Noch immer klafft eine Wunde in der Schulter von Mischling Gibor, jeden Tag muss Halter Thomas Kalman den Verband wechseln. Dabei liegt der Zwischenfall, bei dem der Rüde von einem Hund aus der Nachbarschaft beinahe totgebissen wurde, bereits eineinhalb Jahre zurück.
+
Noch immer klafft eine Wunde in der Schulter von Mischling Gibor, jeden Tag muss Halter Thomas Kalman den Verband wechseln. Dabei liegt der Zwischenfall, bei dem der Rüde von einem Hund aus der Nachbarschaft beinahe totgebissen wurde, bereits eineinhalb Jahre zurück.

Stadt zögert

Rüde fast totgebissen - Halter fordert Gassi-Verbot für Nachbarhund

  • Alexander Gottschalk
    VonAlexander Gottschalk
    schließen

Zweimal sind der Berkersheimer Thomas Kalman und sein Hund von einem Hirtenhund eines alten Ehepaars angegriffen und verletzt worden. Und obwohl selbst das Bundesverwaltungsgericht das Frankfurter Ordnungsamt zu mehr Sorgfalt in dem Fall ermahnt hat, passiert wenig. Der unberechenbare Hund ist immer noch unterwegs.

Thomas Kalman (31) fühlt sich mit seinen Sorgen von der Stadt Frankfurt alleingelassen. Der IT-Berater kramt in der Hunde-Apotheke, die er im Wohnzimmer seines Hauses in Berkersheim eingerichtet hat. Seit eineinhalb Jahren klafft an der Schulter seines neun Jahre alten Mischlingsrüden Gibor ein Loch. Im Dezember 2016 hat ein anderer Hund ihn beim Gassigehen attackiert und fast totgebissen. Auch Kalman wurde an der Hand verletzt. Der Angreifer hatte sich zuvor von seinem Frauchen losgerissen.

Für Kalman kam der Vorfall wenig überraschend. 2013 hatte der Hund seinen Gibor das erste Mal attackiert. Seither steht für Kalman fest, dass die Halter nicht in der Lage sind, ihren Hund zu kontrollieren. „Er ist keine blutrünstige Bestie. Er ist nur in den falschen Händen“, kritisiert Kalman, dessen Freundin Hundetrainerin ist. Das Tier wiege 50 Kilo, für das betagte Paar (77 und 90) sei der Herdenschutzhund kaum zu bändigen, vor allem im Notfall nicht. Fußgänger, Radfahrer und Tiere seien nicht sicher.

Seit fünf Jahren wiederholt er diese Bedenken auch vor der Stadt. Er fordert vom Ordnungsamt, den Senioren zu verbieten, ihren Hirtenhund weiter in der Öffentlichkeit zu führen. Doch die Behörde greife einfach nicht durch, moniert er.

Ärger in der Nachbarschaft

Kalman und das ältere Ehepaar wohnen nur Straßenzüge voneinander entfernt, ihre Wege hatten sich in den Feldern hinter Berkersheim schon häufig gekreuzt. Im Januar 2013 kam es dann zum ersten Vorfall: Der italienische Rassehund Cane da Pastore Maremmano-Abruzzese stürzte sich beim Gassigehen auf Kalmans deutlich kleineren Hund. Der Angreifer hatte sich von seinem Herrchen losgerissen. Gibor blieb unverletzt, weil Kalman eingriff. Er selbst trug eine Bisswunde davon.

Kalman meldete den Vorfall umgehend beim Ordnungsamt. Die Behörde setzte sich mit den Senioren in Verbindung. Weil die einen freiwilligen Wesenstest für das Tier vorlegten und zusicherten, den Hund nur mit Maulkorb auszuführen, sah die Sachbearbeiterin von weiteren Sanktionen ab.

Statt eines vollwertigen Maulkorbs habe der Hund aber nur eine Haltevorrichtung um die Schnauze getragen, die das Beißen nicht verhindern könne, beanstandet Kalman. Erneut informierte er die Stadt. Konsequenzen blieben aus. Also wechselten er und Gibor zum Spazierengehen auf ein Feld in Bonames. Größere Zwischenfälle gab es nicht mehr.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2016 passierte dann das Unglück: Als Kalman und Hund nun doch einmal auf den Berkersheimer Feldern unterwegs waren, stand prompt der Hirtenhund vor ihnen. Wieder war er beim Gassigehen ausgebüchst, wieder griff er an, wieder versuchte Kalman ihn aufzuhalten, dieses Mal ohne Erfolg. Der Hirtenhund verletzte Gibor lebensgefährlich. Drei Mal musste das Tier operiert werden, eine der Wunden entzündete sich, bis heute ist sie nicht verheilt. Noch immer muss Gibor eine Halskrause tragen. Kalman biss der Hirtenhund in Arm und Fuß.

Er stellte Strafanzeige wegen Körperverletzung. Der Richter stellte das Verfahren gegen eine Zahlung von mehreren Hundert Euro ein. Das Ordnungsamt erklärte den Angreifer derweil zum „gefährlichen Hund“. Der Hirtenhund muss seither laut Hundeverordnung mit Maulkorb geführt werden. Vor einem Gutachter musste das Tier erneut eine Wesensprüfung ablegen. Auch die Halter wurden getestet, ob sie körperlich und geistig in der Lage sind, das Tier zu kontrollieren.

In der Folge erhielt nur die 77-Jährige die Erlaubnis zur Hundeführung. Trotzdem sei ihr 90-jähriger Mann später mehrmals allein mit dem Hund spazieren gegangen, sagt Kalman. Wieder habe das Tier stets nur Maulschlaufe getragen, keinen Maulkorb.

Mit seinem Klagen bei der Stadt hat sich Kalman im Stadtteil nicht nur Freunde gemacht, das Ehepaar ist beliebt in Berkersheim. Aber der 31-Jährige ist nicht allein. Auch Claudia Leone aus Berkersheim sagt: „Die Besitzerin kann den Hund nicht halten.“ Er habe beim Joggen nach ihr geschnappt. „Der Hund ist genauso gefährlich wie ein Kampfhund", sagt sie. Und Simone Sans sagt, weil Hund und Herrchen wiederholt negativ aufgefallen seien, sei sie besonders vorsichtig: "Das ist schon eine Belastung beim Gassi-Gehen."  Beide wurden beim Ordnungsamt vorstellig, geändert habe sich jedoch nichts.

Gerichtshof erkennt Gefahr

Ende 2017 sprach Kalman schließlich beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel vor. Dieser entschied, dass die Stadt „nicht hinreichend“ ermittelt habe, ob ihre Gefahrenabwehrmaßnahmen ausreichten. Der VGH forderte die Sacharbeiterin auf, die erteilte Erlaubnis zur Hundeführung zu überprüfen. Das Gericht erkannte außerdem eine fortbestehende Gefahrenlage. Auf Anfrage dieser Zeitung teilte das Ordnungsamt nun mit, die Ehefrau dürfe den Hund weiter führen, ihn aber nicht ihrem Mann überlassen. Es besteht weiter Maulkorbzwang. Die Stadtpolizei soll die Auflagen kontrollieren.

Das Ehepaar hat Widerspruch eingelegt. Bei ihrer Entscheidung beruft sich die Abteilung „Gefahrenabwehr, gefährliche Tiere“ des Ordnungsamtes auf eine neues Gutachten vom Mai. Darin attestiert eine Eschborner Tierärztin dem Hirtenhund, sich gegenüber zwölf Artgenossen aggressionsfrei verhalten zu haben. Auch die Halterin habe mit dem Tier keine Probleme gehabt. Dass sie körperlich ungeeignet ist, könne man derzeit nicht erkennen, so die Stadt. Außerdem habe sich der letzte Zwischenfall mit Kalman bereits 2016 ereignet.

Kalman nimmt das Gutachten nicht ernst. „Hirtenhunde agieren territorial“, sagt er. „Das Tier benimmt sich im heimischen Berkersheimer Feld anders als bei den Tests in Eschborn.“ Ob die Seniorin den Hund also auch in einem Notfall halten könnte, sei nie bewiesen worden – denn solche eine Situation habe es beim Test nie gegeben. „Was muss passieren, damit die Stadt durchgreift?“, fragt Kalman.

Das Ehepaar will sich nicht äußern. Sein Anwalt verweist lediglich auf das jüngste Gutachten. Darin heißt es allerdings, dass individuelle Antipathien gegenüber bestimmten Hunden nicht auszuschließen seien. Die Tierärztin empfiehlt den Haltern daher, sich auf Gassigeh-Zeiten zu einigen.

Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels hieß es fälschlicherweise, dass Frau Sans gesagt habe, der Hund sei so gefährlich wie ein Kampfhund. Da ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Das Zitat gehörte eigentlich zu Frau Leone. Wir haben das korrigiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare