Kühler Kopf unter der Narrenkappe: Dietmar Pontow hat die Ruhe weg.
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Kühler Kopf unter der Narrenkappe: Dietmar Pontow hat die Ruhe weg.

Folge 110: Fastnachter Dietmar Pontow

Der rote Faden: Der Tambourmajor

  • vonKatja Gußmann
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Karneval ist eine ernste Sache. Wenn Dietmar Pontow am Fastnachtsdienstag den Umzugswagen in Klaa Paris erklimmt, den letzten im Zug, dann ist er hochkonzentriert.

Karneval ist eine ernste Sache. Wenn Dietmar Pontow am Fastnachtsdienstag den Umzugswagen in Klaa Paris erklimmt, den letzten im Zug, dann ist er hochkonzentriert. Das Funkgerät in der Tasche, das Handy im Anschlag, ist er bereit für alles, was ihn an diesem fröhlichsten aller Heddernheimer Tage im Jahr erwarten mag. Schlag 14.31 Uhr fällt der Startschuss für die 111 Zugnummern, die sich durch die engen Gassen des alten Frankfurter Stadtteils schlängeln. Dann hat Pontow, der hochgewachsene Mann mit dem weißen, wohlgestutzten Bart und der tiefen Stimme, schon viel geleistet. Hat dafür Sorge getragen, dass alle, ob Garde, Fanfarencorps oder Fastnachtswagen ihren Platz im Zug gefunden haben, hat Polizei und Ordnungsamt beruhigt und genügend Ordner an der Strecke postiert, die notfalls per Funkgerät Verstärkung holen können, wenn’s am Straßenrand gefährlich lustig wird.

Er hat die Ruhe weg. Anders lässt sich nicht erklären, wie ein Mann 28 Jahre lang einen Karnevalsverein leiten kann. Wie er seit 1986 Jahr um Jahr mit seinen Mitstreitern für die gute Fastnachtslaune einen Zug in Klaa Paris auf die Beine stellen kann. Wie er – der Karneval genügt ihm nicht – 1992 die AG Heddernheim ins Leben rufen und 1996 Vorsitzender des Vereinsrings Heddernheim werden und bleiben kann bis zum heutigen Tag. Nun ist sein geliebter Stadtteil um eine Kerb, ein Straßenfest, einen Wochenmarkt und einen Weihnachtsmarkt reicher. Weil einer wie Pontow es schafft, viele Menschen unter einen Hut zu bringen. Egal, wie närrisch das menschliche Treiben um ihn herum ist – er bewahrt einen kühlen Kopf. Selten war das so nötig wie in diesem Jahr. Nach den Anschlägen in Paris auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ schrillen auch in Deutschland die Alarmglocken lauter. Großveranstaltungen müssen noch höhere Sicherheitsauflagen erfüllen. Die Funkgeräte für die Ordner sind neuerdings Pflicht, auch beim Fasching – und schlagen bei den Kosten spürbar zu Buche.

Zum Glück kann Pontow nicht nur einen klaren Kopf bewahren, sondern auch gut rechnen. Genau genommen ist er, mit diesen Vorzügen gesegnet, der geborene Vereinsvorsitzende. In nüchterner Selbsterkenntnis sagt der Vereinsmensch Dietmar Pontow: „Es hätte auch ein Fußballverein sein können.“ Organisieren konnte er schon immer gut. „Das liegt mir im Blut.“ Es waren aber die Heddemer Käwwern, die sein Leben gestürmt haben wie die Frankfurter Narren den Römer. Nur mit dem Unterschied, dass sich die Besetzung mit dem Ende der fünften Jahreszeit nicht auflöste, sondern zur Dauerbelagerung wurde, die schließlich in ein Lebensgefühl mündete. Klaa Paris ist für Dietmar Pontow Heimat. Das sagt er nicht so dahin. Er hat sogar als Stadtteilhistoriker die 175-jährige Geschichte von Klaa Paris zu Papier gebracht und in Buchform vergangenes Jahr veröffentlicht.

In Heddernheim und seinem Vereinsleben hat der Mann Wurzeln geschlagen. Er steckt den Schlüssel ins Schloss der Turnhallentür an der Habelstraße so selbstverständlich, als öffne er die eigene Haustür. Nimmt die Stufen hinab in den Keller wie im Schlaf, vorbei an den Heizungsrohren – „Fort Knox“, scherzt er – und führt hinein in den Vorstandsraum der „Zuggemeinschaft Klaa Paris“. Ein einfacher Raum, Brauereistühle, ein schmaler Tisch, ein paar Bilder aus der Fastnachtszeit an den holzverkleideten Wänden. Hier wird nicht gefeiert, hier wird gearbeitet.

Warum also die Fastnacht? Dietmar Pontow lächelt. Bald feiert er 71. Geburtstag und strahlt dabei eine Vitalität aus, um die ihn manch ein Jüngerer beneidet. Er denkt zurück an die Anfänge seines Karnevalistenlebens: Das Feiern war’s, was ihm Spaß machte als junger Mann. Nicht die Büttenrede, nicht der Gardetanz, diese Ingredenzien der Fassenacht sollte er erst später kennen lernen. „Meine erste Begegnung mit der Fastnacht in Frankfurt war Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Da hatte die Polizei die Zeil abgesperrt und alle haben dort Musik gemacht und einfach gefeiert“, erinnert er sich.

Das Konfetti wurde ihm jedenfalls nicht in die Wiege geworfen, auch wenn sein Geburtstag auf einen Fastnachtssamstag fiel: Dietmar Pontow kommt 1944 in einem kleinen Ort in Pommern zur Welt – Karneval feiert hier niemand. Erst ein halbes Jahr ist er alt, so erzählt er, da werden Vater und Mutter eingezogen zu einer Fernmeldeeinheit in Frankreich. Die Eltern geben ihr Baby in die Obhut der Großmutter. Doch das noch größere Drama nimmt seinen Lauf, als nach Kriegsende die Grenzen schließen und Mutter und Kind für ein ganzes Jahrzehnt getrennt bleiben. Pontow wächst bei seiner Oma und der jüngeren Schwester seiner Mutter in Schönlanke auf, unweit seines Geburtsorts. Auch der Opa kehrt nach dem Krieg nicht heim, er lebt in Schwerin, will seine Familie nachholen – auch er wird zehn Jahre warten müssen. Pontows Mutter strandet nach Kriegsende in Frankfurt, der Vater geht eigener Wege. Dietmar Pontow wird ihn nur einmal in seinem Leben wiedersehen. „Jeden Monat hat meine Mutter ein Päckchen geschickt mit Spielsachen und Bilderbüchern, das war meine Verbindung zu ihr“, erzählt der gestandene Mann, dessen Blick aus blauen Augen sehr weich werden kann. Erst 1954 kommt es zur Familienzusammenführung.

„Für mich war das ein Abenteuer“, erzählt er von der großen Reise mit Station in zwei Durchgangslagern bis zur Ankunft beim Opa in Schwerin. Ein paar Wochen muss der Zehnjährige noch abwarten, dann kann er endlich seine Mutter umarmen, die ihn nach Frankfurt holt, zu sich und ihrem neuen Ehemann in eine kleine Wohnung in Bornheim.

Als er in die große Stadt kommt, spricht er kein Wort Deutsch. „In Polen war ich in der Schule der ,Deutsche‘, in Frankfurt war ich der ,Pole‘“, erzählt er von der Schwierigkeit als Kind, sich heimisch zu fühlen. Vielleicht ist es diese kleine, offene Wunde seiner Kinderseele, die später der Faschingsverein so sanft und fest zu schließen vermag. Ein Verein, der mit dem Stadtteil so tief verwurzelt ist, in dem sich viele Menschen begegnen wie in einer großen Familie. Doch noch ist es nicht so weit. Pontow muss sich als Junge durchbeißen. „Auf dem Schulhof waren sie zu dritt auf mir drauf. Da musste ich mir Respekt verschaffen“, erzählt er und lässt keinen Zweifel daran, dass ihm das gelungen ist. Als guter Fußballer findet er schließlich Freunde, und die Lehrer erkennen in ihm das Potenzial für die Realschule, auch wenn er anfangs kein Wort Deutsch spricht. „Einer meiner Lehrer kam auch aus Preußen, er half mir, die Sprache zu lernen.“

Doch als wäre das Leben nicht schon hart genug gewesen, mussten der Junge und seine Mutter den nächsten Schicksalsschlag verkraften. „Ich war keine vier Wochen bei meiner Mutter in Frankfurt, da starb mein Stiefvater an einem Herzschlag in unserer Wohnung“, erzählt er und lässt ahnen, wie schwierig für Mutter und Sohn diese Zeit war.

Im Anschluss an die Mittlere Reife absolviert er eine Lehre als Baukaufmann. „Bauten, Gebäude, Fertigung – das interessierte mich, Fernsehtechniker wäre ich auch gerne geworden. Aber für den Baukaufmann bekam ich die Zusage.“ Und so bleibt Pontow von der Lehre bis 1980 bei seinem Betrieb, der Siemens Bauunion, die später von Dyckerhoff & Widmann übernommen wurde. Anschließend arbeitet er für die Heizungsbaufirma Halbleib in Heddernheim, deren Inhaber Fritz Halbleib Statthalter von Klaa Paris ist.

Aber wie kam er in den Stadtteil, der für ihn Heimat werden sollte? Pontow lacht. Seine Frau steckt dahinter oder besser – die erste gemeinsame Wohnung. Und auch hier ist er beständig: Noch heute wohnt das Paar im selben Haus in der Antoninusstraße. „Kennengelernt hab’ ich meine Frau 1962 an der Jukebox in den ,Edenstuben‘ in der Waldschmidtstraße“, ein ganz verschmitztes Lächeln macht sich in seinem Gesicht breit. „Sie sah gut aus, war schwarzhaarig, ich blond, das passte.“ Wie der Topf zum Deckelchen, sagt Tochter Michaela heute über ihre Eltern. Als sich die beiden begegnen, ist Ingeborg 15, er drei Jahre älter. Die Fröhlichkeit weicht nicht aus Pontows Erzählung, wenn er von der ersten Begegnung mit den Schwiegereltern in spe erzählt: Auf dem Wäldchestag war es, er mit Ingeborg Händchen haltend, stehen sie plötzlich vor dem jungen Paar. Doch noch ehe ein Donnerwetter ergehen kann, kann Pontow, der Fußballer, den Vater seiner zukünftigen Braut für sich gewinnen – der ist Eintracht-Frankfurt-Fan, das verbindet. Drei Jahre später heiraten Ingeborg und Dietmar, die dieses Jahr ihre goldene Hochzeit feiern werden.

Als sie damals ihre Wohnung in Heddernheim beziehen, ahnen sie noch nichts von Klaa Paris, das sie hier erwartet. Erst als ein Freund Dietmar mit zu einem Theaterabend der Heddemer Käwwern nimmt, springt der Funke über. Ihm gefallen die Gemeinschaft und die vielen Aktivitäten im Verein: Theater spielen, Fahrradtouren, Zelten – und die Fastnacht. Am 1. November 1971 wird er Mitglied der Käwwern. Kaum dass er sich’s versieht, ist er im Vorstand, wird Redakteur der Käwwernzeitung und findet sich im Clownskonstüm wieder. Und seine Frau? Hat es genäht. Die Tochter Alexandra ist gerade zwei Jahre alt, Tochter Michaela kommt 1974 zur Welt. Die Mädchen tanzen in der Garde mit, Mutter Ingeborg trainiert den Tanznachwuchs, schminkt die Mädchen und behält die Fäden hinter der Bühne in der Hand, während ihr Mann dem Elferrat vorsitzt. Vater Dietmar übernimmt nämlich 1979 den Vorsitz des Vereins und leitet ihn 28 Jahre lang, bis zum 125. Vereinsjubiläum. Heute ist er Ehrenpräsident. Für sein vielfältiges Engagement erhält er 2004 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt. „Über diese Anerkennung habe ich mich sehr gefreut. Das hat mich sehr überrascht.“ Und betont: „Ohne meine Familie wäre dieses Engagement nicht möglich gewesen.“ Er ist sehr stolz auf seine Damen – Tochter Michaela war sogar Frankfurter Fastnachtsprinzessin, Kinderprinzessin sowieso, Alexandra leitete jahrelang den Kinderfasching und war auch im Vorstand der Käwwern aktiv. Die ganze Familie, inklusive der Enkel, ist vom Fastnachtsvirus infiziert. Das freut den Familienmenschen Pontow, der gern bei der Gartenarbeit (natürlich im Heddernheimer Kleingarten) entspannt. Was sicherlich dann und wann von Nöten ist, denn Vereinsarbeit ist selbst im Faschingsverein nicht immer lustig. „Manchmal habe ich mich schon gefragt: Warum tust du dir das eigentlich an?“, sagt er und weiß doch gleich die Antwort. Für Heddernheim macht er es, für die Gemeinschaft. Da erschallt plötzlich ein Fastnachtslied, Pontow greift in die Tasche, zieht das tönende Handy hervor und ist schon wieder mitten

in der Arbeit – der Countdown läuft, nur noch wenige Tage bis zum Umzug. Erst wenn am Fastnachtsdienstag die letzte Zugnummer am Ziel angekommen ist, wenn er von seinem Wagen heruntersteigt und die Polizei ihm vermeldet „Keine Zwischenfälle“, dann kann auch er die ernste Seite der Fastnacht vergessen und seinem Klaa Paris sein ganz persönliches „Helau“ zuflüstern.

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