, „die alles möglich machte“. Bei allen Mängeln: „In diesem Sinne leben wir in einem Bildungsparadies.“

Hensel hat sein Startkapital gut genutzt. Er entschied sich für ein Jurastudium. „Ich wäre auch gern Physiker geworden wie mein Vater, aber das habe ich mir nicht zugetraut.“ Nach dem Examen liebäugelte er mit einer Uni-Karriere, ging dann aber doch als Rechtsanwalt und Notar in eine Frankfurter Kanzlei. Sie trägt inzwischen auch seinen Namen als Gesellschafter, ihre Klienten waren und sind mittelständische Familienunternehmen und – oft jüdische – Frankfurter Immobilienkaufleute.

So wurde der junge Berliner, dessen Herkunft in so manchem Satz breit hörbar ist, ein Wegbegleiter derer, die die Millionen machen – und die ihrer wirtschaftlichen Erfolge wegen manchmal gelobt, nicht selten beneidet und oft verschmäht werden. Einige von Hensels Mandanten sind diejenigen, die im Frankfurter Häuserkampf der 1970er Jahre als „miese Spekulanten“ beschimpft wurden.

Hensel hat einen anderen Blick: „Hier habe ich gelernt, wie viel diese Menschen zurückgeben. Vor allem in der jüdischen Klientel ist das selbstverständlich“, sagt er und erinnert an einen wie Josef Buchmann, der nach einer Jugend in den KZs der Nazis als Habenichts nach Frankfurt kam, hier zu einem der größten Immobilienbesitzer aufstieg und seitdem vielen unter die Arme gegriffen hat; ab und an gar Millionenspenden macht, ohne dass davon viel bekannt wird.

Hensel beeindrucken diese Mäzene, sie sind ihm Vorbild für sein eigenes Handeln. Aber er will ihnen auch oft genug ans Geld. Natürlich nicht für sich, sondern fürs Deutsche Filmmuseum, dessen Vorstand er ehrenamtlich angehört und dessen Förderverein er vorsitzt und das wohl kaum so wunderbar umgebaut und neu ausgestattet worden wäre, hätte Hensel nicht so erfolgreich „geschnorrt“. Das habe er im Freundeskreis der Uni Tel Aviv, in dem er seit 25 Jahren aktiv ist, eben gut gelernt.

Auch für den Förderverein für physikalische Grundlagenforschung an der Goethe-Universität, den er mit gegründet hat, wirbt Hensel immer wieder namhafte Beträge ein. Anderswo setzt er zur Unterstützung kultureller und sozialer Einrichtungen seinen Fachverstand ein. „Wer nicht einfach Geld geben kann, braucht Ideen“, erklärt er seine Art, als Mäzen aufzutreten. Dabei unterschlägt er, dass er schon mehr als einmal sechsstellige Summen aus seinem Privatvermögen verschenkt hat.

Warum er das alles für Frankfurt tut? Die Stadt ist reich, und Berlin, das ihn einst so reichlich ausgestattet hatte, könnte Leute wie ihn doch auch brauchen? „Berlin ist meine Heimat. Aber es konnte mir für mein Leben nicht das geben, was mir Frankfurt gegeben hat. Ich kenne keine Stadt, die so offen ist wie diese.“

Zwei gute Argumente hat er parat, wenn er auf Spendentour ist: Seine eigene Begeisterung für die jeweilige Sache und den Appell, von dem er selbst zutiefst überzeugt ist: „Man muss zurückgeben.“ Hensel hält es für selbstverständlich, dass sich das Bürgertum engagiert, um das gesellschaftliche Gefüge in sozialer wie kultureller Hinsicht zu erhalten und zu stärken. Darauf, dass jemand diese Freigiebigkeit versucht auszunutzen, reagiert er allerdings allergisch: „Bundespräsident Gauck hat es in seiner Rede zum Uni-Jubiläum richtig gesagt: Mäzene sind nicht die Ersatzbürgen des Staates.“ Ohne die Großzügigkeit ihrer Großverdiener könnten die Kultureinrichtungen nicht arbeiten. „Aber der Staat muss die Grundfinanzierung übernehmen, wir bringen den Rest.“

Wie der aufzutreiben ist, dazu hat Hensel immer wieder neue Ideen. Manche scheitern. Als er das Geld für den Umbau des Filmmuseums sammelte, hatte er auch alle Bürgermeister der Rhein-Main-Region angeschrieben. Er betonte in seinen Bittbriefen, welch vorbildlichen Beitrag das Museum zur Medienpädagogik leiste. Nicht allein für Frankfurter Kinder … „Erhalten habe ich 500 Euro und eine hochkarätige Sammlung von Ausreden.“

Hensel selbst gibt immer etwas, sogar dann, wenn er selbst der Beschenkte sein sollte. So feierte er vor einigen Jahren im Filmmuseum seinen 65. Geburtstag – und schenkte zu diesem Anlass der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth ein Fotoshooting bei Star-Fotograf Jim Rakete. Und im vergangenen September, als ihm die Stadt ihre Ehrenplakette verlieh, verteilte er unter der Festgesellschaft ein kleines Bändchen mit Goethe-Gedichten. Von ihm ausgewählt und verlegt, vom Maler-Freund Ferry Ahrlé – auch ein Berliner am Main – illustriert. Seine Dankesrede enthielt Hensel-Typisches: Einen Scheck über 50 000 Euro für die Neugestaltung des trostlosen Gartens einer Kita im Westend. Einzulösen unter der Bedingung, dass sich die Eltern an der Arbeit beteiligen. Und dann noch drei Wünsche: Fröhlicher, weniger neurotisch und aggressiv solle Frankfurt werden. Jeder in der Stadt möge am Beweis mitwirken, dass am Main nicht Geiz und Gier, sondern Großzügigkeit und Offenheit herrschten. Und, so sein dritter Wunsch, die Stadt als Sitz der Europäischen Zentralbank solle noch europäischer denken.

Wer ihm in solchen Momenten zuhört, kann sich trotz aller Freundlichkeit vorstellen, warum Hensel von sich selbst sagt, er sei ein ungeduldiger und fordernder Chef. Da redet einer, der an andere die Maßstäbe setzt, an denen er auch sich selbst misst.

Anspruchsvoll sind selbstverständlich Hensels Mandanten. Der Anwalt, der selbst aus eher einfachen Verhältnissen stammt, hat von ihnen viel gelernt. Ihre Großzügigkeit, ihren Bürgersinn hat er sich zum Vorbild genommen, viele andere Facetten der oberen Zehntausend erschienen ihm weniger attraktiv für sich selbst. Immer hat er versucht, sich die Nüchternheit, die er seiner Berliner Kindheit zu verdanken meint, zu bewahren. „Ich lebe gut, aber ich brauche kein Schloss.“ Hensel, der mit seiner Frau Martina – es ist seine zweite, er hat sie durch ihre Arbeit fürs Filmmuseum kennengelernt – auch im Westend wohnt, fährt Mini, entscheidet sich aber oft für die U-Bahn. Er geht, vor allem aus Liebe zu seiner Frau, regelmäßig zu Eintracht-Spielen ins Stadion. Größer als sein Auto, aber auch kein Luxusexemplar, ist sein Boot; in Kroatien liegt die Segelyacht im Hafen. Hensel reist gern und viel; gerade erst flog er in drei Wochen einmal um die Welt. Und er sammelt moderne Kunst, etliche Stücke dekorieren die Kanzlei.

„Natürlich muss man die Menschen verstehen, wissen, aus welcher Welt sie kommen, muss mitgehen, muss mitziehen“, sagt er über sein Verhältnis zwischen dem eigenen Leben und dem seiner oft schwerreichen Mandantschaft. „Aber man muss auch gucken, dass man die Füße auf dem Boden behält.“ Hensel strahlt die Überzeugung aus, dass ihm dies gelungen sei. Der Rechtsanwalt fand beruflich die richtige Balance, seine Mandanten vertrauen ihm – und lassen sein Büro die unendlichen Listen von Paragrafen verfassen, wenn sie Grundstücksgesellschaften gründen, Immobilien errichten oder verkaufen wollen.

„Es gibt wohl kaum ein Hochhaus, an dem wir nicht beteiligt waren.“ Das ist Hensels beruflicher Anteil an der großen Umgestaltung der Stadt in den vergangenen Jahrzehnten: Die Hochhäuser Castor und Pollux an der Messe, der Umbau des Nordwestzentrums, die Bebauung der Areale von Telekom und Frankfurter Rundschau in der City, der Westhafen, der Neuanfang auf dem früheren Degussa-, heute Maintor-Areal – in allen Verträgen ist der Name des Rechtsanwalts und früheren Notars (mit dem Siebzigsten musste er dieses Amt aufgeben) zu finden.

Hinter diesem Renommee stecken Jahre voller Arbeit, ein immer eng getakteter Terminkalender. Um davon nicht getrieben zu werden, arbeitet Hensel schon seit Jahren auch am Sonntagvormittag. Allein sitzt er dann in der Ruhe der sonst leeren Kanzlei, ihm zu Füßen seine zwei Hunde – Momente, die vielen Fäden, an denen er zieht, zu überdenken. Daran, einfach nicht mehr arbeiten zu gehen, denkt er selbst in solchen Momenten nie. „Warum. Nicht mehr mitmachen zu können, das wäre das Schlimmste. Das macht dumm im Kopf.“ Jung im Kopf hält ihn auch seine Tochter, mit der er mehr als nur das Fernweh teilt. Sie stammt aus Hensels erster Ehe, ist inzwischen 30 und lebt mit ihrem Mann in Austin/Texas. „Ich war sicher kein treusorgender, viel präsenter Vater. Aber ich war ihr eine große Hilfe, ihren Lebensweg zu entscheiden und einzurichten. Wir haben ein gutes, tiefes Verhältnis.“

Im vergangenen Jahr hatte Hensel gewohnt wenig Zeit für seine Lieben. Sein Büro begleitete den Verkauf des noch nicht errichteten Winx-Hochhauses auf dem Maintor-Areal an die BMW-Großaktionärin Susanne Klatten. „Die reichste Frau Deutschlands bekennt sich deutlichst zum Standort Frankfurt – das ist doch eine Sensation.“ Hensel wünscht sich mehr davon: „Wir brauchen hier Namen, die andere nach Frankfurt ziehen. Es gibt riesige Leerstände, auf dem Immobilienmarkt ist vieles Schein.“

Ob diesen Schein auch einige seiner Mandanten mit entfachen, darüber wird man von Rechtsanwalt Nikolaus Hensel nichts erfahren. Aber dass die Westen in der Immobilien- und Baubranche nicht immer weiß sind, das spricht er zuerst an. Hensel kennt die schwarzen Schafe. „Es gibt einige, für die würde ich nicht als Anwalt tätig werden.“

Er weiß, wovon er spricht. Anfang der 1990er-Jahre stand sein Name sogar in US-amerikanischen Gazetten und großen deutschen Magazinen. Es ging um die „Mafia vom Main“ und damit um Fakten und Spekulationen über die Machenschaften der Bordellkönige Hersch und Chaim Beker. Hensel war kurzfristig einer ihrer Anwälte.

Die Brüder waren lange die unbestrittenen Herrscher des Frankfurter Bahnhofsviertels – aber wohl auch die wahren Lenker etlicher Politiker und Beamter. Ausgerechnet mit den Bekers schmiedete die damalige CDU-Stadtregierung die Pläne, wie die Rotlicht-Szene weg vom Bahnhof ins Allerheiligenkiez verlegt werden kann. So weit kam es bekanntlich nie, dafür aber wurden Immobilienverträge geschlossen, an denen vor allem die Bekers verdienten. Als die Staatsanwaltschaft eingriff, setzten sich die Brüder nach Israel ab – zuvor aber packte Hersch Beker aus.

Die Geschichte über den Frankfurter Filz wirkte lange nach – und jedes Mal klingelte das Telefon bei Rechtsanwalt Nikolaus Hensel im Westend, musste er Stellung nehmen zum Geschäftsgebaren seiner früheren Mandaten. Seine seien das nicht gewesen: „Er hat alle belogen und betrogen.“ Nie wieder habe er sich bei der Übernahme eines Mandats so vergriffen.

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