Folge 109: Schriftstellerin Eva Demski

Der rote Faden: Die Schreibkraft

Allmählich ist alles wieder an seinem Platz. Oder vielmehr: fast alles. Denn die Inhaberin der über Wochen renovierten Wohnung hat die Chance genutzt um aufzuräumen.

Allmählich ist alles wieder an seinem Platz. Oder vielmehr: fast alles. Denn die Inhaberin der über Wochen renovierten Wohnung hat die Chance genutzt, um vor allem ihren riesigen literarischen Bestand zu sichten und auszumisten. „Ich wollte 3000 bis 4000 Bücher weghaben“, sagt die Frau mit der tiefen, warmen Stimme. „Ich brauche keine fünf Goethes, sieben Schillers und acht Shakespeares.“ Damit sind natürlich Gesamtausgaben gemeint.

Wie viele Bände übrig bleiben werden, wenn sie sie endlich sämtlich wieder aus den Kisten hervorgeholt, aussortiert oder alphabetisch in die Acrylregale an den Wänden einsortiert haben wird, das könne sie noch nicht sagen. Fest steht: Anzahl und Güte zierten manche öffentliche Bibliothek. Die durchsichtigen Regale seien ziemlich teuer gewesen. Sie zuckt mit den Schultern. „Die habe ich mir gegönnt, dafür besitze ich ja auch kein Auto.“ Sie seufzt. „Das Renovieren gefällt mir nicht, es ist furchtbar.“

Willkommen bei Eva Demski, selbst eine literarische Größe. Mit weit offenen Augen hinter der Brille, stellenweise verhangen vom roten Pony, empfängt sie trotz des Stresses freundlich in ihrem Reich und geleitet zum gemütlichen Sofa. Sie blickt neugierig, hellwach. „Ich habe immer noch ein Filmauge“, verweist sie auf ihre Jahre beim Fernsehen. „Und ich kann mich bis zur Albernheit über Sachen freuen, die andere gar nicht sehen.“

Wie gut sie tatsächlich hinschauen kann, das ist auch in ihren zwei Dutzend Büchern und Bildbänden quer durch alle Genres nachzulesen, darunter so bedeutende Romane wie „Goldkind“, „Karneval“, „Afra“ und „Das Narrenhaus“. Ihr selbst bleibe indessen „Scheintod“ der wichtigste. Darin hat sie sich mit ihrem 1974 so früh verstorbenen Mann Reiner Demski auseinandergesetzt, der als linker Strafverteidiger unter anderem einer der Anwälte Gudrun Ensslins war. Seit sie schon mit 29 Jahren Witwe geworden ist, hat sie nicht wieder geheiratet. Über ihr heutiges Privatleben sagt die Schriftstellerin und Publizistin nur: „Ich habe einen Freund, aber wir leben nicht zusammen.“

In ihrer Wohnung im Stadtteil Dornbusch, und das betont sie immer wieder, will sie bei all ihren Qualitäten als Gastgeberin auch unbedingt das sein, was sie sehr oft am liebsten ist: allein. „Das ist kein bisschen mit Einsamkeit zu verwechseln, denn die ist schlimm“, befindet sie. Es gehe ihr vielmehr um Freiheit. „Unabhängig zu sein, das ist ein ganz großes Thema für mich“, so gerne sie auch Freunde empfange, um beispielsweise ihr sagenhaftes Stew mit Kichererbsen aufzutischen. „Doch, ich bin ausgesprochen gerne ganz für mich.“ Sie hat ihren eigenen Kopf. „Ich möchte nichts brauchen und nicht gebraucht werden. Nur wer wirklich etwas braucht, ist einsam.“

Thematisch ist das Werk der produktiven Autorin nicht festzulegen. Jetzt, beim großen Umräumen und Ordnen, stelle sie fest: „Ich habe unheimlich viel gearbeitet, ich habe es aber nie so empfunden.“

Sie studierte in Mainz und Freiburg. Nach einer Karriere als Dramaturgie-Assistentin bei den Städtischen Bühnen in Frankfurt, als Verlagslektorin wie auch Übersetzerin arbeitete sie als Kultur-Redakteurin und Autorin beim Hessischen Rundfunk. Seit bald vier Jahrzehnten ist sie freie Schriftstellerin. „Ich bin ein freier Geist“, betont sie und streicht sich die Haare zurück. „Ich kann gar nicht begreifen, dass das jemand nicht sein möchte.“

Die gebürtige Regensburgerin setzt sich in ihren Romanen ebenso mit den Verhältnissen im Nachkriegsbayern, mit dörflichem Rassismus etwa, wie mit denen der RAF-Zeit in der linken Hochburg Frankfurt auseinander. Sie schildert das Leben im Hochhaus ebenso wie das in einer ehemaligen Nazi-Villa. Ob Reiseberichte, politische Essays oder lyrische Katzenbücher, „ich schreibe über alles, was mich interessiert“.

Bei aller inhaltlichen Vielfalt schaut Eva Demski stets mit ihren weit offenen Augen und auch allen anderen Sinnen aufs Sein und seziert das, was es ausmacht. Stets bleibt sie dabei überaus aufmerksam bis in jedes Detail selbst für das, was anderen womöglich als banal gilt oder was sie schlichtweg übersehen. Auch scheinbar Alltägliches bekommt bei ihr auf diese Weise eine andere, oftmals politische Dimension, auch dank ihrer direkten, schnörkellosen Sprachkunst und assoziativen Kraft. Ihr reiches Innenleben und das, was sie um sich herum wahrnimmt, verbindet sie so klug wie lesenswert. Ihre traumwandlerische und dabei treffsichere Literatur eröffnet neue Perspektiven – und das sogar im angeblich Gewöhnlichen, ob in ihrem Garten, in ihrer Stadt oder andernorts. Seht her, so ist das, lautet ihre stille, provokante Botschaft ohne jedes Pathos. Und: Seht hin, ganz genau und noch einmal, bleibt wach. Das unterhält aber auch grandios und geschieht oft mit einem Zwinkern, „denn ich habe einen tief sitzenden Sinn für Komik“. Dabei betrachtet sie Menschen, immer wieder auch die geliebten Tiere und die ihr nahe Natur. Ihre „Gartengeschichten“ beglücken jede Leserin und jeden Leser, die schon einmal gepflanzt und gegossen haben. „Ein Garten ist eine von allen respektierte Art, der Welt mitzuteilen, dass sie einen nicht mehr interessiert“, bekennt sie ironisch in ihrem Erfolgsbuch.

Jetzt, an diesem kalten und dunklen Winterabend, ist nicht auszumachen, was alles Eva Demski da draußen in ihrem eigenen, ihrem legendären „Zaubergarten“ wurzeln und blühen lässt. Aber wie sie darüber geschrieben hat und wie sie davon erzählt, sieht das innere Auge grün und treibt bunte Blüten. Ein traumhaftes Refugium habe sie sich hinter ihrem Zuhause geschaffen, erzählt sie, sommers üppig und wuchernd. „Das hat mich auch dazu animiert, die Gartengeschichten zu schreiben.“

Die weitläufige Wohnung im Dichterviertel, wo sie schon seit Jahrzehnten lebt, strahlt innen einen Stil aus, dem alles Konventionelle fremd zu sein scheint. Bloß kein Prunk. Sehr schön ist es hier zweifelsohne, großzügig gutbürgerlich gerahmt, aber kein bisschen angepasst. Holzfußboden, geschmackvoll komponierte, wenn auch immer noch „ungewohnt frisch stinkende“ Farben, alte Möbel, und – „endlich wieder!“ – die ersten ihrer vielen Originalbilder an den Wänden. Ein großer Gepard beobachtet majestätisch von oben das Geschehen im Wohnzimmer.

Das indirekte Licht unter dem Lampenschirm schafft ein angenehmes Halbdunkel, in dem Eva Demski spricht und schweigt, lächelt und nachdenkt. Zu dieser verwunschenen Atmosphäre passt es, dass sie betont, das Geheimnisvolle zu mögen. „Ich mag es nicht, wenn alles ausgebreitet und entschleiert wird.“ Ihr Blick verengt sich. „Ich mag keine Hierarchien und mag es auch nicht, wenn mich Leute erziehen wollen oder wenn man mir sagt, was angeblich gut für mich ist.“

Obwohl ihr Heim noch immer nicht wieder fertig ist, offenbart es selbst im Übergangsstadium ein individuelles Interieur voller Einzelstücke, Fundstücke und Geborgenheit. Schelmisch beinahe und doch so souverän wie die Siebzigjährige, die es eingerichtet hat. Eine gemütliche Künstlerwohnung, in der sich zwar viel angesammelt hat, aber nichts überladen wirkt oder für alle Zeiten platziert zu sein scheint.

Und das macht auch die namhafte Frankfurter Schriftstellerin aus. „Ich finde leichtes Gepäck einfacher, als gegenstandsfixiert zu sein“, bekennt sie. Sich nicht zu sehr an Dinge zu hängen und damit immer offen für die weitere Lebensreise zu sein, dafür stehen auch die Koffer, in denen sie daheim ihre Kostbarkeiten hortet „und in den Schrank packt“. Folgerichtig waren in einer Ausstellung zu ihrem Siebzigsten im vergangenen Mai ihre Manuskripte und viele andere literarisch-künstlerische Exponate in aufgeklappten Koffern zu besichtigen.

Manch einer interpretierte die Koffer als Symbol dafür, dass die scheue Rebellin zwar schon sehr lange in Frankfurt lebt, aber doch nie ganz und gar angekommen sei. Beinahe, als sei sie in dieser kleinen Metropole des ständigen und großen Wandels, die vielen nur eine urbane Durchgangsstation ist, stets auf dem Sprung geblieben. Als hielte sie sich ein Hintertürchen auf, um schnell ihr Bündel schnüren und wieder abreisen zu können. Einmal hat sie gesagt, dass sie Frankfurt ganz eigen wie einen „hässlichen Hund“ liebe. Ihr gespaltenes, aber von steter Neugier gespeistes Verhältnis zur Stadt der Umbrüche hat sie immer wieder in Reden und Schriften thematisiert. Zwischen Pamphlet und überraschender Entdeckungsreise kommt folgerichtig auch „Frankfurt ist anders – Mein Stadtplan“ daher, aber letztlich getragen von tiefer Sympathie. In ihrem jüngsten Buch setzt sie sich mit der „Weltstadt, die aus Dörfern besteht“, auseinander. Darin rechnet sie keineswegs mit Frankfurt ab, sondern erkundet es kenntnisreich mit leise spöttischem Demski-Blick.

Anders als ihre zumindest baulich beständige Geburtsstadt Regensburg prägten ständige Metamorphosen den als „kalten Bankenplatz“ gescholtenen Ort, der sich unaufhörlich und über Nacht immer wieder selbst umgrabe. Sie schreibt: „Frankfurt wälzt sich auf seinem bisschen Platz wie ein Schlafloser auf zerknitterten Laken.“

Dabei genau zuzusehen, das wollte sie dann doch nicht missen. „Etwas Mächtiges hat mich gehalten.“ Und sie blieb. Sie hat der Stadt und dem Publikum viel gegeben, wie auch ihr Vater Rudolf Küfner, der als Bühnenbilder beim Hessischen Rundfunk arbeitete. „Ich war gerade neun Jahre alt, als wir 1954 von Regensburg herzogen, wir in Wiesbaden und Frankfurt lebten und er Ausstattungschef in den Fernsehgründungsjahren wurde.“ Sie deutet in Richtung des nahen Funkhauses am Dornbusch.

Die in den 1970er Jahren erfundenen kleinen Pausenkatzen etwa, die so niedlich über eine weiße Würfel-Pyramide mit den „hr“-Buchstaben turnen, sind Vater und Tochter zu verdanken. Der Wurf entstammte einem Frankfurter Tierheim, und Rudolf Küfner rettete ihn vor dem Einschläfern. Seine Tochter, seinerzeit Mitarbeiterin bei der Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“, drehte mit Musikredakteurin Swantje Ehrentreich einen halbstündigen Low-Budget-Film, der in verschieden langen Versionen als Pausenfüller zu sehen war und schnell Kultstatus erlangte. Die Würfel hatte ihr Vater gebaut.

Der preisgekrönte Katzenfilm war so erfolgreich wie folgenreich: Denn nachdem zig Zuschauer angerufen hatten, um die Kleinen aufzunehmen, produzierte der Sender von Mitte der 1970er Jahre an die nicht minder beliebte Tierheim-Serie „Herrchen gesucht“.

Ach ja, die Tiere, mit denen Eva Demski derart gerne lebt, vor allem eine große Katzenliebhaberin ist sie wahrlich. Als habe er das Stichwort gehört, streckt vorsichtig ihr Kater den Kopf aus dem Nebenzimmer. Es könnten ja noch Handwerker in der Nähe sein. „Stalker“, ruft sie ihn leise. Stalker? „Er hat meine Fanny gestalkt, denn er fand sie toll und sie ihn nicht.“ Einseitige Zuneigung kann fatal sein.

Bei Frankfurt und Eva Demski ist die Sympathie unterm Strich dann doch beidseitig. Obwohl die freigeistige Schriftstellerin der Stadt nicht immer einen schönen Spiegel vorhält, oder vielleicht gerade deshalb, hat Frankfurt sie oft geehrt.

Andernorts hat Eva Demski viele bedeutende Auszeichnungen wie den Preis der Klagenfurter Jury, den Kulturpreis Regensburg oder die Brüder-Grimm-Professur der Universität Kassel bekommen. Aber auch ihre sperrige Wahlheimat ließ es sich nicht nehmen, ihr geradezu in Serie für ihr bedeutsames Wirken zu danken. Sie war Stadtschreiberin von Bergen, hat die Goetheplakette der Stadt Frankfurt erhalten, übrigens ebenso die des Landes Hessen – und überdies den Preis der Frankfurter Anthologie. Bei deren Verleihung sagte der berühmte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, mit dem und dessen Frau Tosia sie gut befreundet war, über Eva Demski: „Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist.“

Sie hat viel erreicht. Aber sich ganz zurückzulehnen, darauf käme Eva Demski nicht. „Nach wie vor gehört das Schreiben unbedingt zu einem gelungenen Tag dazu“, sagt sie. „Ich sitze aber nicht lange im Computer, sondern ich schreibe nach wie vor viel mit der Hand.“ Am liebsten „schreibe ich das, was ich so noch nicht geschrieben gefunden habe“. Über aktuelle Projekte spreche sie nicht so gerne, aber sie verrät, dass sie die Geschichten aus ihrem „Katzenbuch“ gerne neu erzählte. „Das ist wie eine kleine Ernte von Samenkörnern, die man wieder neu in den Boden steckt.“

Was gehört für sie noch zu einem guten Tag? „Ich schlafe gerne lange, wenn der Kater mich lässt.“ Im Halbdunkel zieht sie die Schultern hoch. „Ich habe gerne lange und leere Zeit, um die Gedanken in Sprache sinken zu lassen.“ Sie gehe oft raus an den Main oder beobachte das Geschehen in Parks und auf Plätzen. Und im Sommer liebe sie das Eschersheimer Freibad, weil es „so weitläufig ist und viele alte Bäume hat“. Zudem liebe sie die Oper. Und schon wieder haut sie leise einen dieser Demski-Sätze raus: „Das fegt mich total zusammen und packt mich im Genick.“ Sie versackt im Sofa. „Nach Wagner bin ich richtig fertig.“ Es müsse aber nicht nur die hohe Kultur sein. „Manchmal gucke ich auch lang und blöd Fernsehen.“

Eva Demski ist viel herumgekommen, ob Thailand, Brasilien oder Nordafrika. Sie hat in Dublin gelebt, ein Venedig-Buch geschrieben und die Katzen von Montmartre im Bildband gewürdigt. „Ich bin früher wahnsinnig gern gereist“, sagt sie, „aber gerade habe ich keine Lust zum Herumstreunen in aller Welt“. Sie verschränkt die Hände. „Das kann sich aber wieder ändern.“

Erst einmal renoviert sie ihre Wohnung fertig. Später wolle noch eine Freundin kommen, um sich einige Exemplare des Frankfurt-Buches signieren zu lassen. Darin bekennt sie dann doch: „Ich liebe die kleine Stadt, das kann man mir ruhig glauben.“

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