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Rübengesichter grinsen in Sachsenhausen im Wildgarten

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Beim traditionellen Runkelrübenfest, das seit 46 Jahren auf dem Abenteuerspielplatz Wildgarten gefeiert wird, präsentieren die Kinder und Teamleiter Tobi Lindenmann ihre geschnitzten Werke. FOTO: michael faust
Beim traditionellen Runkelrübenfest, das seit 46 Jahren auf dem Abenteuerspielplatz Wildgarten gefeiert wird, präsentieren die Kinder und Teamleiter Tobi Lindenmann ihre geschnitzten Werke. © Michael Faust

Runkelrübenfest wurde in Sachsenhausen auf dem Abenteuerspielplatz in der Heimatsiedlung gefeiert.

Kürbisse schnitzen kann jeder. Eine Runkelrübe auszuschaben und ihr ein Gesicht mit einem abgerundetem Messer zu schnitzen, ist schwieriger, weil sie innen genauso hart sind wie außen. Dafür haben die fertigen Runkelrübenkerlchen lustige Zipfel auf den gruseligen und grinsenden Köpfen. 200 nach einer Mischung aus Erde, Kohlrabi und Kraut duftende Runkelmännchen leuchten auf dem großen Tisch unter der Hütte - alle ausgeschabt von Kindern und Erwachsenen, die dabei genauso viel Spaß haben. Nur der Jo (85) guckt grinsend aus etwas Abstand den etwa 200 Kindern am Lagerfeuer zu, in dem Äpfel und Kartoffeln in Alufolie brutzeln.

Das Fest gehört seit 46 Jahren dazu

Seit 46 Jahren gibt es den Abenteuerspielplatz Wildgarten. Ebenso lange schnitzen hier Kinder jedes Jahr lustige und gruselige Gesichter aus Runkelrüben. So, wie Jo es selbst schon gemacht hat, als er noch ein Kind war. Heute ist Jo Mayer Ehrenvorsitzender. Der Abenteuerspielplatz Wildgarten heißt „beim Jo“, sagen alle Großen, die einst selbst als Kinder hier waren. Auf der echten Dampflokomotive, in Baumhäusern, am Matschplatz und auf abenteuerlichen Klettergerüsten.

Ronja (8), Emily (5), Mara (6), Philipp (8) und die anderen Kinder sind voller Elan damit beschäftigt, die klebrig-nassen Futterrüben auszuhöhlen. „Das macht Spaß“, finden sie und naschen zwischendurch vegane Schmalzbrote, Kuchen und duftende Bratäpfel mit Zucker und Zimt. Teamleiter Tobias Lindenmann hat die rund 100 Kids im Griff und erklärt geduldig alles übers Runkelrübenschnitzen, während er mit einer Säge den Boden jeder Rübe abschneidet und den künftigen Hut. Reinhard, der hier mit „Probeenkeln“ aus der Nachbarschaft ist, erklärt Steckrübenrezepte aus seiner Kindheit. „Mit Bauchspeck und Mettenden ist es lecker. Das geht aber nur mit Steck-, nicht mit Runkelrüben“, sagt er. Christine, die seit 1975 in dritter Generation kommt, erinnert sich an Runkelrüben schon damals. „Das gehört jedes Jahr dazu.“ Jo erinnert sich an „Frau Krautscheid“, die von Anfang an dabei war und gerade verstorben ist. „Sie war die Initiatorin und hat mit Spenden den ersten Rasenmäher angeschafft“, erzählt der Mann mit dem rotkarierten Hemd. „Nicht immer war es einfach, aber immer haben hier die Kinder aus der Heimatsiedlung gespielt.“

Drei Dutzend Nationen, die gemeinsam auf 4000 Quadratmeter Grund ihre Welt entdecken. Mit Eltern, „wenn sie nicht stören“, sowie mittlerweile mit einer fest Angestellten und vielen Ehrenamtlichen. Sie legen Beete an, kochen zusammen und spielen Lokomotivführer. „Ohne Eltern dürfen Kinder von sechs bis 12 Jahren kommen“, erklärt Teamleiter Lindenmann.

Jugendliche helfen ehrenamtlich

Jugendliche ab 14 Jahren sind ebenfalls hier. Aziz (21) stammt aus Afghanistan, kommt seit sieben Jahren her. Ehrenamtlich kümmert er sich um den Spielplatz. Jetzt holt er die Kartoffeln und Bratäpfel aus dem Feuer. Sein Kumpel Daniel ist Elektriker, war ebenfalls schon als Kind hier, und hilft jetzt mit.

Das Gewusel, Gelächter und Geschnatter ist groß auf dem wilden Idyll, in dem Kinderträume wahr werden. Seit 1975 gibt es Ferienspiele, ebenso lange lernen kleine und große Kinder spielerisch das Miteinander. Sogar an den großen Runkelrübenschnitztischen, die rappelvoll mit Geisterschnitzern sind, gibt es keinen Streit. Im Gegenteil. Die Kleinen loben die mit Teelichtern leuchtenden Gruselgesichter der anderen, geben und holen sich Tipps, wie es am besten geht. An jedem Rübengesicht hängt ein Namenszettel, später nimmt jeder sein Kunstwerk mit nach Hause. Vorher wird gestaunt über den Feuerkünstler, der scheinbar aus dem Nichts plötzlich auftaucht und zu großem Staunen bei Jo, den Freunden, Mitarbeitern, Großeltern, Eltern und Enkeln sorgt. „Das ist besser als jedes Halloween“, sagt Eileen (12). Jo nickt. „Als ich ein kleiner Junge war, habe ich schon Runkelrüben geschnitzt und es hat Spaß gemacht. Kürbisse kamen erst viel später. Man muss nicht alles ändern. Der Duft von Futterrüben bleibt in Erinnerung. Auch mit 85 Jahren.“ Sabine Schramek

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