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?Wenn ich geehrt werde, dann bekommen damit auch die gedemütigten Frauen ihre Ehre zurück?, sagte Kristina Hänel gestern.

Abtreibungsdebatte

Rückenwind für Gießener Ärztin

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Sie ist zu Geldstrafen verurteilt und sogar bedroht worden: Nun erhielt Ärztin Kristina Hänel für ihr Engagement für schwangere Frauen in Not den Olympe-de-Gouges-Ehrenpreis südhessischer SPD-Frauen.

Wer im Kampf um eine umstrittene Herzensangelegenheit Unterstützungen ebenso wie Anfeindungen erhält, findet vor einer Preisverleihung wohl keine ruhige Nacht. „Bei dem Gedanken, was ich heute sagen würde, konnte ich einfach nicht schlafen“, berichtete Kristina Hänel. Ihr war klar, dass sie ihre Auszeichnung mit jenen Frauen teilt, denen sie in ihrer persönlichen Not beistehen will: „Denn wenn ich geehrt werde, dann bekommen damit auch die gedemütigten Frauen ihre Ehre zurück.“

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen Hessen-Süd zeichnete die Gießener Allgemeinmedizinerin gestern in der Evangelischen Akademie mit dem Olympe-de-Gouges- Ehrenpreis aus, da sie trotz rechtskräftiger Verurteilung weiterhin Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbrüche bereitstellt, was nach Paragraf 219 a verboten ist.

Da der Ehrenpreis selbst nicht dotiert ist, stellt Hänel die bei den Anwesenden eingesammelten Spenden von rund 500 Euro den Projekten der Organisation „Medical Students for Choice“ zur Verfügung. Die Ärztin wurde vergangenes Jahr wegen Informationen zum Schwangerschaftsabbruch auf ihrer Homepage zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt. Ihre Berufung wurde kürzlich vom Landgericht Gießen abgewiesen. „Der Richter musste sich an das bestehende Gesetz halten, doch in der Sache steht er auf meiner Seite“, betonte Hänel.

Die 57-jährige Ärztin, die selbst zwei Kinder und fünf Enkelkinder hat, steht durch die Auszeichnung in einer Reihe mit dem Geschäftsführer der Firma Contragast Martin Kessel, der für den Weitervertrieb des Abtreibungsmedikaments Mifegyne geehrt wurde. Der Preis wurde 2001 von der Vorsitzenden der sozialdemokratischen Frauen Hessen-Süd Ulli Nissen initiiert und der französischen Revolutionärin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges gewidmet.

Obwohl Hänel auf ihrer Homepage nicht für Abtreibung wirbt, wurde sie wiederholt angezeigt, angefeindet und bedroht. Sogar anonyme Morddrohungen habe es gegeben, was ihre Familie entsprechend belastete. „Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, sind in einer persönlichen Notlage“, ließ Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in ihrem Grußwort ausrichten. Zusammen mit Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD), die ihre Glückwünsche ebenfalls ausrichten ließ, setzt sie sich deshalb für eine Reform des Paragrafen 219 a ein, um die gute Arbeit von Ärztinnen und Ärzten zu entkriminalisieren.

„Wir brauchen eine überparteiliche Lösung“, betonte Nissen. Die von einer Hip-Hop-Gruppe einer Tanzschule begleitete Veranstaltung fand auch deshalb in der Evangelischen Akademie statt, weil die evangelische Kirche an der Seite der Reformer steht. „Frauen handeln nicht aus Leichtfertigkeit, sondern aus Liebe“, betonte Hänel abschließend. Selbst dann, wenn sie etwa nach einer Vergewaltigung kein Kind bekommen möchten, dass sie niemals lieben können.

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