"Frankfurt ist eine globale Stadt", sagt Nargess Eskandari-Grünberg - und kreiert in ihrem Büro die passende Symbolsprache.
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»Frankfurt ist eine globale Stadt«, sagt Nargess Eskandari-Grünberg - und kreiert in ihrem Büro die passende Symbolsprache.

Folge 117: Grünen-Politikerin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg

Der rote Faden: Die Weltempfängerin

  • vonMark-Joachim Obert
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Neulich waren es Kinder, die ihr demonstrierten, wie kompliziert das ist mit der Integration, die sich nicht verordnen lässt wie ein Tempolimit, nicht planen lässt wie ein Wohnquartier. Dr.

Neulich waren es Kinder, die ihr demonstrierten, wie kompliziert das ist mit der Integration, die sich nicht verordnen lässt wie ein Tempolimit, nicht planen lässt wie ein Wohnquartier. Dr. Nargess Eskandari-Grünberg, seit 2008 die Integrationsdezernentin Frankfurts, saß vor einer Grundschulklasse, die ganz offensichtlich repräsentierte, wovon die grüne Stadträtin am liebsten spricht: Vielfalt.

Also fragte Nargess Eskandari-Grünberg die Kinder, woher sie denn kämen. „Ich bin Türke“, kam aus einer Ecke. „Ich bin Araber“, aus einer anderen. Und so ging es fort.

Dann fragte sie: „Wer ist Frankfurter?“

„Ich. Ich. Ich“, riefen die Kinder.

„Und wer ist Deutscher?“

Kein Kind meldete sich, worauf Nargess Eskandari-Grünberg fragte: „Wer von euch hat einen deutschen Pass?“ Nun meldeten sich alle. Da wollte es die Integrationsdezernentin genau wissen. „Warum sagst du, dass du kein Deutscher bist?“, fragte sie einen Jungen.

„Das nimmt mir doch keiner ab“, antwortete der Junge, „es ist einfacher zu sagen: Ich bin Türke.“

Da sagte Nargess Eskandari-Grünberg: „Du musst anderen sagen, dass du Deutscher bist. Ihr seid deutsche Kinder.“

In ihrem Büro in der Lange Straße sitzt Nargess Eskandari-Grünberg, atmet hörbar tief durch und lässt die Anekdote für einen Augenblick nachwirken. „Identitätskrise“, sagt sie schließlich, „das kommt dabei heraus, wenn man sich als Mensch zweiter Klasse fühlt.“

Womöglich tut das der Junge gar nicht, womöglich misst Nargess Eskandari-Grünberg diesem Erlebnis zu viel Bedeutung bei. Wo Integration gelingt, wo sie schon zu scheitern beginnt, ist im Großen wie im Kleinen ja schwer zu messen. Wer kann schon in Köpfe schauen? Das macht es auch für die Politik schwierig, in Zeiten wie diesen allemal. Grundschul-Rektoren schlagen zunehmend lauter Alarm, in Problembezirken seit langem. Man hört und liest unentwegt von Jugendlichen, die sich ausgegrenzt und abgehängt fühlen, nicht gewollt von der Gesellschaft; manche von ihnen treibt es in die Arme von Islamisten, Salafisten, Dschihadisten. Zerrissen zwischen sittenstrengem Elternhaus und westlichem Wertesystem und Leistungsdenken, finden sie bei denen Halt, die ihnen ein einfaches Identitätsmodell anbieten, die ihnen Selbstbewusstsein geben, die ihnen zuhören – um sie anzustacheln. Auch in Frankfurt, der liberalen Stadt, geschieht das. Nun steht die Gesellschaft vor einer neuen Herausforderung, die Flüchtlingsströme werden stärker. Im Zwiespalt zwischen Bürokratie und Humanismus, zwischen Asylpolitik und der Würde im Grundgesetz muss sich das Wertesystem, von dem so oft die Rede ist, erst recht bewähren.

„Wir brauchen eine Willkommenskultur“, sagt Nargess Eskandari-Grünberg, „wir müssen dafür die Strukturen ändern.“

Aber mangelt es Frankfurt an Willkommenskultur? Ausgerechnet der Stadt, die sich wie kaum eine andere für Weltoffenheit engagiert und dafür weithin gepriesen wird? Seit bald 26 Jahren gibt es hier das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten, Grünen-Vordenker Daniel Cohn-Bendit war sein erster Chef. Man bot Sprachkurse an, man unterstützte Moscheebauten, man half Migranten durch den Dschungel der Bürokratie, man feierte auf Straßenfesten die Multikultur als folkloristische und kulinarische Bereicherung und vertraute darauf, dass die Vorzüge der freien Gesellschaft allein schon integrationsfördernd wirken würden. Das war der Trugschluss.

Vor einem Vierteljahrhundert mochte die Strategie noch verfangen. Motiviert von bürgerlichem Aufstiegsstreben galt in der dritten Migrantengeneration Scheitern als persönliches Versagen. Mangelnde Schulbildung und Teilhabe lasteten Zuwanderer und ihre Nachkommen nicht der Gesellschaft an, entsprechend groß waren Ehrgeiz und Anspruch, dazuzugehören. Es hat sich auch einiges verbessert seit damals, so bauen heute mehr Jugendliche mit türkischen und arabischen Nachnamen ihr Abitur als je zuvor. Mehr denn je aber bereiten all jene Sorgen, die am unteren Rande aufwachsen und nicht nach oben kommen. Viele von ihnen geben nicht mehr sich die Schuld dafür, sondern der Gesellschaft. Zum Teil nicht grundlos: Perspektivlosigkeit ist in Deutschland noch immer Erblast und herkunftsabhängig, im internationalen Vergleich schneidet das Land mittelmäßig ab. Bei den Zukurzgekommenen nehmen Aggression und Ablehnung zu, eben bis in die Extreme. Dass viele erst gar keine Anstrengungen mehr unternehmen, an sich selbst zu arbeiten, sich einzugliedern, ist der andere Teil der Wahrheit. „Wir müssen uns mehr um diese Leute kümmern“, sagt Nargess Eskandari-Grünberg. „Wir brauchen Chancengerechtigkeit.“ „Wir müssen Freiheit für jeden gestalten.“

Diplomatie als Schutz

Sie sagt zur schwierigen Debatte gern Sätze, die jeder unterschreiben würde, so wie viele Politiker im Talkshow-Zeitalter das tun. Ihr Feld ist besonders vermint, Diplomatie mag da auch dem Selbstschutz dienen. Wer Toleranz und Akzeptanz einfordert, muss Intoleranz und Ablehnung anprangern – auf allen Seiten. Das provoziert nicht selten heftige Reaktionen – von allen Seiten. Sie hat schlimme Erfahrungen gemacht. 2007, sie war Stadtverordnete, ließ sie sich im Konflikt um eine in Hausen geplante Moschee von aufgebrachten Bürgern aus dem Stadtteil zu einem Satz hinreißen, einem harmlosen, für eine Politikerin aber unglücklichen Satz. Man muss ihn hier nicht niederschreiben, man muss es nicht aufwärmen. Nargess Eskandari-Grünberg und ihr Mann, der jüdische Psychoanalytiker Kurt Grünberg, wurden zur Zielscheibe einer Internet-Kampagne: Rassismus, Antisemitismus, Hass. Sie erhielt Polizeischutz. „Und trotzdem kamen die bis an unser Haus. In unserem Briefkasten lagen Morddrohungen.“ Sie hat ihr Privatleben immer aus der Öffentlichkeit zu halten versucht, seither ist es tabu. Ja, sagt sie, sie hat zwei Töchter. Und ja, eine ist Künstlerin, „sehr erfolgreich“. Das muss reichen.

Man hat sie damals auch ihrer Herkunft wegen beschimpft. In Teheran ist sie im Februar 1965 zur Welt gekommen. „Geh zurück zu den Mullahs“, so lauteten noch die zitierfähigen Aufforderungen. Sie in die islamistische Ecke zu stellen, ist absurd. Sie hat unter dem Mullah-Regime im Iran gelitten, sie hatte von Jugend an den religiösen Eiferern misstraut. Aus einem elitären Elternhaus stammt sie, der Familie ging es im Schah-Regime gut. Unternehmer war der Vater, Hausfrau die Mutter, westlich orientiert lebten sie. Nargess und ihr Bruder besuchten Privatschulen. Sie habe das Privileg auch als Verpflichtung verstanden, denen zu helfen, denen es nicht gut ging, sagt sie. „Unreligiös und eher links“ sei sie damals schon gewesen. Sie hat sich später als Frankfurter Stadtverordnete gegen das Kopftuch in der Verwaltung ausgesprochen, das aktuelle Pro-Kopftuch-Urteil aus Karlsruhe kommentiert sie unentschieden. Sie prangert die Unterdrückung der Frau in der islamischen Welt an, über Extremisten sagt sie kategorisch: „Mit denen reden wir nicht.“

Nach der Islamischen Revolution 1979 demonstrierte sie gegen den neuen Gottesstaat, auf ihr erstes Plakat hatte sie nur ein Wort geschrieben: „Freiheit.“ Sie war erst 14. Sie hätte nie geglaubt, dass der Gottesstaat auch Schüler brutal straft. Das war ein Irrtum.

Freiheit. Neben Vielfalt ist es das andere Wort, das ihr politisches Denken beflügelt. „Wir haben in Deutschland lange Zeit nicht ernst genommen, was Freiheit mit sich bringt“, sagt sie, „Freiheit beginnt in den Köpfen. Freiheit bedeutet auch, anderen die Freiheit zu geben, an unserer Gesellschaft teilzunehmen, die eigenen Werte zur Disposition zu stellen, zuzulassen, dass mir jemand auf Augenhöhe begegnet.“ Sie ballt die Faust, wenn sie so spricht, lässt sie immer wieder auf den Tisch sinken, dass die Armreife klackern. Ihr Blick bekommt dann etwas Herausforderndes, den Hals streckt sie nach vorn.

Es dauert auch an diesem Tag in ihrem Büro nicht lange, da geht es um das große Ganze. Sie hat 2009, da war sie kein Jahr im Amt, ein 62-seitiges Konzept für Frankfurt vorgelegt, Integration und Diversität sind seine Schlüsselbegriffe, „Vielfalt für Frankfurt“ ist sein Titel. Detailliert beschreibt es eine Metropole im Spannungsfeld zwischen der Vielfalt der Nationen, Ethnien und Kulturen als Tatsache und der Freiheit jedes Einzelnen als Verpflichtung und Selbstverantwortung.

Das alles erscheint soziologisch fundiert und ist durchdrungen von guten Absichten. Auf bald jeder Seite ist ein hehres Ziel formuliert, fördern und fordern ist die Maxime. Nargess Eskandari-Grünberg ist stolz auf dieses Konzept, es spricht ihr sozusagen aus der akademischen Seele. Dass sie nicht gerade als pointierte politische Rednerin gilt, kommt nicht von ungefähr, sie mag es abstrakt. „Die Dinge sind nun mal sehr komplex“, sagt sie, „nur Extremisten wie Islamisten und Rechtsradikale geben einfache Antworten.“

Das stimmt zweifelsohne. Aber da Politik nun einmal nicht Wissenschaft ist, sondern Gestaltung, stellt sich die Frage nach konkreten Konzepten eben doch. Bildungsferne, mangelnde Sprachkenntnisse, kaum Chancengerechtigkeit, wenig Teilhabe, Wertekonflikte, Parallelgesellschaft . . . Wo wird nun systematisch gefördert und gefordert? Es bräuchte viel mehr Streetworker, am besten muslimische. Die Moscheeverbände müssten endlich Jugendarbeit leisten, Lehrer müssten konsequent geschult werden. Wird alles seit langem gefordert, das alles sagt sich, zugegeben, so einfach. Und dennoch: Wenn immer mehr Gruppen ausgegrenzt sind, passiv und aktiv, scheitert Integration, scheitert Integrationspolitik. Beim besten Willen auch in Frankfurt. Ist es nicht so?

Als Wissenschaftlerin dürfte Nargess Eskandari-Grünberg dem zustimmen, insgeheim jedenfalls. Sie hat dieser Tage selbst einmal mehr in den Römer gebeten, um eine alarmierende Studie einer Universität vorzustellen. Es ist eine jener Analysen, die einen offenkundigen Makel zahlen- und faktenreich belegen: Es gibt immer noch zu wenig Migranten als Lehrer, als Polizisten, in der Verwaltung. Nach 60 Jahren deutscher Zuwanderungsgeschichte. Da läuft doch was schief?

Die Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg sagt: „Integration scheitert nicht.“

„Aber wo sind kontinuierliche Projekte?“

„Mein Ziel war es nicht, Projekte der Projekte wegen zu machen, mein Ziel ist es, die Denkweise zu verändern. Dafür braucht es Geduld.“

Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit im Frühjahr 2008 hat sie sich die Sprache in der Verwaltung vorgenommen. „Maßnahmen für Ausländer“ stand da überall in den Papieren, zu bürokratisch und überheblich fand sie das. Sie hat interkulturelle Schulungen für Polizisten, für Altenpfleger, für Museumspädagogen initiiert. Sie hat interreligiöse Begegnungen organisiert: Imame besuchten die Synagoge, Rabbis besuchten Moscheen. Sie hat Workshops für Imame angeboten, westliche Werte und Lebensweisen standen auf dem Stundenplan. Es gibt sie ja, die Projekte. Nur befördern sie in ihrer Einzigartigkeit wirklich neue Denkweisen? Sind sie wirklich das, was besonders Grüne gerne „nachhaltig“ nennen?

Geduld strapaziert

Manchmal ist Nargess Eskandari-Grünberg spürbar selbst kurz davor, die Geduld zu verlieren – mit denen, die sie als ungeduldig identifiziert, Kritiker vor allem. Unlängst hat sie an 16 Schulen ihr Projekt „Eltern in die Schule“ gestartet. Die Lehrer sollen sich überlegen, wie sie Migranteneltern zur Teilnahme animieren, mit niedrigschwelligen Angeboten, wie man sagt. Das Problem ist bekannt: Beim Elternabend stehen Konflikte und schlechte Noten auf der Tagesordnung, und die, deren Kinder es betrifft, kommen nicht. Die Schulen bekamen Geld dafür. Und nun? Was geschieht damit? Was werden sich die Lehrer ausdenken? Ein Kollege dieser Zeitung kommentierte es scharf: „Zu kurz gedacht. Die Politik macht es sich zu einfach.“

Zu einfach machen. Diesen Vorwurf kann Nargess Eskandari-Grünberg gar nicht ab: „Ich nehme meine Sache sehr ernst.“ Es könnte sein, dass andere sie nicht ganz so ernst nehmen.

Wer ein wenig von Stadtpolitik versteht und vom Frankfurter Dezernat XI für Integration, weiß, dass vor allem Nargess Eskandari-Grünberg Geduld braucht. Wie alle ihre Vorgänger ist auch sie ehrenamtlich tätig, zwei Tage die Woche plus zahlreiche Abendtermine. Von Beruf ist sie Psychotherapeutin, sie hat eine Praxis im Westend. Für die Familie bleibt da nicht viel Zeit, ihr Mann, sagt sie, beklage sich zuweilen. Die Hobbys kommen auch zu kurz. Sie liebt klassische Musik, sie spielt gern Tennis, weil sie mit dem Schläger in der Hand ihren ganzen Frust am gelben Filzball abladen kann. Sie liest viel, im Urlaub 2500 Seiten, sie geht gern ins Kino, oft spontan und allein, wenn sich ein Zeitfenster auftut. Selten ist das der Fall, 13 Stunden haben ihre Tage.

Wer sich aus Überzeugung mit Leidenschaft aufreibt, braucht Anerkennung. Vor der Kommunalwahl 2011 forderte die Ausländervertretung, das Dezernat in Vollzeit führen zu lassen. Die schwarz-grüne Koalition lehnte ab. Integration sei ohnehin eine dezernatsübergreifende Angelegenheit, hieß es. So ist Politik: In einer Regierung sitzen die größten Gegner in den eigenen Reihen, im eigenen Kabinett, im eigenen Magistrat.

Dort werden die Gelder verteilt und damit die Macht. Unschwer vorstellbar, was das für eine Ehrenamtlerin bedeutet, zumal sie ohne die Dezernate für Bildung, Soziales, Kultur nur wenig ausrichten kann. „Bei denen genießt Integration nicht oberste Priorität“, heißt es aus Eskandari-Grünbergs Umfeld. Denkweisen und Strukturen ändern, da fängt’s wohl an. Nargess Eskandari-Grünberg lächelt die Frage nach Geringschätzung, nach Kränkung weg: „Das trifft mich persönlich nicht“, sagt sie.

Die Grünen sind ihre politische Heimat. Sie hat sich wenige Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland dafür entschieden, sich zu engagieren. Sie wollte der Gesellschaft, in der sie sich aufgenommen fühlte, etwas zurückgeben. Das ökologische und humanistische Sendungsbewusstsein der noch jungen Partei sprach sie an, dieses unbedingte Engagement für Minderheiten. Das hat viel mit Nargess Eskandari-Grünbergs eigener Geschichte zu tun.

Es ist ja oft von der Integrationsdezernentin mit gelungener Integrationsgeschichte die Rede. 1985 ist sie aus dem Iran geflohen, von ihrer Leidenszeit vor dieser Flucht hat sie nur einmal öffentlich erzählt: 2013 anlässlich des Iran-Tribunals in Den Haag, das die Gräuel im berüchtigten Teheraner Gefängnis Evin verhandelte.

Sie war dort inhaftiert gewesen, wegen ihres Protests als Schülerin. 17 Jahre war sie erst alt, als man sie wegsperrte. Verhöre, Folter, Isolationshaft. Nachts zählte sie die Schüsse. Verwandte von ihr wurden von der islamischen Regierung ermordet, auch sie musste ihr Todesurteil unterschreiben. Aber sie hat niemanden verraten. Nach anderthalb Jahren ließ man sie gehen. Einige Zeit später gelang ihr die Flucht.

An Heiligabend 1985 kam sie in Frankfurt an. Es war kalt, einer der kältesten Winter überhaupt. Sie bezog ein Zimmer in der Nähe des Hauptbahnhofs, sie suchte ein Telefon, um ihre Eltern anzurufen. Sie hatte kein Kleingeld für den Münzsprecher, sie bat Menschen, ihr welches zu geben. Kein Wort Deutsch sprach sie. Sie sagt:

Flüchtlingsgefühle

„Die Freiheit zu spüren, als ich aus dem Flugzeug stieg, das war der glücklichste Moment meines Lebens. Getrennt von meiner Familie zu sein, das war der traurigste Moment. Ich weiß, wie zerrissen sich Flüchtlinge fühlen.“

In der Asylunterkunft lernte sie in nur wenigen Monaten Deutsch, Sprachkassetten hatte sie sich besorgt. Sie schaffte die Aufnahmeprüfung zur Uni, sie studierte Psychologie, sie schrieb ihre Doktorarbeit. Sie gründete eine Familie, sie eröffnete ihre Praxis, sie schloss sich den Grünen an, sie wurde Stadtverordnete, sie leitete den Ausschuss für Integration. Am Karfreitag des Jahres 2008 erlag ihr Vorgänger Jean-Claude Diallo einem Herzinfarkt. Die Grünen schlugen sie als Nachfolgerin vor. Im Frühjahr 2008 ernannte Petra Roth sie zur neuen Dezernentin für Integration – gegen heftigen Widerstand aus konservativen Kreisen.

„Freiheit bedeutet, den anderen, das andere auszuhalten.“ Noch so ein Satz von ihr.

Mancher Beobachter stellt sich seit ihrem Amtsantritt auch die Frage, wie sie wohl bei den Moscheeverbänden ankommt, bei den Imamen. Ob die sie ernst nehmen gerade in diesen Zeiten, da die Grenze zwischen Islam und Islamismus allein schon im Konflikt um Zwang und Entfaltungsfreiheit permanent neu ausgelotet wird.

Nargess Eskandari-Grünberg kleidet sich auffallend, sehr figurbetont, kurze Röcke trägt sie gerne, hohe Stöckelschuhe. Sie hat dazu eine Anekdote. Einmal, als sie eine Moschee besuchte, zog sie ihre Stöckelschuhe aus und stellte sie zu all den anderen Schuhen. Am nächsten Tag war ein Bild in der Zeitung zu sehen, eines mit Hunderten Paaren Männerschuhen – und dazwischen, in glänzendem Schwarz, ihre Stöckelschuhe. Über dieses Bild freut sie sich heute noch. Sie sagt: „Mich muss man manchmal auch aushalten.“

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