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Leichtathletik-Talent Gesa Krause beim Überspringen des roten Fadens dieser Zeitung.

Folge 113: Leichtathletin Gesa Felicitas Krause

Der rote Faden: Sie nimmt jede Hürde

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Sie läuft und läuft und läuft. Zuverlässig wie ein VW-Motor absolviert Gesa Felicitas Krause ihren Dienst auf der Tartanbahn, Runde um Runde im immer gleichen Takt.

Sie läuft und läuft und läuft. Zuverlässig wie ein VW-Motor absolviert Gesa Felicitas Krause ihren Dienst auf der Tartanbahn der Kalbacher Leichtathletikhalle, Runde um Runde im immer gleichen Takt. Sie hat sich an diesem eiskalten Wintermorgen aus dem Parka mit der großen Kapuze geschält, ist in Leggings und T-Shirt geschlüpft und trabt nun mit ihren drei Trainingspartnern plaudernd ihre Einlaufrunden. Der braune Pferdeschwanz wippt, im Hintergrund schallt Musik aus den Hallenlautsprechern. Der Trainer sitzt eingemummelt in die dicke Daunenjacke in der Mitte der 200-Meter-Bahn, rückt sich Stuhl und Tisch zurecht, sortiert Trainingspläne. Und Gesa läuft. Wenn man sie so ihre Runden in der Halle drehen sieht, in Trainingsklamotten, die manchem Freizeitsportler nicht atmungsaktiv genug wären, dann wirkt sie mit ihren großen grünen Augen, umrahmt von wohlgetuschten Wimpern, wie ein hübsches, sportliches Mädchen, das gerne ein bisschen joggt. Und nicht wie die WM-Neunte und U20-Europameisterin von 2011, die Olympia-Achte von London, U-23-Europameisterin von 2013 und Fünftplatzierte der EM 2014 im 3000 Meter Hindernislauf. Die in diesem Moment noch nicht ahnen kann, dass sie zudem rund zwei Wochen später ihren ersten Deutschen Meistertitel erlaufen wird über die 3000 Meter Distanz - ohne Hürden und Wassergraben.

Eben noch saß sie im Café, hat aus ihrem Sportlerleben erzählt, im Cappuccino gerührt - bis ihr Blick auf die Uhr fällt, ein kurzer Schreck: „Oh, ich muss meinen Trainer anrufen“ - für jede Minute Zuspätkommen zum Training fällt ein Euro durch den Schlitz der Mannschaftskasse, der Trainer zahlt das Doppelte. Viel sammelt sich nicht an - Leistungssportler sind diszipliniert. Die 22-Jährige ist da keine Ausnahme. In ihrem drahtigen Körper steckt ein eiserner Wille. Kampfgeist und Ehrgeiz treffen auf Disziplin - und vor allem eines: Spaß am Sport.

Schließlich wusste sie schon als Elfjährige, was sie will. In Freundebücher schreibt sie damals immer wieder unter dem Stichpunkt „Dein größter Traum“: Einmal an den Olympischen Spielen teilnehmen. Ein paar Jahre später fotografiert ihre Cousine diesen Eintrag aus ihrem Buch ab und schickt die Aufnahme an Gesa nach London. Es ist das Jahr 2012, Gesa ist 19 und startet  bei den olympischen Spielen im 3000 Meter Hindernislauf. Unfassbar für die junge Athletin - und viele ihrer Wegbegleiter. „Mich haben frühere Lehrer angerufen und gesagt, ich hätte immer von Olympia gesprochen, aber sie hätten mir nie zugetraut, dass ich das wirklich ernst meine und schaffe.“ Ein bisschen stolz wirkt sie schon, oder vielleicht freut sie sich auch einfach nur, dass sie überraschen kann. So zart und harmlos wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist es keinem zu verdenken, der sie unterschätzt. Ihre stahlharten Bauchmuskeln, die eine andere Sprache sprechen, hält sie gut versteckt unterm lockeren T-Shirt.

Wie war das in London? Alles ein bisschen viel. „Ich habe das Gefühl, dass das bei mir nie richtig angekommen ist“, sagt sie, die großen grünen Augen strahlen nicht. Nur eine Erinnerung hat sie für sich abgespeichert: „Als ich zum Vorlauf ins Stadion kam, hatte eine Siebenkämpferin gerade ihre Bestleistung im Weitsprung erzielt. Das Stadion war am Toben. An diesen

Gänsehautmoment

erinnere ich mich. Ich war total nervös und glücklich. Ich dachte, das ist jetzt dein Moment, du musst das aufsaugen.“ Ihren Vorlauf gewinnt sie in persönlicher Bestzeit. „Im Finale war ich kaputt, ausgelaugt, bin mit allerletzter Kraft gelaufen. Und dann war ich Achte.“ Ein sensationeller Erfolg. Genau genommen wurde sie sogar siebte - denn wie erst vor kurzem bekannt wurde, war die russische Olympiasiegerin Yuliya Zaripova gedopt, die Goldmedaille wurde ihr rückwirkend aberkannt.

Ernsthaft, fast nüchtern spricht Gesa über ihre Erfolge, erzählt offen und direkt von vielen Trainingseinheiten, die hinter ihr liegen. Dass der Sport die oberste Priorität in ihrem Leben genießt, sie einsehen musste, dass sie, wenn sie so erfolgreich bleiben und noch mehr erreichen will, ihre ganze Konzentration auf das Training lenken muss. Diese Nüchternheit mag der Tatsache geschuldet sein, dass sie auch schon die Kehrseite der Medaille Leistungssport kennen lernen musste: Nach ihren so erfolgreichen Jahren 2011 und 2012 mit den olympischen Spielen als Krönung, stürzt sie in ein tiefes Loch. Das große Ziel ist erreicht, die Anspannung fällt ab. Eine Achillessehnenreizung signalisiert zudem, dass der Körper eine Pause braucht. Drei Monate lang kann die Leistungssportlerin kaum laufen. Das wirft sie im Training weit zurück. „Ich hatte ganz schön zu kämpfen“, so spricht sie von ihrem emotionalen Tief.

In dieser Zeit setzt sie sich ein neues Ziel abseits des Sports: Sie belegt an einer privaten Hochschule den Studiengang „International Business“. Doch was den Horizont erweitern soll, gerät zur Enttäuschung: Das Studium sperrt sich gegen ihre Herangehensweise. Seminare absolviert man nicht wie Trainingseinheiten, schon gar nicht, wenn vorher und nachher Sport auf dem Tagesplan steht. Sie muss im Nachhinein ihrem Trainer Recht geben, der sie gewarnt hat: Beides zugleich geht nicht. „Ich musste diese Erfahrung selbst machen“, sagt sie und fröhlich wirkt sie dabei nicht.

Erfolge genießen, ist die eine Seite des Sports. Die psychische Stabilität mitzubringen, um Rückschläge zu verkraften, das ist die ganz andere Leistung, für die keine Medaillen verliehen werden. Das Grundlagentraining hierfür findet im Elternhaus statt. Gesa lässt keinen Zweifel daran, dass ihre Eltern hierin Weltklasse waren und sind. Der Papa fliegt ihr heute noch auf jeden Wettkampf hinterher. Reisen ist ja ohnehin die Leidenschaft der Familie. Doch früher bestimmten die Eltern die Ziele: Hausboot in Frankreich, Krüger Nationalpark in Südafrika, Strandurlaub in Thailand oder Brasilien - rund 50 Länder hat Gesa schon besucht.

Neben der Lust am Reisen vermitteln die Eltern ihrem einzigen Kind wichtige Werte wie Fleiß und eben jene so nötige Disziplin. Verbunden mit dem Willen, schwierigen Aufgaben nicht aus dem Weg zu gehen - sondern die Hürden im Leben zu nehmen. Sie leben ihr vor, dass man seinen eigenen Weg finden muss. Der Vater ist selbständig, führt viele Jahre eine eigene Videothek. Heute hat er ein Taxiunternehmen in Frankfurt. Er ist es auch, der in seiner Tochter früh den Sportsgeist wach kitzelt: „Mein Vater hat sich für meine Freunde und mich Wettkampfspiele ausgedacht. Die haben mich an meinem Ehrgeiz gepackt“, jetzt lächelt Gesa. „Berühmt berüchtigt waren die ‚„Ilmenkuppenläufe“, benannt nach der Ringstraße, in der meine Eltern in Dillenburg heute noch wohnen - die ist etwa 600 Meter lang. Jedes Jahr habe ich meine Bestzeit verbessert. Immer wenn Freunde da waren, mussten die mitlaufen - die haben das gehasst…“, jetzt lacht sie.

Laufwettkämpfe mit Gesa finden irgendwann nicht mehr statt - sie gewinnt ja eh‘ immer. „Mit acht Jahren hat mich ein Freund mitgenommen zur Leichtathletik des TV Dillenburg“, erzählt sie von den Anfängen ihrer Vereinslaufbahn. Judo und Turnen hatte sie zuvor ausprobiert und für nicht spannend genug befunden.

Ihr erster Wettkampf ist ein Crosslauf - sie wird auf Anhieb zweite. „Da hat sich schon gezeigt, dass im Laufen mein Talent liegt.“ Die 800 Meter werden ihre Lieblingsdistanz. Ihr Trainer vom TV Dillenburg, Wilfried Beschorner, fördert sie. Sie nimmt an Hessischen Meisterschaften teil - und fällt auf. Nicht zuletzt ihrem heutigen Trainer bei der LG Eintracht Frankfurt, Wolfgang Heinig, der seit 2013 Bundestrainer für die Mittel- und Langstrecke ist. Er sieht nicht nur die guten Zeiten, die sie läuft. Vielmehr erkennt er: Sie ist der geborene Wettkampftyp, der punktgenau das letzte Körnchen Kraft aus sich herausholt, das einen Athleten zum Sieg führt.

Während Gesa in Dillenburg von ihren Freundinnen schon mit ihrem bisherigen Trainingspensum für etwas verrückt erachtet wird, zeichnet sich nun in der Zusammenarbeit mit Heinig ab, was es heißt, Leistungssport zu treiben. Gesa ist noch keine 15, da übernimmt Heinig die Fernbetreuung. Der Ehemann der früheren Marathonläuferin Katrin Dörre-Heinig will Gesa optimal fördern, bietet ihr einen Platz in der Frankfurter Carl-von-Weinbergschule an, die über ein Sportinternat verfügt. „Ich wollte aber noch nicht von Zuhause weg“, sagt Gesa, „erst ein Jahr später war ich so weit.“ Einen Tag nach ihrem 16. Geburtstag zieht sie um und wechselt zur LG Eintracht Frankfurt. Dass sie heute als junge Frau so reif wirkt, liegt wohl nicht zuletzt an dieser frühen Selbständigkeit der Internatsschülerin. Ihr hilft am Anfang, dass ihr Vater gebürtiger Frankfurter ist, ihr die Stadt vertraut ist und sie Familie vor Ort hat. Aber jedes Wochenende fährt sie nach Dillenburg und holt sich die Geborgenheit, die sie braucht, um die Woche über ihr Programm zu bestreiten.

Ihre ersten Trainingsläufe absolviert sie noch vor dem Unterricht, das Pensum nimmt stetig zu. Weil ihr die Hürdentechnik gut liegt, rückt der Hindernislauf in den Fokus. In dieser Disziplin, die Ausdauer mit Technik vereint, sieht sie ihre Chance, auch international sehr erfolgreich zu werden. Fast nebenbei macht sie ihr Abi mit einem Notenschnitt von 2,1, im Jahr darauf wird sie U-20-Europameisterin. „Da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass die Olympischen Spiele schon 2012 für mich möglich sein könnten“, sagt sie und erzählt, wie ihr Trainer ihr einen Start bei einem Diamond-League-Wettkampf möglich machte: ihr, einem damaligen Noname-Talent. Sie sagt: „Er ist ein Risiko eingegangen, das war mir gar nicht klar. Dafür muss ich ihm im Nachhinein noch danken.“ Er bürgt mit seinem Namen und dem seiner Ehefrau für die junge Läuferin - die tatsächlich in diesem Lauf international mithält und die Olympianorm schafft.

Von ihrem emotionalen Tief im Anschluss an die Spiele hat sie sich heute längst erholt. Auf Anraten ihres Trainers, den sie siezt und immer siezen wird, weil der Respekt es erfordert, ist sie, zunächst widerwillig, Bundeswehrsoldatin geworden. Das Rundendrehen auf der Tartanbahn ist ihr Dienst als Soldatin der Sportfördergruppe. Und so schlimm war die Grundausbildung, die sie im Herbst 2013 absolvierte, dann doch nicht - schließlich lernt sie hier ihren Freund kennen, Marc, ihren Ausbildungsoffizier. „Mit ihm kann ich richtig zur Ruhe kommen“, sagt sie und wirkt glücklich. Er lebt in Hannover, lässt ihr ihr verrücktes Leben, das von Trainingslagern in Kenia und Wettkämpfen in aller Welt bestimmt wird - unterbrochen von Ruhepausen daheim auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Sachsenhausen oder dem Bummel auf der Schweizer Straße. So ganz hat sie aber auch den Traum vom Studieren nicht aufgegeben. Sie verwirklicht ihn nun per Fernstudium -  Wirtschaftspsychologie ist jetzt ihr Fach. Schließlich hat sie am eigenen Leib erfahren können, wie sehr die Seele den Erfolg mitbestimmt. Aber die Priorität ist klar: „Ich habe den Sport zu meinem Beruf gemacht“, sagt sie und hat ihr Ziel klar vor Augen, die olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. Nächstes Jahr möchte sie ganz bewusst erleben, was 2012 noch an ihr vorbeirauschte. Bis dahin wird sie mit getuschten Wimpern und fliegendem Pferdeschwanz alle Hindernisse nehmen - nicht nur auf der Tartanbahn.

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