Im Hintergrund die Skyline, rechts entsteht eine ?neue? Bretterbude: Dieses Bild bot sich gestern auf dem Industriegrundstück in der Gutleutstraße.
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Im Hintergrund die Skyline, rechts entsteht eine ?neue? Bretterbude: Dieses Bild bot sich gestern auf dem Industriegrundstück in der Gutleutstraße.

Hüttendorf im Gutleutviertel

Rumänen hausen erneut auf der Brache

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Sie sind wieder da, die Bettler aus dem Gutleutviertel. In mehreren Hütten, angebaut an eine Grundstücksmauer, hausen etwa 20 bis 30 Menschen auf dem Grundstück Gutleutstraße 332. Bei der Stadt Frankfurt prüft man jetzt, was zu tun ist.

20 bis 30 Rumänen campieren seit einigen Monaten auf dem Grundstück Gutleutstraße 332. Sie wohnen in Holzhütten. Am Montag zur Mittagszeit sind fast keine Bewohner da. Nur ein junges Paar öffnet, als an die Tür geklopft wird. In sehr gebrochenem Deutsch berichtet der Mann, er suche Arbeit. Nein, mehr möchte er nicht sagen. Sein Zuhause ist eine Bretterbude, das schräge Dach ist mit Steinen und Holz beschwert, damit es bei Wind nicht wegfliegt. Seine Hütte ist mit Isoliermatten gegen die nächtliche Kälte geschützt.

Neubau aus Möbelholz

Ein paar Hütten weiter entsteht gerade ein „Neubau“. Offenbar hat der künftige Bewohner Schränke vom Sperrmüll geholt. Die Pressspanwände sind sauber nebeneinander angeschraubt, bilden Außenwände. Ein anderer Nachbar liebt es dekorativ – hübsche Decken hängen über den Holzwänden und sollen die Hütte etwas isolieren.

Ihren Lebensunterhalt verdienen sich die Bewohner auf unterschiedliche Weise. Sie suchen Arbeit, sammeln Pfandflaschen, die Frauen betteln in der Innenstadt. Dies berichtet Peter Postleb, der ehemalige Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt, inzwischen als Sicherheitsberater aktiv. Ihm ist der Schandfleck vor einigen Tagen aufgefallen.

So sieht es dort aus: Überall liegt Müll zwischen den Hütten. Kniehoch türmen sich Berge aus Tüten und Schutt, durchnässt vom Regen. Alte Fahrräder lehnen an Hütten, die mit Vorhängeschlössern gesichert sind, wenn die Bewohner nicht zu Hause sind. Doch auch achtlos weggeworfene Fahrradteile, ein Fahrradanhänger und diverse andere Metallstücke erinnern an einen Schrottplatz.

Warum die Menschen, wenn sie schon in Hütten leben, nicht wenigstens im eigenen Interesse den Müll vom Schrott trennen, für einigermaßen wohnliche Verhältnisse vor ihren Hütten sorgen, ist nur schwer zu verstehen. Peter Postleb verlangt Reaktionen von der Stadt. „Frankfurt müsste doch etwas tun können. Da gibt es eine Bauaufsicht, es gibt ein Gesundheitsamt, die müssten dem Grundstückseigentümer Druck machen.“ Denn dieser Grundstückseigentümer, eine Finanzfirma mit Sitz in Frankfurt und Registrierung auf den Cayman-Inseln, müsse gewährleisten, dass ihr Grundstück keine Gefährdung darstellt. Dies scheint jedoch derzeit der Fall zu sein.

Der Zaun ist offen

Der Zaun ist an zwei Stellen geöffnet. „Da können ja auch Kinder rein, um zu spielen“, sagt Postleb und weist auf eine tiefe Grube, in der sich nasser Müll stapelt. „Wenn da jemand reinfällt . . .“ Davon abgesehen gibt es weder Müllabfuhr, noch Toiletten oder Kanalisation. Ihre Notdurft verrichten die Bewohner im Freien etwas abseits der Hütten, organische Abfälle finden sich ebenfalls zuhauf. „Das zieht die Ratten an“, sagt Postleb. Wenn es jetzt wärmer werde, verschärfe sich das Problem.

Der Grundstückseigentümer war gestern für die Presse nicht zu erreichen. Die Frankfurter Bauaufsicht will heute eine Stellungnahme abgeben. Umwelt- und Gesundheitsdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) sieht ihre Ämter derzeit nicht in der Pflicht. „Das ist in erster Linie Sache des Ordnungsamtes und der Polizei“, sagte sie. Ihre Ämter würden hinzugezogen, wenn es gilt, etwa Umwelt- oder Gesundheitsgefahren zu bannen.

Dr. Antoni Walczok, stellvertretender Leiter der Abteilung Hygiene im Gesundheitsamt, versicherte: „Wir werden uns mit dem Ordnungsamt zusammentun und uns einen Eindruck vor Ort verschaffen.“ Die Rechte des Grundstückseigentümers gehen weit, doch wenn Gefahren wie eine Rattenplage von dem Grundstück ausgingen, könne auch ohne Einwilligung des Eigentümers eingegriffen werden.

Beim Ordnungsamt sagte Sprecher Ralph Rohr, dass die Stadt zunächst nicht zuständig sei. „Das Grundstück gehört einem Privatunternehmen. Wenn sie es geräumt haben wollen, müssen sie sich an die Gerichte und die Polizei wenden.“ Im Sicherheitsdezernat bestätigt man diese Einschätzung. Auch im Sozialdezernat gibt es keine Zuständigkeit. „Wir haben vor zwei Jahren alles geprüft“, sagte Sprecherin Manuela Skotnik. „Die Bewohner heute sind sicher teilweise die gleichen wie damals. Sie kommen aus Osteuropa. Wir haben geprüft, ob sie in Deutschland Ansprüche haben, das war nicht der Fall. Alles, was wir tun konnten, war anzubieten, ihnen Rückfahrkarten zu bezahlen.“ Dies wurde meist abgelehnt. „Mehr konnten wir nicht machen.“

Ansprüche prüfen

Aktuell, so Skotnik, könne die Stadt nicht mehr tun als damals: Für eine Unterkunft sorgen, in der die Rumänen bleiben können, bis feststeht, ob sie Ansprüche haben. Ist dies nicht der Fall, wird ihnen ein Ticket in die Heimat angeboten. Vor zwei Jahren waren die meisten geblieben. Ihre Devise: „Lieber unter der Brücke in Deutschland als im Slum in Rumänien.“

Anspruch auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II haben europäische Arbeitnehmer, wenn sie in Deutschland mindestens drei Monate sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben. Das dürfte bei den Hüttenbewohnern genau so wenig der Fall sein wie vor zwei Jahren.

Damals war das Problem schon einmal akut geworden. Rumänische Arbeiter, die im Zuge der europäischen Freizügigkeit nach Deutschland gekommen und hier durch alle Raster gefallen waren, hatten in einem später zugeschütteten Keller auf dem Grundstück gelebt. Danach zogen sie in ein altes Haus und wohnten dort, bis es abgerissen wurde.

Diese Männer verdienten ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner. Ob es dieselben sind wie damals und vielleicht ihre Frauen nachgeholt haben, ist unklar. Womöglich handelt es sich aktuell auch um eine Großfamilie, die im Westen das Glück sucht.

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